Wie gefährlich sind die Migros-Jacken wirklich?

Eine Greenpeace-Studie stellte hohe Konzentrationen von Giftstoffen in Kinderjacken der Migros fest. Ein Forschungsinstitut nimmt nun Stellung zu den von der Migros bestrittenen Messungen von Greenpeace.

Enthält laut Greenpeace-Bericht eine hohe Schadstoff-Konzentration: Der Reissverschlussanhänger an einer Kinderjacke der Migros-Marke Trevolution.

Enthält laut Greenpeace-Bericht eine hohe Schadstoff-Konzentration: Der Reissverschlussanhänger an einer Kinderjacke der Migros-Marke Trevolution.

(Bild: Chantal Hebeisen)

Chantal Hebeisen

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace veröffentlichte gestern einen Bericht, in dem sie vor schädlichen Chemikalien in Outdoor-Kinderjacken der Migros-Eigenmarke Trevolution warnte: «Die Ergebnisse sind alarmierend», sagte Greenpeace-Kampagnenleiterin Mirjam Kopp. Migros-Sprecher Urs Peter Naef konterte: «Für die Kundinnen und Kunden besteht keine Gefahr, auch wenn man die ganze Jacke essen würde.» Jetzt tobt zwischen der Umweltschutzorganisation und dem orangen Riesen ein Streit.

Doch wie gefährlich sind die gefundenen Schadstoffkonzentrationen tatsächlich? Greenpeace schreibt in ihrer Studie, im Reissverschluss-Anhänger der drei Jacken seien Werte von 410'000, 600'000 respektive 740'000 Milligramm pro Kilogramm an Phthalaten gefunden worden. Bei zwei von drei Reissverschlüssen machen die Schadstoffe also mehr als die Hälfte des Anhängers aus. Phthalate werden vor allem als Weichmacher für Kunststoffe verwendet und gelten als fortpflanzungsschädigend. Von den so genannten Per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) wurden Werte bis zu 2.44 Mikrogramm pro Quadratmeter gemessen. Und von den in der Schweiz und der EU verbotenen Nonylphenolethoxylaten (NPE) fand Greenpeace Konzentrationen zwischen 26 und 120 Milligramm pro Kilogramm.

Entscheidend, wie viel Chemie freigesetzt wird

Für Konsumentinnen und Konsumenten sind diese Zahlen schwierig einzuschätzen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt dazu auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet, zur Beurteilung der Gefährlichkeit reiche es nicht aus zu wissen, wie gefährlich der Stoff für sich alleine sei. «Für die Einschätzung, ob von bestimmten Stoffen in Textilien ein gesundheitliches Risiko ausgehen könnte, müsste bekannt sein, in welchem Mass die Chemikalie aus dem Produkt freigesetzt wird.» Entscheidend ist also, wie viel des schadstoffreichen Stoffes über Hautkontakt oder den Mund in den menschlichen Körper gelangen.

Weil Kinder gerade die Reissverschlussanhänger oft in den Mund nehmen, orientierte sich Greenpeace an der Eidgenössischen Spielzeugverordnung, die einen Höchstwert von 0,1 Massenprozent vorschreibt. Die festgestellte Phthalat-Konzentration liegt damit mit 60 Massenprozent um das 600-fache über diesem Richtwert. Das deutsche Forschungsinstitut für Risikobewertung schreibt dazu, aufgrund der Grösse des Anhängers und der Kürze des Hautkontakts könne bei einer bestimmungsgemässen oder vorauszusehenden Verwendung von einer geringen Exposition ausgegangen werden. «Inwieweit das In-den-Mund-Nehmen zu einer relevanten Phthalat-Aufnahme führen könnte, können wir nicht einschätzen», hält das Institut fest. Hierzu würde man die so genannten Migrationsdaten benötigen.

BAG verweist auf Eigenverantwortung der Hersteller

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das sich in der Schweiz mit dem Thema Konsumentensicherheit beschäftigt, schreibt auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet, dass es von Greenpeace gebeten worden sei, die Analyseresultate aus Sicht des Gesundheitsschutzes zu beurteilen und die rechtlichen Regelungen zu erläutern. «Das Gutachten von Greenpeace können wir nicht kommentieren», liess die Medienstelle des BAG verlauten. Man habe Greenpeace ebenfalls mitgeteilt, dass für die Kontrolle der Produkte auf dem Markt die kantonalen Laboratorien zuständig seien.

Bei der Frage nach den Richtlinien verweist das BAG auf die Verordnung über Produkte im Kontakt mit Haut und Schleimhaut sowie die Verordnung über die Sicherheit von Spielzeug. «Zudem gilt das Prinzip der Eigenverantwortung der Hersteller – die Produkte dürfen die Gesundheit nicht gefährden», so das BAG.

DerBund.ch/Newsnet

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