Wie China den Schweizer Firmen zusetzt

«Volle Kraft voraus» lautete jahrelang das Motto für die Expansion nach Fernost. Nun machen verschiedene Firmen eine neue Erfahrung in China. Ein Umdenken in Bezug auf die Schwellenländer ist die Folge.

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Simon Schmid@schmid_simon

Im chinesischen Dalian gastiert dieser Tage das World Economic Forum. Das Treffen der Wirtschaftsführer hat einen Schönheitsfehler: In der Wirtschaft des Gastgeberlandes rumpelt es derzeit kräftig. Eine neue Führung will das Wachstumsmodell umkrempeln, Fragezeichen sind mit dem Bankensektor verbunden, die Wachstumsraten werden nach unten korrigiert. Das bekommen auch Schweizer Unternehmen zu spüren. So etwa der Nahrungsmittelmulti Nestlé, der fast die Hälfte des Umsatzes in Schwellenländern erzielt. «Wir beobachten eine leichte Verlangsamung in China», sagte China-Regionalchef Roland Decorvet heute in die Kameras, als er in Dalian übers Geschäft befragt wurde.

Auch Richemont spürt den Wachstumsknick in China. Die Region Asien-Pazifik bremst den Luxusgüterkonzern, dies geht aus dem heute veröffentlichten Zwischenbericht hervor. Speziell verlangsamt hat sich das Wachstum in China, entsprechend sind die Analysten enttäuscht. Zwar ist das Thema bei Richemont nicht ganz neu, schon vor Monaten räumte Finanzchef Gary Saage Schwierigkeiten im Milliardenmarkt ein. So sollen statt ursprünglich hundert dieses Jahr nur fünfzig Läden eröffnet werden. Das Ergebnis überrascht dennoch. Was sich bereits in den Exportzahlen zum ersten Halbjahr andeutete, wird nun offensichtlich: Chinas Konsumenten sind vorsichtiger geworden.

Arbeit an Distributionskanälen

«Auch in China gibt es Wirtschaftszyklen», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter des Aktien-Research bei der Bank Vontobel. «Nach vielen Jahren ungebremsten Wachstums ist dies für manche Branchen eine neue Erfahrung.» Besonders bei Richemont schlägt der Wandel ein. Innerhalb des Uhren- und Schmuckmarkts verkauft der Genfer Konzern teurere Produkte, viele der Artikel werden zum Verschenken gekauft. Analysten schätzen, dass rund ein Drittel dieser Geschenke im Zusammenhang mit Korruption steht: ein Phänomen, das man in Peking neuerdings gar nicht mehr goutiert. Richemont macht in Schwellenländern über 50 Prozent des Umsatzes, die Hälfte davon fällt in China an.

«Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich werden ihre Investitions- und Wachstumspläne in China überdenken», sagt Ökonom Spiliopoulos. Zu den exponierten Firmen zählt die Swatch Group. Auch ihre Einnahmen stammen zu über 50 Prozent aus Emerging Markets, innerhalb der Ländergruppe macht China sogar zwei Drittel aus. Im Verhältnis zur Konkurrenz ist Swatch stärker im mittleren Preissegment tätig, was mit ein Grund für das bessere Abschneiden ist. Auch Swatch wird bezüglich Chinas jedoch über die Bücher müssen. «Man wird sich Gedanken über die Distributionskanäle machen», sagt Panagiotis Spiliopoulos. Ein Anliegen ist etwa, kaufkräftige Chinesen noch stärker dort anzugehen, wo viele Produkte gekauft werden: an den Feriendestinationen in der Schweiz, in Europa sowie zunehmend auch in China selbst.

Keine reine China-Story

Die Bemühungen von Nestlé zielen in eine andere Richtung. Statt der hiesigen Marken schwenkt man dort vermehrt auf lokale Brands um. So verkauft Nestlé in China nicht nur Nescafé und Maggi, sondern beliefert die Läden auch mit Hühnerbouillon der Marke Haoji und Fixfertig-Reisbrei mit dem Namen Yinlu. Auf diese Brands sprechen die Chinesen besser an. Im Resultat scheint die Strategie trotz wirtschaftlicher Abkühlung aufzugehen. Während das organische Wachstum in den Schwellenländern im ersten Halbjahr von 13,3 auf 8,3 Prozent sank, verzeichnet Nestlé in China laut dem Regionalchef noch immer zweistellige Raten. «Die gute Nachricht ist, dass 1,3 Milliarden Menschen tagtäglich immer noch essen müssen», so Roland Decorvet zu Bloomberg TV.

Auch ABB erzielt rund die Hälfte des Umsatzes in Schwellenländern, rund die Hälfte davon in China. Von der Verlangsamung im Milliardenland bleibt ABB verhältnismässig wenig tangiert: Stärker ins Gewicht fällt der Ausbau der Eisenbahninfrastruktur, den die neue Regierung beschlossen hat. Von dieser geringeren Exposition im Konsumgüterbereich profitiert der Konzern mit Sitz in Zürich. Weniger von China, dafür umso mehr von Indien ist Holcim abhängig. 17 Prozent des Umsatzes werden dort erwirtschaftet. Schwierigkeiten bereiten die Überkapazitäten im Zementmarkt. Wie sich der Wertzerfall der Rupie und die damit verbundene Inflation auf das Geschäft auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Insgesamt liegt der Gewinnbeitrag der Schwellenländer bei Holcim sogar über 70 Prozent.

Entsprechend warnt Sven Bucher, Leiter des Aktien-Research bei der Zürcher Kantonalbank: «Die Verlangsamung der Schwellenländer ist kein reines China-Problem.» Zwar dürften Katastrophenwarnungen in Bezug auf die Emerging Markets fehl am Platz sein. Aber Meldungen wie jene des Verpackungsherstellers Bobst, der Ende August einen Umsatzrückgang von 11 Prozent über die Gesamtregion Asien verzeichnete, machen deutlich: Schweizer Unternehmen werden sich auf die veränderte Grosswetterlage in Bezug auf die Brics-Länder einstellen müssen. Zu diesen zählt – trotz höherer Wachstumsraten als Brasilien oder Indien – auch China.

DerBund.ch/Newsnet

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