Wettlauf um den schnellsten Weg zum Kunden

Amazon schickt Kuriere mit Velos und öffentlichen Verkehrsmitteln los, um Ware innert einer Stunde dem Besteller aushändigen zu können. Auch Schweizer Onlinehändler versuchen, ihre Lieferfristen zu verkürzen.

Jede Minute zählt: Velokurier in New York. Foto: Michael Falco («New York Times», Redux, Laif)

Jede Minute zählt: Velokurier in New York. Foto: Michael Falco («New York Times», Redux, Laif)

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Wie schaffen die das? Als Amazon in den USA mit neuen Rekordzeiten bei der Auslieferung auftrumpfte, interessierte diese Frage brennend. Jetzt gibt es die Antwort dazu: Der Onlinegigant setzt auf die New Yorker U-Bahn, um in Manhattan binnen einer Stunde nach Bestellung die Ware den Kunden zustellen zu können. Laut Amazon-Kurieren, die mit Paketen in der Subway unterwegs gewesen seien, werde für die schnelle Zustellung in erster Linie auf dieses Verkehrsmittel zurückgegriffen, berichtete die «Financial Times». Sonst wäre es nicht möglich, die Lieferfrist einzuhalten. Die Kuriere sind, je nach Auftrag, aber auch zu Fuss und per Velo unterwegs, wie Amazon bestätigt. Autos kommen hingegen nur zum Einsatz, wenn es sich um ein sperriges Produkt handelt, etwa ein Fernsehgerät.

Seit Dezember bietet Amazon diese Form der Auslieferung für Artikel des täglichen Bedarfs, Unterhaltungselektronik und Spielwaren unter dem Namen Prime Now in einzelnen Städten an. Neben New York werden mittlerweile auch Miami, Baltimore, Dallas, ­Atlanta und Austin abgedeckt. Die schnelle Lieferung steht aber nur sogenannten Prime-Kunden offen, die für die bevorzugte Zustellung und weitere Annehmlichkeiten pro Jahr einen Beitrag von 99 Dollar zahlen. Die Zustellung innerhalb von einer Stunde kostet 8 Dollar. Innerhalb von zwei Stunden ist sie gratis.

Die Offensive von Amazon ist das jüngste Beispiel, wie im Onlinegeschäft auf dem Weg zum Kunden um jede Minute gekämpft wird. Die nächste zeichnet sich mit den Paketdrohnen ebenfalls bereits ab. Denn es ist die Lieferfrist, die den Onlineshop gegenüber dem stationären Händler benachteiligt.

Was läuft in der Schweiz?

Wo stehen die Schweizer Anbieter in diesem Wettrennen? Die schnellsten schaffen heute die Auslieferung am selben Tag, wie die Bestellung eintrifft. Die Branche spricht von «Same Day Delivery». Coop bietet dieses Tempo beim Lebensmittel-Onlineshop bereits seit Jahren an – unter Einsatz einer eigenen Lastwagenflotte. Wer am Morgen früh bestellt, erhält die Ware am Nachmittag geliefert. Für die Zustellung am Abend liegt der Bestellschluss nach dem Mittag. Die Zeiten unterscheiden sich je nach Wohnort.

Die Lieferung am Bestelltag bietet seit rund zwei Jahren auch der Onlinemöbelhändler Beliani.ch. Dem Kunden werden dafür auf die Versandkosten noch 350 Franken extra verrechnet.

Seit Ende letzten Jahres ist auch Swisscom ins Rennen um den schnellsten Weg zum Kunden eingestiegen und setzt für die Zustellung auf die Dienste von Velokurieren. Der Service werde von den Kunden geschätzt, heisst es. Zahlen, wie das Angebot genutzt wird, will der Telecomkonzern nicht nennen.

Die Logistik ist mit den Swisscom-Shops verknüpft. Die Produkte, die dort im Angebot sind, stehen entsprechend online auch für die schnelle Auslieferung bereit. Angefangen hat Swisscom mit diesem Konzept in Bern und Zürich. Heute wird «Same Day Delivery» auch in Basel und Genf angeboten. Bis Ende Jahr will man 60 Prozent der Bevölkerung auf diese Weise bedienen können.

Risiko Kundengunst

Für die Logistik sind solche beschleunigten Lieferkonzepte anspruchsvoll. «Es braucht Echtzeitdaten über alle involvierten Systeme hinweg. Das haben viele Händler schon einmal nicht. Und ohne flexible Ressourcen von der Lagerbewirtschaftung bis hin zur Zustellung funktioniert es ebenfalls nicht», sagt Thomas Lang von der Beratungsfirma Carpathia.

Anbieter, die den Schritt trotzdem wagen, setzen sich einem grossen Risiko aus: «Nach wie vor stufen die Kunden das Einhalten des Lieferversprechens, also der Lieferfrist, höher ein als die eigentliche Geschwindigkeit», so der E-Commerce-Experte. Dazu komme, dass die «Same Day Delivery» «unglaublich kostenintensiv ist» und es fraglich sei, «ob der Kunde bereit ist, diese ganz oder teilweise zu übernehmen», sagt Lang. Auch weil in den Ballungszentren stationäre Einkaufsmöglichkeiten bestehen, die zu Randzeiten und an den Wochenenden geöffnet sind.

Lang geht dennoch davon aus, dass es hierzulande nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Händler die Zustellung am Bestelltag zum Standard erklären würden. «Und es wird dann sicher auch einer kommen, der das kostenlos anbietet.» Selbst die Zustellung innert Stundenfrist und per ÖV – ähnlich wie bei Amazon – schliesst Lang für die Schweiz nicht aus: «Die Transportinfrastruktur ist gut ausgebaut, und auch Velokuriere sind etabliert», sagt der E-Commerce-Experte.

Eine Hürde bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gebe es jedenfalls nicht, sofern der Kurier ein gültiges Ticket besitze: «Grundsätzlich könnten Kleinwaren von einem Kurier transportiert werden, sofern sie im Rahmen von Handgepäck sind», heisst es bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ). Und auch bei Bernmobil gilt als Faustregel: «Was eine Person tragen kann, ist erlaubt.»

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