Wer das Klima schützen will, soll Netflix und Instagram meiden

Die französische Denkfabrik «The Shift Project» warnt vor den ökologischen Folgen des digitalen Wandels.

Der Protest der Umweltaktivisten hat Netflix noch nicht erreicht. Foto: AFP

Der Protest der Umweltaktivisten hat Netflix noch nicht erreicht. Foto: AFP

Robert Mayer@tagesanzeiger

Flugscham hat durchaus Chancen, zum Wort (oder Unwort) dieses Jahres zu werden. Wer heute ein Flugzeug besteigt, verspürt einen Rechtfertigungsdruck.

Die digitale Wirtschaft hingegen hat es verstanden, der Klimadebatte unbeschadet zu widerstehen. Der Protest der Umweltaktivisten richtet sich gegen Öl- und Rohstoffkonzerne, Autobauer, Fluglinien oder Banken (weil sie Kohlekraftwerke finanzieren). Doch niemand organisiert Demonstrationszüge zu Amazon-, Google-, Facebook- oder Netflix-Niederlassungen. 

Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass digitale Technologien für vier Prozent des weltweiten Ausstosses an Treibhausgasen verantwortlich sein sollen. Sie übertreffen damit die klimaschädlichen Emissionen des zivilen Luftverkehrs.

Besonnenheit und Mass

Was aus ökologischer Warte besonders bedenklich ist: Der Energiebedarf der digitalen Wirtschaft – zur Nutzung der Dienste und zur Fertigung der Geräte – steigt jährlich um neun Prozent. Ihr Anteil am Treibhausgas-Ausstoss könnte sich so bis 2025 auf acht Prozent verdoppeln. 

Diese Zahlen finden sich in einem Papier, das die französische Denkfabrik «The Shift Project» im März veröffentlicht hat. Es ist ein Appell, den digitalen Wandel in Einklang mit dem Klimaschutz und den beschränkten Rohstoffreserven dieses Planeten zu gestalten.

Um dieses Ziel zu verwirklichen, bedarf es laut den Autoren eines bewussteren Umgangs mit den digitalen Möglichkeiten, die rund um die Uhr verfügbar sind: Nötig seien Besonnenheit und Mass. Der digitale Konsum müsse kritisch hinterfragt werden.

Videos als Energiefresser

In einem kürzlich publizierten Papier hat «The Shift Project» nachgelegt und am Beispiel von Online-Videos ausgeführt, was das heisst. Dass die Pariser Denkfabrik auf dieses Medium fokussiert, kommt nicht von ungefähr: Auf Online-Videos entfallen 60 Prozent des globalen Datenflusses, und sie waren im letzten Jahr für einen Kohlendioxid-Ausstoss von über 300 Millionen Tonnen verantwortlich. Das entspricht der Jahresemission von Spanien und steuert ein Prozent zum weltweiten CO2 bei.

Innerhalb der Online-Videos ist Video-on-Demand – also die Streaming-Dienste von Netflix und Amazon – der grösste Energiefresser; dies mit einem Anteil von 34 Prozent. Dahinter folgen pornografische Videos (27 Prozent), Youtube-Dienste (21) und Videos auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram (18). Wem also der Klimaschutz am Herzen liegt, sollte nicht nur aufs Fliegen verzichten, sondern auch den Video-Konsum drastisch einschränken.

Es reicht aber nicht, an die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen zu appellieren, betonen die Autoren. Nötig seien darüber hinaus Regulierungen. Dafür gebe es zwei Ansätze: entweder den unbeschränkten Zugang zu Video-Diensten erschweren oder die Geschäftsmodelle von Online-Plattformen eingrenzen.

Ersteres wäre gegen die heutigen Flat Rates mit unlimitierten Datenmengen gerichtet; an ihre Stelle sollten Tiefpreisangebote mit begrenztem Datenvolumen treten. Letzteres würde die Mechanismen ins Visier nehmen, die Plattformbetreiber einsetzen, um ihre Nutzer zu einem möglichst langen Verweilen zu verführen, beispielsweise indem die nächste Folge einer Serie automatisch startet, ohne dass man auch nur eine Taste drückt.

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