Was hinter der SBB-Pannenserie steckt

Bei den SBB häufen sich die Störungen. Nur ein Zufall, wie das Bahnunternehmen betont? Nein, sagt Nationalrat Philipp Hadorn.

Wartende Passagiere im Bahnhof Bern, in dem aufgrund einer Stellwerkstörung der Verkehr stillstand. Foto: Adrian Reusser (Keystone)

Wartende Passagiere im Bahnhof Bern, in dem aufgrund einer Stellwerkstörung der Verkehr stillstand. Foto: Adrian Reusser (Keystone)

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11. Oktober, 12.20 Uhr, Bahnhof Bern: technische Störung. Die Weichen in und um den Bahnhof Bern können nicht mehr gestellt werden. Der gesamte Bahnverkehr ist für mehr als eine Stunde lahmgelegt.

9. Oktober, Neubaustrecke Bern–Olten: technische Störung an der Bahnanlage. Während fast eines ganzen Tages geht nichts mehr. Die Interregio-Züge zwischen Bern und Olten fallen aus. Die Fernverkehrszüge werden umgeleitet.

21. September, Wanzwil BE: Defekt an der Lok eines Inter­citys von Bern nach Zürich. Der Zug muss geborgen werden. Die Neubaustrecke ist stundenlang blockiert. Alle Interregio-Züge zwischen Bern und Olten fallen aus. Die anderen werden umgeleitet. Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller muss nach St. Gallen reisen und verpasst beinahe die Sitzung mit den für den öffentlichen Verkehr zuständigen Direktoren der Kantone, um über die Rückzahlung aus der Postauto-Affäre zu sprechen.

18. September, Neubaustrecke Bern–Olten: technische Störung im Stellwerk. Im Feierabendverkehr stehen zwischen Bern und Olten drei Fernverkehrszüge still. Die Passagiere kommen mit bis zu zwei Stunden Verspätung ans Ziel.

Störung: In Bern ging eine Zeit lang gar nichts mehr. Video: SDA

An Ansehen eingebüsst

Die Pünktlichkeit der Schweizer Züge gilt als legendär – zumindest im Ausland. Im Inland haben die SBB dieser Tage bei vielen Kunden an Ansehen eingebüsst. Sind die zahlreichen Pannen nur eine Ansammlung von Einzelfällen? Eine zufällige Häufung? Dieser Ansicht sind die SBB. Sprecher Oli Dischoe teilt mit, es habe in den letzten Wochen und Monaten keine Zunahme an Störungen gegeben. Auch auf der Neubaustrecke zwischen Bern und Olten gebe es gegenüber dem Vorjahr «keinen signifikanten Anstieg von Störungen». Betrachte man isoliert wenige Wochen, gebe es immer statistische Ausreisser.

Es gibt auch andere Stimmen. Philipp Hadorn, Nationalrat der SP, der auch als Gewerkschaftssekretär für die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV arbeitet, sagt: «Die Störungen werden erfasst. Es gibt eine Zunahme.» Das liege zum einen am dichten Fahrplan – aber nicht nur. Hadorn spricht von den vielen Reorganisationen bei den SBB und vom Sparprogramm Railfit 2020. Mitarbeiter seien überlastet, was sich auf die Qualität auswirke. Zudem gebe es in vielen Bereichen schlicht zu wenig Leute. Das führe dazu, dass die SBB einen zweistelligen Prozentsatz an Projekten im Infrastrukturunterhalt nicht ausführen könnten. Das Unternehmen habe zwar beim Bund die finanziellen Mittel für den Unterhalt der Schienen erstritten, könne nun aber diese Finanzen nicht ausschöpfen. Dadurch staue sich der Unterhaltsbedarf. Auch beim Unterhalt des Rollmaterials seien die SBB im Verzug. «Umstrukturierung, Sparmassnahmen, Personalengpässe und Verunsicherung der Mitarbeitenden sind wesentliche Gründe dafür», so Hadorn.

«Viele Mitarbeiter sind überlastet, was sich auf die Qualität auswirkt.»Philipp Hadorn, Gewerkschaftssekretär

Die SBB bezeichnen diese Vorwürfe als «haltlos». Die Störung vom Dienstag auf der Neubaustrecke stehe «nicht im Kontext mit dem Thema Unterhalt», so Sprecher Dischoe. Ursache sei die Hardware gewesen, welche die Datenverbindung zwischen Zug und Strecke herstelle. Diese werde nicht im klassischen Sinne gewartet, da es sich um eine Karte handle, auf der eine Software laufe. Die nötigen Unterhaltsarbeiten, um den Zustand der Bahninfrastruktur stabil zu halten, seien im letzten Jahr wie auch im ersten Halbjahr dieses Jahres getätigt worden.

Dass gewisse Projekte im Infrastrukturunterhalt nicht ausgeführt werden konnten, liege an Einsprachen und Verzögerungen – und nicht daran, «dass Mitarbeitende überlastet waren, wie fälschlicherweise unterstellt wird». Die nicht verwendeten Investitionsmittel vom letzten Jahr seien ausserdem nicht für vorbeugende Unterhaltsarbeiten und Reparaturen bestimmt gewesen, sondern für Erneuerungen – also für den Ersatz von Komponenten, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. «Diese können mittels Unterhaltsmassnahmen auch einige Jahre weiter in Betrieb sein, ohne dass die Sicherheit beeinträchtigt ist», so der Sprecher. Dass nicht alle Mittel ausgeschöpft worden seien, liege auch an tieferen Baukosten, einer höheren Effizienz und Einkaufserfolgen. Auch die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Unterhalt des Rollmaterials seien «haltlos». Dieses funktioniere «grundsätzlich sehr zuverlässig».

Störungsanfällige Systeme?

Eine andere Erklärung hat Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Er sagt, die heutigen digitalen Betriebsführungssysteme seien störungsanfälliger als die früheren mechanischen Signal- und Stellwerkanlagen. Als Beispiel nennt er die Panne vom Dienstag. Die Ursache war eine Störung des Zugleitsystems ETCS. «Die Züge, die auf die Strecke kamen, wurden alle gebremst», sagt von Andrian. «Sie konnten nicht elektronisch geführt weiterfahren.» Als die Neubaustrecke eröffnet worden sei, hätten die SBB dem elektronischen Zugleitsystem noch nicht ganz vertraut und zusätzlich noch klassische Lichtsignale errichtet. An diesen konnten sich die Lokführer bei einer Panne von ETCS orientieren und weiterfahren. Vor zwei Jahren seien die Signale abgebrochen worden. Deshalb gehe nun bei einer Panne gar nichts mehr.

Auch diese Darstellung weisen die SBB zurück. Die alte Signalisation sei aufgrund einer Auflage des Bundesamts für Verkehr zurückgebaut worden, schreibt Sprecher Dischoe. Zudem hätte der technische Fehler unter laufendem Betrieb mit der alten Signalisation «nicht schneller eingegrenzt und behoben werden können». (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.10.2018, 06:12 Uhr

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