Was passiert mit dem Rest der Kuh?

Innereien, Knochen, Mageninhalt: Von geschlachteten Tieren wird mehr verwertet, als man denkt. Und was am Schluss übrig bleibt, verarbeitet eine Fabrik in Lyss zu Brennstoff.

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Adrian Sulc@adriansulc

Es ist ein umfangreiches Sortiment, das die Firma anpreist: Leber, Herz, Lunge, Niere, Blättermagen, Labmagen und Pansen vom Rind, dazu Ochsenmaul, Stierhoden sowie vom Schwein die Vorder- und Hinterfüsse, Zunge, Kopf ganz oder halb und so weiter. Alles «Swiss Qualität» und «für höchste Ansprüche». Doch die Waren der Swiss Nutrivalor sind hierzulande kaum gefragt. Deshalb werden sie in Innereien-freundlichere Gegenden exportiert, etwa nach China und Russland. Dass Innereien oder Augen in Schweizer Würsten landen, ist ein Mythos. Zu Cervelats werden nur Fleisch- und Fett-Abschnitte verarbeitet. Von einem geschlachteten Rind endet nur etwa ein Drittel auf Schweizer Tellern. Doch der Rest landet nicht im Abfall – im Gegenteil. Die Verwertungskette der sogenannten Schlachtnebenprodukte ist lang und ausgefeilt.

Wenn Filet und Koteletts im Schlachthof einmal entfernt sind, bleibt am toten Tier nicht viel Wertvolles übrig. Deshalb haben die Metzger das Geschäft mit den Schlachtnebenprodukten einem gemeinsamen Unternehmen übertragen: der Centravo AG mit Sitz in Lyss. Sie gehört den grossen Herstellern Micarna (Migros), Bell (Coop), Ernst Sutter (Fenaco) sowie kleinen Metzgereien und kümmert sich um alles, was die Metzgerbetriebe nicht selbst verkaufen.

Hundefutter oder Saucenbinder?

Ihre Tochter Swiss Nutrivalor exportiert die besagten Innereien. Nutriswiss, eine andere Tochterfirma, verarbeitet das von den Metzgern abgeschnittene Fett zu Speisefett. Dazu werden die Fettstücke gekühlt ins Werk der Nutriswiss in Lyss geliefert. Dort werden sie zerkleinert und auf 93 Grad erhitzt. So schmilzt das Fett und kann vom Wasser und den Eiweissen (Grieben) getrennt werden. Die Grieben werden heute zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Doch das Unternehmen baut nächstes Jahr in Lyss eine neue Anlage, welche die Grieben so verarbeitet, dass sie als Saucenbinder oder für Würze verwendet werden können. «Wir wollen die Lebensmittel möglichst gut verwerten», sagt Nutri­swiss-Chef Lutz Asbeck. Aus den Schlachtnebenprodukten möglichst viel herauszuholen, ist nicht nur sinnvoll, sondern auch finanziell interessant. Das geschmolzene Speisefett wird gereinigt und gebleicht und dann an die Gastronomie und im Detailhandel verkauft. Die tierischen Fette würden derzeit «eine Renaissance erleben», sagt Asbeck. Tierische Fette seien nicht so ungesund, wie in den letzen Jahrzehnten behauptet wurde, und hätten einen feinen Geschmack. Tatsächlich bewirbt etwa die trendige neue Camping-Beiz im Eichholz ihre Pommes frittes als «frittiert im Rinderfett». Das Schweizer Fett werde auch exportiert, etwa nach Italien, wo es Bäckereien für Grissini verwendeten. Der Nutriswiss-Chef sagt zudem, dass das Unternehmen auch plane, aus dem Fett Rohstoffe für die Pharma- und die Kosmetikbranche herzustellen.

Mit Speisefett, Fleisch fürs In- und Ausland sowie den Knochen, die zur Gelatineherstellung exportiert werden, wird insgesamt rund die Hälfte der Kuh zu Lebensmitteln verarbeitet.

Jedoch findet ein Teil des Schweinefetts in der Küche keine Verwendung und wird zum Mästen von Kälbern eingesetzt. Da das reine Fett keine Proteine (und damit keine DNA anderer Tiere) enthält, ist das gesetzlich erlaubt.

Ein Medikament aus Darmschleim

Beim Schwein werden aus den Därmen zusätzlich Wursthäute und aus dem Darmschleim das Medikament Heparin (gegen Blutgerinnung) gewonnen. Alle weiteren Produkte im Verwertungsprozess sind nicht für den menschlichen Verzehr gedacht.

So werden Schlachtreste und nicht ins Ausland verkaufte Innereien zu Haustier- und Fischfutter. Dem Futter werden auch Hühnerfedern beigemischt, welche zuvor so behandelt wurden, dass sie für die Tiere verdaubar sind. Andere Unternehmen verarbeiten Klauen und Hörner der Schlachttiere zu Dünger für die Landwirtschaft. Die Haut der Rinder wird bereits in den Schlachthöfen vorsichtig abgetrennt, damit sie eine andere Centravo-Tochter an Gerbereien im Ausland verkaufen kann. Schweizer Kalbsleder sei wegen der guten Tierhaltung «qualitativ weltweit führend», schreibt Centravo-Sprecher Georg Herriger. Da eine Kuh bei ihrer Schlachtung vier mehr oder weniger volle Mägen hat, macht deren Inhalt einen bedeutenden Teil ihres Gewichts aus. Aus dem halb verdauten Futter stellen spezialisierte Firmen Biogas her. Nun sind wir ganz unten an der Verwertungskette angelangt. Was von den geschlachteten Tieren bleibt, kann nicht mehr verwertet oder verkauft werden. Oder es handelt sich um das Rückenmark, Hirn und weitere Teile von Rindern und anderen Wiederkäuern, welche wegen der BSE-Gefahr bis heute nicht verwertet werden dürfen. Wer nun denkt, dass diese Schlachtabfälle in einem Ofen verbrannt werden, irrt. In der Schweiz gibt es zwei Anlagen, welche diese Schlachtreste und auch alle anderen Tierkadaver verarbeiten – und in Energieträger umwandeln.

Eine Fabrik steht in Bazenheid im Kanton St. Gallen. Und die andere in Lyss. Wer hier, bei der GZM Extraktionswerk AG im Lysser Industriequartier arbeitet, darf keine schwachen Nerven haben. Und auch Besucher müssen ihren Geruchssinn ausschalten, so gut es geht. 90?000 Tonnen toter Tiere werden hier pro Jahr angeliefert. Aus Schlachthöfen, aber auch aus Tierkörpersammelstellen von elf Kantonen.

Das Büsi wird zu Biodiesel

Lastwagen um Lastwagen kippt hier seine Ladung in den «Bunker», wie das unterirdische Lager genannt wird. Von dort gelangen die Tierkörper in einen riesigen Schredder. Danach wird das Material während 20??Minuten bei 3??Bar Druck auf 130 Grad erhitzt. Damit werden alle Keime abgetötet. So ist auch im Fall einer Tierseuche sichergestellt, dass alle Erreger und Viren zerstört sind.

Nach dem Kochen wird das Wasser abgeschieden – es muss in einer eigens für das Werk gebauten Abwasserreinigungsanlage gesäubert werden und wird dann in die alte Aare geleitet. Übrig bleibt ein Fleischbrei, der energieaufwendig getrocknet werden muss. Danach wird das braune Material inklusive Knochenstücken gepresst, wodurch das Fett vom Rest getrennt wird. So entstehen zwei neue Produkte: Tiermehl und Tierfett. Diese werden ausschliesslich als Brennstoffe verwendet. Das Tiermehl wird in Zementfabriken eingesetzt. «Es hat etwa den Brennwert von Braunkohle», sagt René Burri, Chef des Extraktionswerks.

Mit dem Tierfett kann das Werk selbst betrieben werden. Doch derzeit ist es lukrativer, das Fett in Deutschland in Biodiesel umzuwandeln. «Ökologische Biotreibstoffe sind in Europa sehr gesucht», erklärt Burri. So wird aus Schlachtresten, kranken Nutztieren und verstorbenen Haustieren ein klarer Treibstoff, mit welchem auch die Lastwagenflotte der Centravo durch die Schweiz fährt.

Der Bund

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