Frauenzähler und Eintagsfeministen

Firmen nutzen den Frauentag für sich. Dabei kommen sie teils auf sinnlose, teils auf absurde Ideen.

Eine Grossbank versuchte kürzlich, Mitarbeiterinnen mit einem «Corporate ­Fashion Workshop» zu ködern. Die Frauen erhielten Schminktipps. Foto: Franck Michel (Flickr.com)

Eine Grossbank versuchte kürzlich, Mitarbeiterinnen mit einem «Corporate ­Fashion Workshop» zu ködern. Die Frauen erhielten Schminktipps. Foto: Franck Michel (Flickr.com)

Laura Frommberg@lfrommberg

Der 8. März bereitet den PR-Abteilungen der Unternehmen ähnlich viel Freude wie der Valentinstag den Blumenhändlern. Jede Firma, vom Autohändler bis zum Zahntechniker, bekennt sich anlässlich des Weltfrauentags zur Emanzipation – immerhin ein billiger Weg zu mehr Medienaufmerksamkeit. Besonders beliebt ist in diesem Zusammenhang das Frauenzählen: etwa Frauen in Führungspositionen, Frauen als Firmengründerinnen oder Frauen in Männerberufen. Idealerweise lassen sich über die gezählten Frauen Aussagen machen, die ganz zufällig deren Fähigkeiten mit dem Geschäftsbereich des Unternehmens verknüpfen. Ein Kreditkartenunternehmen kam zum Beispiel auf die Idee, weiblichen Unternehmergeist mit dem Einkommen zu verbinden – das die Firma als Finanzdienstleister natürlich kennt. Das Ergebnis überrascht nicht wirklich: Hat Frau viel Geld, gründet sie eher ein Start-up.

Frauenzählen geht auch im eigenen Unternehmen – eine Fluggesellschaft aus Nahost berichtete stolz, sie beschäftige über 29'000 Frauen. Weibliches Personal mache damit rund 44 Prozent der Angestellten aus. Genauer betrachtet ist das nur mässig fortschrittlich. Von den Mitarbeiterinnen arbeiten 18'000 als ­Kabinenpersonal – und das erhält in der Luftfahrt mit den niedrigsten Lohn. Die restlichen Frauen seien in technischen, professionellen Bereichen (was auch immer das heissen mag) und in Führungspositionen tätig. Im letzteren Bereich sind 2,5 Prozent der Frauen beschäftigt. Aufs Gesamtpersonal bezogen machen weibliche Führungskräfte also nur mickrige 1,1 Prozent aus. Bei Airlines gehört es am Frauentag ausserdem zum guten Ton, mindestens einen Flug nur mit weiblichen Crews zu besetzen.

Schminktipps

Eine schöne PR-Tautologie brachte eine Schweizer Grossbank zustande. Sie verkündete via Pressemitteilung eine Markenkampagne, bei der «Frauen im Fokus» stehen. In einem Video stellt die Firma Fragen, die Kundinnen beschäftigen könnten: «Wie kann ich mehr Zeit zu Hause verbringen?» oder «Wird es meine Ambitionen schmälern, wenn ich ein Baby habe?». Fraglich, ob das hilft, Stereotypen abzubauen. Dieselbe Grossbank versuchte erst kürzlich, weibliche Mitarbeiter mit einem «Corporate ­Fashion Workshop» zu ködern. Frauen erhielten Schminktipps – «Nicht zu viel auftragen» – sowie eine Modeberatung.

Das Highlight des diesjährigen Frauentags-PR-Zirkus liefert eine Dating-App. «Frauen vertreten nicht nur beruflich und politisch, sondern auch persönlich immer klarer ihren Standpunkt», heisst es dort 46 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts und liefert stich­haltige Beweise aus ihren eigenen Er­fahrungen: «Tendenziell laden Frauen mehr Fotos hoch, und fast zwei Drittel der weiblichen Singles geben eine Beschreibung an, während das nur un­gefähr die Hälfte der Männer tun.» Angesichts dieser geballten Ladung an Kreativität wundert es nicht, dass sich ein Grossteil der Frauenversteher als Eintagsfeministen entpuppt und erst nach einem Jahr Erholung wieder mit neuen Ideen von sich hören lässt.

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