«Vielleicht sind auch ein bis zwei Einhörner darunter»

Die Geldtöpfe sind voll: Multis verteilen immer mehr Risikokapital an Schweizer Start-ups. Oft auch zu ihrem Nachteil.

Die Swisscom beteiligt sich am Lausanner Start-up Flyability: Die Spezialdrohnen können sich in engsten Räumen bewegen. Foto: pd

Die Swisscom beteiligt sich am Lausanner Start-up Flyability: Die Spezialdrohnen können sich in engsten Räumen bewegen. Foto: pd

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Für Schweizer Start-ups rollt derzeit der Rubel. Ein Beispiel aus dem Zuger Krypto-Valley: Ende August sicherten sich die Blockchain-Spezialisten der Dfinity Foundation 102 Millionen Franken, unter anderem von der legendären US-Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz. Für den Schweizer Markt ein ausserordentlicher Betrag. Mit dem Geld will Dfinity einen Cloud-basierten «Weltcomputer» bauen. Fast 0,5 Milliarden Franken wurden in den ersten sechs Monaten in Schweizer Startups investiert, deutlich mehr als vor einem Jahr.

Meist geht es weniger spektakulär zu als bei Dfinity. Aber der Markt boomt, auch weil sich immer öfter Grosskonzerne als Risikokapital-bzw. Venture-Capital-(VC-) Geber einbringen. Nächstens wird die VC-Abteilung der Swisscom ein Engagement bei dem Spezialdrohnenentwickler Flyability bekanntgeben, einem Spin-off der ETH Lausanne. Wie viel Geld im Spiel ist, gibt Swisscom nicht preis. Fest steht, «die Anzahl Unternehmen, die im VC-Bereich aktiv sind, hat massiv zugenommen», sagt Thomas Dübendorfer, Präsident des ICT Investor Club, einer Vernetzungsplattform für Start-ups und Investoren.

Start-ups mit besserer Qualität

Für einen Konzern, der Innovation suche, sei es oft günstiger, sich an einem Start-up zu beteiligen, als die Kompetenzen selbst aufzubauen, erklärt Dübendorfer das verstärkte Engagement vieler Unternehmen. Neu ist die von Konzernen gesponserte VC-Aktivität nicht. Bislang sind so unterschiedliche Firmen wie die ZKB, die Post, Versicherungen wie Baloise, Helvetia und Mobiliar oder auch Immobilienentwickler wie SPS als Venture-Kapitalisten in Erscheinung getreten. Auch die Grosskonzerne ABB, Novartis, Roche oder Swisscom sind mit eigenen VC-Teams unterwegs.

Nicht nur Geldüberfluss und Anlagenotstand regen ihre Investitionslust an. Mario Fäh, Länderchef der Start-up-Beratung Etventure, stellt auch eine deutlich bessere Qualität bei den Start-ups fest. «Gründer wie Geschäftsmodelle sind reifer und damit erfolgversprechender», sagt er. Im Fintech-Bereich etwa kommen die Gründer oft aus der langjährigen Bankpraxis und nicht ab Hochschule.

Investiertes Risikokapital nach Sektoren

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Für die Jungunternehmen bringen diese Geldgeber nicht nur Vorteile, im Gegenteil. «Konzerne wollen das eigene Geschäft fördern, nicht das Start-up», nennt Dübendorfer den Zielkonflikt. Oft finden Spezialklauseln den Weg in die Verträge. Konzerne sichern sich damit Vorkaufsrechte oder eine spätere Übernahme. «Bringt sich das Unternehmen zu stark ein, kann es das Wachstum des Start-up massiv beeinträchtigen.»

Ein weiteres Problem stellt sich bei inländisch ausgerichteten Kapitalgebern. Sie sind oft nicht in der Lage, die Start-ups ins Ausland zu begleiten. Besonders für Technologie-Start-ups ist die Auslandexpansion aber alternativlos, um eine signifikante Grösse zu erreichen, sagt Dübendorfer. Zudem würden die Schweizer Konzerngeldgeber eher kleinere Finanzierungsrunden bis 10 Millionen Franken machen. Wer mehr braucht, muss im Ausland nach Geld suchen, also in Deutschland, Grossbritannien oder in vielen Fällen den USA.

Grosse und kleine Fische

Einer der grössten und aktivsten Schweizer Konzernkapitalgeber ist Swisscom. Neulich hat Swisscom Venture 200 Millionen Franken Wagniskapital aufgebracht, 150 Millionen Franken im Rahmen eines neuen, Digital Transformation Fund genannten Vehikels. 50 Millionen Franken hat der Mutterkonzern zur Verfügung gestellt. Investoren sind Institutionelle aus dem In- und Ausland. «Wir sehen uns als Brücke zwischen Seed- und Late-Stage-Investoren», sagt Dominique Mégret, Leiter von Swisscom Venture. Dieser dritte von Swisscom verwaltete VC-Fonds wurde vor vier Monaten geschlossen. Nun sollen in den nächsten vier bis fünf Jahren rund dreissig Positionen aufgebaut werden.

«Typischerweise steigen wir in der ersten Finanzierungsrunde ein», sagt Mégret. Die Firmen müssen in der Regel ersten Umsatz oder ein marktfähiges Produkt vorweisen können. Mit der bisher erzielten Rendite aus 23 Veräusserungen zeigt sich Mégret «sehr zufrieden», sie soll rund 70 Prozent betragen. «Und wir haben weitere erfolgreiche Firmen wie Sophia Genetics im Portfolio», sagt er. Als grösste Exit-Erfolge bezeichnet er den Nasdaq-Börsengang von Quantenna 2016, in der Schweiz den Verkauf des KMU-Software-Spezialisten Bexio an die Mobiliar-Versicherung.

Entwicklung von Quantenna (rot) nach dem Börsengang

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Auch die Mobiliar-Konkurrentin Baloise versucht sich als Venture-Kapitalist, ist aber ein kleinerer Fisch. Zusammen mit dem Londoner VC Anthemis betreiben die Basler einen Venture-Fonds mit einem Volumen von 50 Millionen Franken Er ist auf zehn Jahre ausgelegt und wird von eigenen Vorsorgegeldern gespeist. Bisher wurden sieben Positionen eingegangen. Das Ziel ist, rund zwanzig Investments aufzubauen. «Davon werden zehn wegfallen, acht eine gute Leistung bringen, und vielleicht sind auch ein bis zwei Einhörner darunter. Das zumindest ist die Theorie», sagt Patrick Wirth, bei Baloise für VC-Investments verantwortlich. Das Ziel sei eine Rendite von etwa 10 Prozent im Jahr.

Dass ein Konzern mit einem externen Anbieter zusammenarbeitet, ist keine Seltenheit. Auch Helvetia mit ihrem 55-Mio.-Fr.-VC-Fonds tut dies und kooperiert mit Btov Partners. Der Grund? «Konzerne haben oft noch wenig ausgereifte Kompetenzen auf dem Gebiet. Klassische Venture-Fonds sind als Start-up-Manager erfahrener», sagt Mario Fäh. Zudem besitzen klassische VC-Häuser ein grosses Kontaktnetz und geben Zugang zum nötigen Dealflow. Aber die Unternehmen holen auf, «sie haben in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht», stellt er fest.

Kein Ende des Booms in Sicht

Ein Ende des VC-Booms ist derzeit nicht in Sicht, im Gegenteil. «Das Momentum wird sich verstärken», sagt Thomas Dübendorfer. Zum einen geht es mit der Digitalisierung unvermindert weiter, immer mehr Leute und Konzerne engagieren sich in der Szene. Und zahlreiche Start-up-Förderprogramme tragen zur Dynamik bei.

Entwicklung der Venture-Capital-Investitionen

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Zum anderen gehen kommendes Jahr die Swiss Entrepreneurs Foundation und der Zukunftsfonds an den Start, und mit ihnen eine weitere Milliarde Franken Wachstumskapital. «Es wird zu einer Geldschwemme kommen», prophezeit Dübendorfer. Start-ups werden schneller zu mehr Geld kommen. Die Bewertungen werden in die Höhe gehen, das Umfeld für die Konzerninvestoren wird kompetitiver – für Start-ups sind das gute Neuigkeiten.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 08.11.2018, 21:54 Uhr

Die fünf Finanzierungs-Phasen

Seed-Phase

Mit einem finanziellen Engagement kurz nach der Gründung oder in der Seed-Phase eines Start-up erhalten Gründer, Freunde, Familie oder Angel-Investoren einen Anteil am Unternehmen. Das Start-up hat mehr als ein Konzept, generiert typischerweise aber noch keinen Umsatz oder Gewinn.

Early-Stage-Phase

In dieser immer noch frühen Phase des Start-up-Zyklus befindet sich das Unternehmen noch im Aufbau, Produkt oder Dienstleistung noch in Entwicklung oder in der Test-/Betaphase. Um die Kommerzialisierung anzugehen, wird auf Know-how und Geld von Start-up-Inkubatoren und ersten Risikokapitalgebern zurückgegriffen.

Finanzierungsrunden (Series A, B etc.)

Um Marktreife und Kommerzialisierung voranzutreiben und gleichzeitig die dafür notwendige organisatorische Struktur aufzubauen, benötigt das Start-up Geld, das es sich bei Investoren in diversen Finanzierungsrunden (A, B oder 1, 2...) beschafft. Mit fortschreitender Reife zieht der Umsatz an, das Unternehmen wächst. Gewinn hat aber noch keine Priorität.

Growth-/Later-Stage-Phase

Nach ersten Kommerzialisierungserfolgen muss das Jungunternehmen neue Kundengruppen oder Märkte erschliessen und Produkt- wie Dienstleistungsportfolio weiterentwickeln. Das kann sehr kostspielig sein. Hier engagieren sich nur Kapitalgeber mit substanziellen finanziellen Ressourcen.

Maturity-Phase/Exit

Haben sich Produkt und Geschäftsmodell bewährt, das Start-up eine kritische Grösse und Bekanntheit erreicht, werden sich die VC-Investoren aus dem Investment verabschieden. Das geschieht meist über einen Verkauf (M&A) oder einen Börsengang.

Wie Start-ups in der Schweiz zu Geld kommen

Risikokapitalgeber haben in der Schweiz im ersten halben Jahr 124 Finanzierungsrunden mit einem Transaktionsvolumen von 473 Millionen Franken durchgeführt. Das ist deutlich mehr als im Vorjahr mit rund 160 Millionen Franken in 71 Runden. Punkto Finanzierungsvolumen steht die Schweiz damit im europäischen Vergleich auf dem fünften Platz.

Zu diesem Schluss kommt das Start-up-Barometer des Beratungsunternehmens EY. Das grösste Finanzierungsvolumen meldete das Blockchain-Start-up Dfinity Foundation(102 Millionen Franken), weitere grosse Geldspritzen erhielten Chronext (Uhrenvertrieb, 34 Millionen Franken), Ava Science (Healthcare, 30 Millionen Franken), Breadwinner (IT) und Numbrs (Fintech).

Verlangsamung im letzten Jahr

2017 entwickelte sich im Vergleich zum Wachstum der Vorjahre verhaltener, konnte gemäss dem «Swiss Venture Capital Report» aber dennoch rund 938 Millionen Franken vereinen (+3,2 Prozent gegenüber 2016, vgl. Grafik 1). Die relative Verlangsamung 2017 geht gemäss den Autoren der Studie auf die geringe Risikobereitschaft von schweizerischen, besonders institutionellen Investoren wie Pensionskassen zurück.

Deshalb stammten über 70 Prozent der investierten Gelder 2017 von ausländischen Anlegern. Dennoch kam es zu namhaften Exits wie dem Börsengang des Pharmaunternehmens Obseva am Nasdaq (Volumen: 557 Millionen Franken) oder der Akquisition des Medtech-Spezialisten Symetis durch Boston Scientific für 435 Millionen Franken

Die Wachstumsphase ist kritisch

Schweizer Wagniskapitalgeber sind besonders im Bereich der Frühfinanzierung tätig. Die Sektoren Biotech und Technologie/IT ziehen traditionellerweise das meiste Geld an. Entwächst das Start-up der Gründungsphase und wird Kapital für Wachstum oder Expansion benötigt, sind in der Schweiz nur noch wenige Investoren bereit, Geld zu sprechen. Die Post etwa beschränkt sich auf Minderheitsbeteiligungen in der Seed- und der Series-A-Phase. Das Überleben der in der Szene als «Tal des Todes» bekannten Wachstumsphase ist aber kritisch. Hier wollen zwei neue, gross angelegte Projekte, die Swiss Entrepreneurs Foundation (eine Initiative von UBS, CS und Mobiliar) und der Zukunftsfonds, ansetzen.

Die Vehikel haben eine Zielgrösse von je bis 500 Millionen Franken und sollen im kommenden Jahr lanciert werden. Auch die ZKB hat jüngst einen VC-Fonds von 150 Millionen Franken aufgelegt, der die Kapitallücke der Start-ups in der Late-Stage-/Wachstumsphase schliessen soll. 70 bis 80 Prozent sollen Schweizer Start-ups zugutekommen, die Zielrendite beträgt 10 bis 12 Prozent.

Die Venture-Capital-Szene in der Schweiz ist stark fragmentiert. Den Löwenanteil übernehmen nach wie vor klassische Risikokapitalgeber. Ein bekannter VC-Name ist Lakestar Advisors. Sie ist daran, einen Tech-Fonds mit über 1 Milliarden Franken Volumen aufzubauen. Weitere sind Endeavour Vision (Medtech, letztes Closing: rund 285 Millionen Franken), Biomed Partners (Healthcare, 100 Millionen Franken) oder Red Alpine (100 Millionen Franken).

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