Verwirrende neue Autowelt

Audi lanciert einen Tesla mit Diesel, Volvo bietet von E-Autos über Hybriden bis zu Benzinern alles an. Fahrer stellt die Technikfülle vor eine schwierige Wahl.

Ein Automotor ist nicht einfach ein Automotor: Der Motor des neuen Audi A8 wird mit Diesel betrieben. Foto: Albert Gea (Reuters)

Ein Automotor ist nicht einfach ein Automotor: Der Motor des neuen Audi A8 wird mit Diesel betrieben. Foto: Albert Gea (Reuters)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Der mit viel Trara in Barcelona vorgestellte neue Audi A8 ist, salopp gesagt, ein Tesla mit Dieselmotor. Was wie ein schlechter Scherz tönt, kann für Liebhaber von Audis Luxuslimousine durchaus Sinn machen. Der neue A8 überholt Tesla punkto Selbstfahrtechnik links – auf Autobahnen und Strassen mit Mittelleitplanken übernimmt der «Staupilot» bis Tempo 60 das Fahren – der im Stau stehende Fahrer kann laut Audi das Lenkrad loslassen, sich zurücklehnen und einen Film ansehen. In die Garage oder in die Parklücke fährt der «Parkpilot» des A8 ohnehin ohne Fahrer. Für Vortrieb sorgen aber, ganz klassisch, grossvolumige Diesel und Benziner. Der neue A8 verspricht, langweilige Fahrarbeit abzunehmen, verlangt aber vom Besitzer nicht, sich auf Experimente mit Elektro oder Hybrid einzulassen.

Fülle von Antriebstechniken

Der Selbstfahr-A8 mit Verbrennungsmotor ist also kein kompliziertes Angebot. Was man erhält, weiss man auch beim Robo-Auto von Ford, das letztes Jahr angekündigt wurde und spätestens 2021 für den Massenmarkt bereit sein soll. Es hat kein Steuerrad mehr und keine Pedale; es hat keinen Fahrer, nur noch Passagiere. Fords fahrerloses Auto soll in einer ersten Etappe Pakete und Pizzas ausliefern. Und die Mobilitätsbedürfnisse von immer mehr Städtern befriedigen, die kein Auto haben, sich aber gern von einem Wagen chauffieren lassen, der von einem Computer gesteuert wird. Schnell erklärt ist auch der Tesla selbst – Selbstfahrtechnik vom Feinsten und Elektroantrieb pur.

Aber dazwischen tut sich eine unübersichtliche, verwirrliche Autowelt auf – mit einer Fülle von Antriebstechniken, Mischformen davon und den unterschiedlichsten Graden von Automatisierung des Fahrens.

Volvos letzte Woche vorgestellte Offensive zur «Elektrifizierung» ist exemplarisch für die neue Unübersichtlichkeit. Der schwedisch-chinesische Autohersteller lanciert bis 2021 fünf neue reine Elektroautos, zwei davon wahre E-Boliden. Alle bestehenden Modelle mit Verbrennungsmotor werden jedoch noch auf unbestimmte Zeit weiterproduziert. In andere Modelle baut Volvo neu lediglich zusätzlich einen Elektromotor ein, als Zweitantrieb neben dem klassischen Verbrennungsmotor. Kurz: Benziner und Diesel wird es noch längere Zeit geben. Und immer mehr Hybridautos, denn Volvo und andere Autokonzerne mit leistungsstarken Modellen wissen, dass sie über ihre ganze Flotte gesehen einzig mit viel mehr Elektro- und Hybridautos die immer schärferen Abgasvorschriften einhalten können.

Verantwortlich für die verwirrende Vielfalt sind die Autokonzerne. Sie treibt die Angst vor hohen Strafzahlungen an. Und die Horrorvorstellung, den von Tesla getriebenen Trend zu Elektro- und Selbstfahrautos zu verpassen. Die grosse Mehrheit fährt aber weiterhin Benziner oder mit Diesel. Also bieten sie von allem ein bisschen an. Die typische Reaktion einer Branche, die eine länger dauernde Umbruchphase durchläuft.

Die Konsumenten stellt die neue Unübersichtlichkeit vor eine schwierige Wahl. Den neuen A8 bestellen und sich zurücklehnen? Wohl wissend, dass der Einsatz des Staupilots noch über Jahre in fast keinem Land legal ist, die Fahrer bei einem Unfall von vornherein im Unrecht sind? Ihnen ginge es da nicht anders als Tesla-Besitzern, die den Autopiloten längst für sich arbeiten lassen – oder den Käufern des neuen Tesla 3, mit 35'000 Dollar Basispreis das erste E-Mittelklasseauto – und mit der gleichen Selbstfahrtechnik wie im viel teureren Tesla S.

Abwarten lohnt sich

Mit den neuen Antriebstechnologien steigt das Risiko, auf das falsche Pferd zu setzen. Wie lange in der Praxis die weiterhin kostspieligen Batteriesysteme neuer E-Modelle halten, zeigt sich erst einige Jahre nach dem Einbau. Ein grosses Thema wird der Wiederverkaufswert angesichts der anschwellenden Flut neuer Hybridautos: Wie anfällig ist die Elektronik, wie teuer der Ersatz für eine lahm gewordene Hybridbatterie, wie schmalbrüstig der Hybridantrieb auf der Autobahn? Weltweit über Jahre im Masseneinsatz erprobt sind nur Teslas und die Hybridautos von Toyota.

Steht demnächst der Ersatz des fahrbaren Untersatzes an, kann es sich lohnen, nicht auf die neuste Technik zu setzen, sondern einen genügsamen Benziner oder Diesel mit wenigen Kilometer zu kaufen – und abwarten, was sich bewährt. Die Zahl jener, die ihr Auto aufgeben oder direkt auf Mobility oder Mietautos setzen, wächst ohnehin. Sie sind gut gerüstet für die Zukunft der Robo-Autos ohne Steuerrad und Pedale.

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