Übernahmeangebot der Jungfraubahn wirft Fragen auf

Jungfraubahn-Chef Urs Kessler will für rund 2 Millionen Franken zwei Konzern­töchter ganz übernehmen. Ein Experte wundert sich über den tiefen Preis.

Hardermandli bei der 100-Jahr-Feier der Harderbahn.

Hardermandli bei der 100-Jahr-Feier der Harderbahn.

(Bild: Valérie Chételat (Archivbild))

Mischa Stünzi

Warum ist der gebotene Preis so über­raschend tief? Warum wird der unabhängige Bericht zur Offerte nicht veröffentlicht? Warum sind die Verwaltungsräte der Übernahmeziele nicht in den Ausstand getreten, obwohl sie auf der Lohnliste der Käuferin stehen?

Mit Spannung wurde die Übernahmeofferte der Jungfraubahn-Gruppe für die beiden Tochtergesellschaften Harderbahn AG und Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren AG erwartet. Nun liegt sie vor. Die Harderbahn-Aktie (zu nominal 50 Franken) kann in 4 Jungfraubahn-Aktien getauscht oder für 360 Franken verkauft werden. Papiere der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren (BLM) sind 2 Jungfraubahn-Aktien oder 190 Franken wert. Warum eine Jungfraubahn-Aktie einmal dem Gegenwert von 90 Franken entspricht und einmal jenem von 95 Franken, wird weder in der Offerte noch auf Anfrage begründet.

Bereits im Dezember hatte die Jungfraubahn-Gruppe angekündigt, sie wolle die Konzernstruktur vereinfachen und zu diesem Zweck die beiden Töchter komplett übernehmen – aktuell besitzt die Jungfraubahn-Gruppe 69 Prozent an der Harderbahn und 80 an den BLM.

Zwangsabfindung ist «denkbar»

Die Minderheitsaktionäre müssen sich bis Anfang März entscheiden, ob sie das Angebot annehmen wollen oder nicht. Sollten einige Aktionäre ihre Papiere nicht verkaufen wollen, könnte die Jungfraubahn-Gruppe einen so genannten Squeeze-out vornehmen. Dabei würden die unwilligen Teilhaber zwangsweise ausgeschlossen und dafür finanziell entschädigt. Laut Mediensprecherin Patrizia Bickel ist dieses Vorgehen «denkbar». Es ist aber nur möglich, wenn 90 Prozent der Aktionäre dem Squeeze-out zustimmen. «Über das weitere Vorgehen werden wir nach Ablauf der Angebotsfrist entscheiden und informieren», sagt Bickel.

Als enttäuschend bezeichnet der Nebenwerte-Kenner Björn Zern das Angebot. Ende Dezember hatte er die Offerte für die Harderbahn-Aktie noch auf rund 700 Franken geschätzt. Nun schreibt er in einem Beitrag: Die gebotenen 360 Franken entsprächen dem 6-Fachen des Jahresgewinns von 2014. Die Jungfraubahn-Aktie werde dagegen zum 17-fachen Gewinn gehandelt. «Noch weniger nachvollziehbar ist das Angebot für die Aktien der Bergbahnen Lauterbrunnen-Mürren», so Zern weiter. Bei einem Preis von 190 Franken je Titel betrage der Wert des Unternehmens gerade einmal 760'000 Franken – und das bei einem Eigenkapital von über 7 Millionen Franken.

Enge Verflechtungen

Dass interessierte Kreise bei der Jungfraubahn-Offerte ganz genau hinschauen, kommt nicht von ungefähr. Aufgrund enger Verknüpfungen zwischen den Gesellschaften ist die Transaktion heikel. So amtet etwa Jungfraubahn-Geschäftsführer Urs Kessler als Verwaltungsratspräsident der beiden zu übernehmenden Tochtergesellschaften. Insgesamt sind drei der fünf Verwaltungsräte im Dienste des Mutterkonzerns. In den Ausstand getreten sind sie nicht. Dafür sah man offenbar keine Veranlassung: «Keiner der Verwaltungsräte befindet sich bei dieser Transaktion in einem privaten Interessenkonflikt», begründet Jungfraubahn-Sprecherin Bickel. Das Gremium habe einstimmig entschieden.

Damit die Minderheitsaktionäre trotz dieser Verflechtungen ein faires Angebot erhalten, ist das Umtauschverhältnis aufgrund einer Unternehmensbewertung des Beratungsunternehmens Gfeller & Partner vorgenommen worden. Die auf Fusionen und Übernahmen spezialisierte Corporate Finance Group habe zudem als unabhängige Instanz die Offerte geprüft, teilt die Jungfraubahn-Gruppe mit. Dieser Bericht wird allerdings nicht veröffentlicht, heisst es auf Anfrage. Auch die betroffenen Teilhaber erhalten keine Einsicht. «Da weder die Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren AG noch die Harderbahn AG an einer Börse kotiert ist, untersteht dieses Geschäft nicht den besonderen Formvorschriften für ein öffentliches Kaufangebot», erklärt Bickel.

Die geplante Transaktion wird die Bahngesellschaft gemäss eigenen Angaben rund 2 Millionen Franken kosten.

Der Bund

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