Über moralisch unbedenkliche Geldanlagen

Am Forum Fokus Ethik in Thun suchte BEKB-Präsidentin Antoinette Hunziker-Ebneter nach einem Korrektiv zum zerstörerischen Kapitalismus.

Antoinette Hunziker-Ebneter will «nachhaltige Investments» anbieten.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Antoinette Hunziker-Ebneter will «nachhaltige Investments» anbieten.

(Bild: zvg)

Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

Davos hat das Weltwirtschaftsforum WEF, Interlaken das Swiss Economic ­Forum SEF, Bern den Spirit of Bern und Thun nun also das Forum Fokus Ethik. Ethiktagungen sind normalerweise kein Gassenhauer, und so blieben auch im Kultur- und Kongresszentrum Thun zahlreiche Plätze unbesetzt bei der ersten Durchführung, die unter dem Motto «Hauptsache gutes Gewissen» stand.

Dabei hatten die Veranstalter um Präsident André von Wattenwyl keinen Aufwand gescheut, den 150 Teilnehmenden schon am ersten Tag viele Facetten der Moralphilosophie vorzuführen. Das Schöne und gleichzeitig Schwierige an der Ethik ist ja, dass die Frage nach dem guten und moralisch einwandfreien Leben in alle Sparten hineinspielt: So standen am Donnerstag nicht nur Philosophen auf der KKT-Bühne, sondern auch ein Langstreckenläufer, eine Islamwissenschafterin, ein Augustiner-Pater, ein Sportjournalist und eine Bankerin.

«Zu viel war nicht genug», diese Bilanz werde dereinst auf dem Grabstein des Kapitalismus stehen, sagte der Augustiner-Pater Herrmann-Josef Zoche zu Beginn seiner Rede und forderte, die Wirtschaft müsse dringend zur Werteorientierung zurückfinden. Die Fixierung auf die Vermehrung des Kapitals habe dazu geführt, dass die Menschen vor lauter Konsum versäumten, über die grundlegenden Fragen der Lebensgestaltung nachzudenken. «Unser Kompass ist in vielerlei Hinsicht falsch justiert», sagte Pater Zoche – das zeige sich schon daran, dass in der deutschen «Tagesschau» mantrahaft die Börsenkurse verlesen würden, obwohl der Stand des Aktienindexes DAX für die wenigsten wichtig sei. Pater Zoche empfahl die Zehn Gebote aus dem Alten Testament als moralische Grundlage für die moderne Führung. Die Bibel sei als Orientierungsinstanz wesentlich hilfreicher als die meisten Unternehmensleitbilder. So sei es töricht, ins Leitbild zu schreiben «Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt», denn dieser Grundsatz gelte auch unter Kannibalen.

Ethik ist zu oft nur Verpackung

Sinnvoller und folgenreicher sei etwa die Auseinandersetzung mit dem neunten Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut. Gegen dieses werde in vielen Firmen Tag für Tag verstossen. Zoche ist nicht nur als Priester tätig, sondern seit längerem auch als Unternehmensberater und persönlicher Sparringpartner von Führungskräften. Zu seinen Kunden gehörten etwa der frühere Migros-Marketingchef Oskar Sager und Urs Siegenthaler, langjähriger Chefscout der deutschen Fussballnationalmannschaft. Mit seinen Büchern «Die Jesus AG» oder «Die Zehn Gebote für Manager» mischte er sich pointiert in die Diskussion um moderne Führung ein. Zu oft, sagte Zoche in Thun, werde Ethik als schöne Verpackung einer asozialen Wirtschaftspraxis genutzt – etwa dann, wenn ein Konzern «ethical coffee» verkaufe mit Verweis auf die ökologischen Kapseln, ohne die Arbeitsbedingungen der Menschen auf den Plantagen zu erwähnen.

«Wir müssen unsere auf Effizienz und Wachstum fixierte Sichtweise relativieren und uns vermehrt fragen, was die Wirtschaft für das Leben leisten kann und wie eine humane Marktwirtschaft aussehen sollte», forderte Pater Zoche. Er fand in Antoinette Hunziker-Ebneter eine dezidierte Mitstreiterin. Die Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank monierte, es sei höchst unethisch, auf Kosten der nächsten Generationen zu leben. Derzeit finde die grösste Umverteilung aller Zeiten von den Sparern zu den Schuldnern statt. Nicht nur Privatpersonen, sondern auch Pensionskassen könnten ihr Geld nicht mehr rentabel anlegen, weil die Notenbanker die Märkte mit derart viel Geld fluteten, um schwer verschuldete Staaten vor dem Bankrott zu retten. Gleichzeitig drohe auch in der Schweiz ein Rückfall in die Planwirtschaft, stehe doch nach der staatlichen Rettung einer Grossbank nun auch die Verstaatlichung von Atomkraftwerken zur Debatte.

Hunziker-Ebneter appellierte an die Kraft der Zivilgesellschaft, die durch bewusste Anlageentscheide Gegensteuer geben könne. «Der Einsatz von Geld bewegt die Welt» – getreu dieser Maxime gründete die frühere Börsen-Chefin und Derivatehändlerin vor 10 Jahren die Vermögensverwaltungsgesellschaft Forma Futura Invest AG, die ihren Kunden «nachhaltige Investments» anbietet. Das Forma-Futura-Team wählt zu diesem Zweck 200 börsenkotierte Unternehmen aus, die strengen Kriterien standhalten.

10 Prozent investieren nachhaltig

Hunziker-Ebneter betonte am Donnerstag, wer bei Forma Futura «mit gutem Gewissen» Geld anlege, müsse nicht auf Rendite verzichten – die Performance der nachhaltigen Anlagen sei gleich gut oder schlecht wie bei konventionellen Anlagen. Die 56-jährige Forma-Futura-Chefin sagte, in den letzten zehn Jahren habe sich der Anteil der nachhaltigen Geldanlagen in der Schweiz von 3 auf 10 Prozent erhöht. Sie hoffe, den Tag zu erleben, an dem jeder vierte Franken nach ethischen Kriterien angelegt werde.

Bei Forma Futura ist ein solches Investment erst ab 300'000 Franken Anlagevermögen möglich. Bei tieferen Beträgen sei die Direktanlage in einzelne Aktien ohnehin heikel, begründete Hunziker-Ebneter. Für alle weniger Wohlhabenden hatte die BEKB-Präsidentin zum Schluss noch einen sehr pragmatischen Anlagetipp: «Setzen Sie auf die Währung Schweizer Franken, investieren Sie nur so viel in Aktien und Obligationen, wie Sie in den nächsten fünf Jahren sicher entbehren können, und reduzieren Sie Ihre Abhängigkeiten auf ein Minimum.»

Pater Zoche hatte davor in alter Klostertradition zu Genügsamkeit und Genuss der einfachen Dinge aufgefordert und den Beweis erbracht, dass dies mitunter die grösste Rendite bringt: Wer vor drei Jahren für 2000 Euro Aktien der Deutschen Telekom erworben habe, der habe sich beinahe täglich geärgert seither und besitze jetzt nur noch 280 Euro. Wer dagegen für 2000 Euro Bier gekauft habe, der sei jede Woche in den Genuss eines Kastens Bier à 20 Flaschen gekommen und besitze nun Leergut im Wert von 400 Euro. Es war eine wohltuend einfache Anleitung zum guten Leben, mit der der promovierte Philosoph auch bibelferne Wirtschaftsleute erreicht haben dürfte.

Der Bund

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