Städte in Nordamerika buhlen mit absurden Mitteln um Amazon

Der Internetkonzern will einen zweiten Sitz eröffnen. Die Standorte werden bei der Werbung ziemlich kreativ.

Alle reissen sich um seine Gunst: Amazon-Chef Bezos. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Alle reissen sich um seine Gunst: Amazon-Chef Bezos. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Alle wollen Amazon. Tuscon in Arizona schickte Konzernchef Jeff Bezos einen Kaktus, Tulsa in Oklahoma baute eine Kommandozentrale mit 50 Freiwilligen, Gary in Indiana machte mit einem Inserat in der «New York Times» auf sich aufmerksam, Philadelphia nahm ein Bataillon Wirtschaftsstudenten in seine Dienste, und Stonecrest in Georgia versprach schlicht, sich künftig Amazon zu nennen: Das Buhlen um Jeff Bezos und seinen Plan, einen zweiten Geschäftssitz irgendwo in Nordamerika hochzuziehen, nimmt zunehmend fieberhafte und leicht merkwürdige Züge an. Der Run auf Amazon gibt Städteplanern und Steuerexperten zu denken. Sie warnen vor leichtsinnigen Konzessionen zugunsten des Onlinegiganten.

Mitte September trat Jeff Bezos völlig überraschend mit dem Plan an die Öffentlichkeit, für fünf Milliarden Dollar einen zweiten Hauptsitz bauen und bis zu 50'000 neue Arbeitsstellen schaffen zu wollen. Die Ausschreibung ist nur rudimentär und lässt mehr offen, als sie klärt. Doch gerade das scheint das Rennen um den Bau des zweiten Konzernsitzes noch beschleunigt zu haben. Eine abschliessende Sicht ist unmöglich, da die Bewerbungsfrist erst in zwei Wochen abläuft. Doch bewerben sich bereits mehr als 130 Städte in den USA und Kanada um eines der grössten Bauprojekte eines Unternehmens überhaupt.

Bescheiden war Jeff Bezos bei der Ankündigung seiner Pläne nicht: Er stelle einen Durchschnittslohn für die künftigen Amazon-Mitarbeiter von 100'000 Dollar in Aussicht. Ein grosser Flughafen in der Nähe sei nötig, dazu ein Fussgänger-taugliches Stück Land von rund 0,4 Quadratkilometern. Das Ganze entspricht in etwa dem Fussabdruck in ­Seattle, wo der Internetgigant 33 teils futuristische Gebäude besetzt, 24 Restaurants betreibt und 40'000 Angestellte beschäftigt.

Seattle ist durch Amazon zur grössten «Company Town» des ganzen Landes geworden. Keine andere Stadt wird so stark von einer einzigen Firma geprägt, mit allen Vor- und Nachteilen einer Boomtown. Doch der Raum für eine Expansion ist zu klein und der Wettbewerb um Fachkräfte zu gross geworden. Bezos sucht deshalb einen Standort, der mehr Platz bietet und günstiger ist. Das steht zwar so explizit nicht in der Ausschreibung, doch praktisch alle interessierten Städte legen ihr Gewicht beim Buhlen um Amazon auf dieses Argument.

Texas mit guten Karten

Kaum infrage kommt ein Standort an der Westküste. Die Städte haben noch höhere Löhne als Seattle und einen grösseren Fachkräftemangel. Auch steuermässig hat die Westküste keine Vorteile. Exakt das wollen die Tiefsteuerstaaten im Süden und Südosten ausnützen. Um jeden Preis, wie es scheint.

Am weitesten geht Stonecrest, eine erst im Dezember 2016 gegründete Stadt in Georgia. Sie verspricht Bezos nicht nur billiges Bauland in Form eines halb leeren Shoppingcenters sowie tiefe Steuern, sondern auch den passenden Städtenamen: Amazon. «Wer will denn nicht in eine Stadt mit dem Namen Amazon ziehen?», meint Bürgermeister Jason Lary. In Tuscon in Arizona macht die Handelskammer ebenfalls auf die originelle Tour. Sie schickte Bezos einen sieben Meter hohen Kaktus, um die Differenz zwischen dem regnerischen Seattle und dem sonnigen Arizona zu illustrieren. Amazon schickte das Geschenk kommentarlos zurück; gut für den Kaktus, weniger gut für Tuscon.

El Paso und Austin appellieren an die texanischen Wurzeln von Bezos. «Sie sind von Ihrer Erfahrung und Ihrem Blut her ein Texaner, Sir. Sie haben unter uns gelebt, Sie haben ein Haus hier, und Sie sind einer von uns», heisst es in der ­Bewerbung von El Paso.

In Pennsylvania kämpfen Pittsburgh und Philadelphia gegeneinander, streichen die Vorteile ihrer Universitäten hervor und versprechen eine günstige Steueranpassung. Noch verbissener geht es in New York zu und her. Mit der Bronx, Brooklyn und Queens bewerben sich gleich drei Stadtteile, alle mit ähnlichen Argumenten und alle mit gleich geringen Chancen. Kaum in die Kränze dürften aber auch abgelegene Städte wie Fargo in North Dakota kommen, wo die Winter lang und die Eintönigkeit gross ist. Auch die alte Stahlstadt Gary wartet nicht gerade mit einer knalligen Botschaft auf: «Warum nicht Nordwest-­Indiana?»

Bei Lichte betrachtet dürfen Denver, Dallas-Fort Worth sowie Detroit und Toronto (Kanada) zu den echten Favoriten gerechnet werden. Sie können auf Spitzenuniversitäten, Heerscharen von gut ausgebildeten Software- und Marketingexperten, eine vibrierenden Unterhaltungsszene sowie beste Verkehrsverbindungen verweisen. In der Nähe liegen zudem grosse Amazon-Verteilzentren und internationale Flughäfen. Die «­Seattle Times» glaubt, dass Texas einen Vorteil haben könnte, nicht allein weil Bezos dort aufgewachsen ist.

Ein zweiter Konzernsitz in einem republikanischen Staat könnte Amazon einen gewissen politischen Schutz bieten – Präsident Trump hatte gedroht, kartellrechtlich gegen Amazon-Chef Bezos vorzugehen. Für einen Standort in Kanada sprechen die liberale Einwanderungspolitik des Landes und eine generell weltoffene Politik.

Aus dieser Optik erscheint zudem die Bewerbung des aus den Aschen wieder auferstandenen Detroit interessant, da sich die Autostadt zusammen mit der kanadischen Nachbarin Windsor bewirbt. «Bezos bekommt beides, die USA und Kanada», sagt der Detroiter Unternehmer Dan Gilbert. Er ist der grösste Landeigentümer in der Innenstadt und würde Platz schaffen, wenn Bezos kommt.

Doch gibt es auch Städte, die sich bewusst aus dem Gerangel heraushalten, San Jose zum Beispiel. Bürgermeister Sam Liccardo meint, es sei falsch, wenn Städte mit Steuer- und Landgeschenken hantierten. Weit wichtiger seien Investitionen in die Ausbildung der jungen Arbeitnehmer und eine Wirtschaftspolitik, die Start-up-Unternehmen fördere. Liccardo verweist abschreckend auf zwei aktuelle Beispiele – ein Steuergeschenk des Staates Wisconsin von drei Milliarden Dollar für eine Fabrik der taiwanesischen Foxconn und ein Steuernachlass von 213 Millionen Dollar von Iowa für ein Datenzentrum von Apple mit nur 50 Arbeitsplätzen.

San Jose kann sich das Abseitsstehen leisten, ist die Stadt doch mit Intel, Adobe sowie Filialen von Apple und Google mehr als gut bedient. Das Vorgehen von Amazon stösst jedoch auch bei Steuerexperten auf Skepsis. Bezos spiele die Bewerber gegeneinander aus, sagt Matthew Gardner vom Institute on Taxaktion und Economic Policy. «Er will ein Geschenk für etwas, das er ohnehin getan hätte.» Da aber Amazon Top-Arbeitsplätze in eine Region bringe, könnten die Städte nicht anders, als mitzubieten.

Übers ganze Land gesehen, mag der Standortwettbewerb tatsächlich ein Nullsummenspiel sein. Für die Gewinnerin könnte Amazon aber ein neues Wirtschaftskapitel öffnen. Bis vor zehn Jahren war der Stadtteil in Seattle, wo sich Amazon niederliess, noch eine richtige Industriewüste. Heute boomt es dort mit Wolkenkratzern, Feinschmeckerlokalen und Verkehrsstaus. Jeff Bezos ist zufrieden mit dem Buhlen um seine Gunst: «Wir haben die Städte einge­laden, grosszügig zu denken; und nun ­sehen wir, wie kreativ sie sind.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt