Züri-Tram – Bieter rechnet billigere Variante vor

Warum sich Stadler Rail gegen den Entscheid der VBZ zur Trambeschaffung wehrt.

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Simon Eppenberger@S_Eppenberger
Anita Merkt@tagesanzeiger

Stadler Rail und Siemens Schweiz haben beim Verwaltungsgericht Zürich Rekurs eingelegt. Grund ist der Entscheid der Zürcher Verkehrsbetriebe, den Auftrag für die Trambeschaffung an den Konkurrenten Bombardier zu vergeben. Dieser soll 70 Trams für die Stadt Zürich bauen. Die Kosten betragen 358 Millionen Franken.

Das Ausschreibeverfahren habe mit über fünf Jahren ausserordentlich lange gedauert, teilte Stadler Rail mit. Das Unternehmen aus dem Thurgau gehört SVP-Politiker Peter Spuhler. Die Gerüchte über Unstimmigkeiten im Vergabeprozess hätten zu einer starken Verunsicherung geführt, teilt seine Firma mit.

Beim Verfahren der Trambeschaffung kam es zu Streitigkeiten zwischen dem Verkehrsrat des ZVV und den VBZ. Daraufhin wurde nach einem ersten Gutachten zur Vergabe ein zweites vom TÜV in Süddeutschland erstellt. «Das von den beiden gemeinsam erstellte Zweitgutachten konnte die von uns angezweifelten Punkte nicht ausmerzen», sagt Marina Winder, Kommunikationsleiterin der Stadler Rail Group.

Siemens Schweiz bietet günstiger an

Weitere Details will Stadler Rail nicht bekannt geben. Deutlicher wird Mitkonkurrent Siemens. Die Schweizer Tochtergesellschaft des Konzerns legte am 30. Mai ebenfalls Rekurs beim Verwaltungsgericht des Kantons Zürich ein. «Bei den Beschaffungs- und den Betriebskosten liegt unser Angebot massiv tiefer als beim Fahrzeug, das von der VBZ ausgewählt wurde», sagt Siemens-Schweiz-CEO Siegfried Gerlach auf Anfrage.

Er macht folgende Rechnung: Gemäss den von den VBZ veröffentlichten Informationen koste das Siemens-Tram pro Fahrzeug 720'000 Franken weniger. «Alleine bei den Beschaffungskosten für die 70 Erstfahrzeuge sind wir somit über 50 Millionen Franken günstiger», sagt Gerlach. Ein noch ausgeprägteres Bild ergebe sich bei den zusätzlich 70 Optionsfahrzeugen, die weitere Mehrkosten in Höhe von über 60 Millionen Franken ergeben, und den höheren Betriebskosten. Über die gesamte Lebensdauer habe man Zusatzkosten von über 200 Millionen errechnet.

Der günstigere Preis alleine ist für Gerlach aber nicht der einzige Grund für den Gang vor Gericht: «Wir wollen mit der Beschwerde in erster Linie Transparenz für uns erhalten und die Gründe für die Nichtberücksichtigung nachvollziehen können – auch im Hinblick auf künftige Ausschreibungen.» Selbstverständlich würde man sich freuen, wenn die Vergabe dadurch am Ende zugunsten von Siemens ausfällt. Deren Tram sei bereits in anderen Schweizer Städten bewährt.

Noch mehr Verzögerungen absehbar

Den Vorwurf mangelnder Transparenz lässt die VBZ nicht gelten. Die Offertsteller wurden von uns laufend über den Stand des Verfahrens und die Gründe zur Verzögerung informiert, sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl auf Anfrage. Im Rahmen eines Debriefings seien ihnen auch die Gründe im Detail kommuniziert worden, wieso sie den Auftrag nicht erhielten.

Die VBZ erwartet nun gespannt, wie sich das kantonale Verwaltungsgericht verhält. «Für uns ist wichtig, dass der Beschwerde keine aufschiebende Wirkung erteilt wird», sagt Uhl. Auf das Argument von Siemens, wonach deren Angebot massiv günstiger ist, erwidert Uhl: «Es geht bei der finanziellen Betrachtung nicht nur um den Anschaffungspreis, sondern um die Kosten über die ganze Lebensdauer der Fahrzeuge.» Und technisch schwinge das Modell von Bombardier bei den meisten Kriterien obenaus.

Dritte Verschiebung droht

Die Folgen der jüngsten Entwicklung sind derzeit noch offen. Beim Verwaltungsgericht heisst es, über die aufschiebende Wirkung werde in den nächsten Wochen entschieden. Fixe Termine gibt es nicht. Wenn das Gericht die aufschiebende Wirkung nicht aufhebt, kann das Verfahren bis zu einem Jahr dauern, bis die Trams effektiv beschafft werden können.

Ursprünglich sollten 2016 die neuen Trams in Betrieb gesetzt werden. Nach dem Hickhack um die Vergabe war dann geplant, dass Ende 2018 die ersten neuen Züri-Trams von Bombardier durch die Stadt rollen. Die Firma mit Hauptsitz in Kanada bekam den Zuschlag für das Modell Flexity 2.

Haben die Basler bereits das nächste Zürcher Tram? Umfrage zum Bombardier-Modell in der Stadt am Rhein. (Video: Lea Koch)

DerBund.ch/Newsnet

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