Solarstrom für alle

Marge runter und selber bauen: Mit diesem Prinzip will ein Spiezer Solaranlagen für jeden erschwinglich machen. Seine Idee breitet sich gerade schweizweit aus.

Syril Eberhart, der Gründer der EWG (rechts), und Niels Mahler, der Geschäftsführer, auf einem Dach in Rubigen. Im Hintergrund zwei Selbstbauer.

Syril Eberhart, der Gründer der EWG (rechts), und Niels Mahler, der Geschäftsführer, auf einem Dach in Rubigen. Im Hintergrund zwei Selbstbauer. Bild: Adrian Moser

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Jetzt, da seine Idee vor dem Durchbruch steht und sich überall in der Schweiz Gruppen nach seinem Prinzip zusammenschliessen, jetzt will Syril Eberhart erst mal auf Weltreise. Nächste Woche geht es los, für ein Jahr, das Fernziel ist Südamerika. Übernachten will er auf Sofas von Fremden, Couchsurfen nennt man das, und reisen ohne Flugzeug. Die Umwelt ist ihm wichtig. Dafür verzichtet er nicht nur auf das Fliegen. Dafür engagiert er sich auch beruflich.

Der 29-Jährige aus Spiez hat in den letzten vier Jahren ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen aus dem Boden gestampft: die Energiewende-Genossenschaft (EWG). Das Unternehmen installiert Solaranlagen. 160 waren es schon, und jede Woche kommt durchschnittlich eine dazu.

Das Besondere: Das Unternehmen funktioniert gewissermassen nach dem Milizsystem. Die Leute, welche die Solarpanels montieren, sitzen sonst beispielsweise in Büros. Sie montieren die Panels in ihrer Freizeit und helfen sich gegenseitig. Beaufsichtigt und instruiert werden sie von einem ausgebildeten Solarplaner, der von der EWG gestellt wird. Damit alles fair abläuft, gibt es für die Selbstbauer ein Zeitverrechnungssystem. So viele Stunden, wie ihnen andere beim Bau der eigenen Anlage helfen, helfen sie später beim Bau der Anlagen anderer.

5 statt 20 Prozent Marge

An einem Septembernachmittag in Rubigen: Auf dem Dach von Stefan und Marion Meiers Wohnhaus herrscht Hochbetrieb. Stefan Meier, der sonst für das Bundesamt für Umwelt arbeitet, hat frei genommen und hantiert mit einem Akkuschrauber. Sein Vater macht Fotos. Niels Mahler, der die Anlage geplant hat und neu auch Geschäftsführer der EWG ist, gibt Anweisungen. Und zwei Selbstbauer, deren Solaranlagen bereits Strom liefern, tragen ein Panel über Meiers Dach. Einer von ihnen muss insgesamt 29 Stunden abarbeiten, der andere 80.

Die beiden loben das Modell. Die Arbeit sei lehrreich und die Stimmung beim gemeinsamen Mittagessen entspannt. Man vergleiche etwa die Leistung der Solaranlagen untereinander und gebe sich Tipps, wie man möglichst viel Strom von der eigenen Anlage beziehen könne. Und das Wichtigste: Die Anlagen seien durch den Eigenbau deutlich billiger als bei anderen Anbietern.

Eine Anlage mit einer Spitzenleistung von 10 Kilowatt koste den Hauseigentümer bei der EWG um die 10'000 Franken, sagt Syril Eberhart. Bei anderen Anbietern seien es 18'000 bis 20'000 Franken. Bei beiden Angaben sind die Subventionen eingerechnet: Ohne diese wären die Beträge rund 6000 Franken höher.

Dass die Preise tiefer sind als bei Konkurrenten, liege auch an der tieferen Marge, sagt Eberhart. Er schlage 5 Prozent Marge auf die Einkaufspreise. Bei anderen Installateuren seien es 20 bis 30 Prozent, früher teilweise 30 bis 40 Prozent. Die Panels, welche die Energiewende-Genossenschaft verbaut, stammen zu einem grossen Teil von chinesischen Herstellern. Bei einigen Kunden wurden zwar auch schon Panels des Thuner Unternehmens Meyer Burger verwendet. «Aber meistens entscheiden sich die Kunden für die chinesischen Produkte, wenn sie den Preisunterschied sehen», sagt Eberhart.

«Das ist uns zu teuer»

Wie kam der junge Mann, der bei der Firmengründung erst 25-jährig war, zu seiner Geschäftsidee? Eberhart half damals ehrenamtlich bei Spiez Solar mit, einer Organisation zur Förderung der Solarkraft in Spiez. Er führte sogenannte Erstberatungen durch, Gespräche mit interessierten Hauseigentümern, bei denen er ihnen ungefähr vorrechnete, was eine Solaranlage kostet. «Ich hörte sehr oft: ‹Das ist uns zu teuer. Das können wir uns nicht leisten›», sagt Eberhart. Da habe er sich gedacht, dass man daran doch etwas ändern müsste.

Das war im Sommer 2013. Eberhart hatte soeben sein Studium als Elektroingenieur abgeschlossen und wollte – schon damals – auf Weltreise. Doch der Erfolg seiner Idee drohte diesen Plan zunichte zu machen. Als Test hatte er auf dem Dach seiner Eltern in Eigenbau eine Solaranlage installiert. Und gleich darauf folgten weitere Anfragen. Also gründete er die EWG und installierte noch acht weitere Anlagen, bis er sich sagte: «Wenn ich jetzt nicht gehe, dann nie mehr.» Also ging er auf Weltreise, 25 000 Kilometer bis Osttimor, ohne Flugzeug.

Nach einem Jahr kam er zurück und nahm seine Idee wieder auf. An einer Informationsveranstaltung in Spiez stellte er sein Projekt vor und erhielt tags darauf 30 Anfragen für Solaranlagen. «Ich kam nicht mehr nach mit Liefern», erzählt Eberhart. Also suchte er Leute, die ihm helfen konnten. Leute, die gegen Bezahlung Solaranlagen planen und die Hauseigentümer und Helfer beim Bau instruieren konnten. Hierzu konzipierte er eine Ausbildung zum «EWG-Solarplaner» und führte die Schulungen selbst durch.

Unterdessen hat die EWG elf Solarplaner. Bei jedem Bau einer Solaranlage ist einer von ihnen dabei. Die meisten haben auch noch einen anderen Job und arbeiten nur nebenbei als Solarplaner. Die Planer wohnen nicht nur in Spiez, sondern auch im Seeland und im Raum Bern. «Heute gilt unser Angebot für den ganzen Kanton Bern», sagt Eberhart.

Die Idee breitet sich weiter aus: Anfang Jahr hat sich in Winterthur ein Ableger der EWG gebildet. 60 Genossenschafter sind seither beigetreten und neun Planer befinden sich in Ausbildung. Auch in Neuenburg und im Zürcher Oberland formieren sich Gruppen. In Arbeit ist zudem ein Handbuch über die Organisationsform der EWG. Es soll Gruppen, die sich neu zusammenschliessen, dereinst als Leitfaden dienen. Eberharts Vision: eine EWG in jedem Kanton und eine Dach-Genossenschaft, die alle zusammenhält.

Doch bevor er den nächsten Schritt wagt, geht es nun nochmals per Bus, Bahn und Schiff um die Welt. «Bei meiner Arbeit ist viel Idealismus dabei», sagt der junge Genossenschaftsgründer. «Aber ich lebe auch gut davon. Und bin trotzdem so flexibel, dass ich jederzeit weggehen kann, wenn ich will.» (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2017, 06:42 Uhr

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