Selbstfahrendes Uber-Taxi meinte, Frau sei ein Auto

Nach einem tödlichen Unfall in den USA steht die Ursache fest. Sie könnte unseren Umgang mit dem autonomen Fahren verändern.

Ein umgebauter Volvo-SUV kollidierte im März 2018 mit einer 49-jährigen Frau, die beim Unfall starb. Foto: Reuters

Ein umgebauter Volvo-SUV kollidierte im März 2018 mit einer 49-jährigen Frau, die beim Unfall starb. Foto: Reuters

Ein selbstfahrendes Auto tötet eine Fussgängerin, die ein Fahrrad über die Strasse schiebt – obwohl sogar ein menschlicher Fahrer als Absicherung hinter dem Steuer sass. Wie konnte das passieren?

Die US-Behörde für Transportsicherheit (NTSB) hat ein Jahr nach diesem Unfall mit einem Uber-Testfahrzeug in Arizona ihre Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Was sie herausfand, könnte wegweisend sein, wie Aufsichtsratsbehörden und die Autobranche in Zukunft mit den Risiken der Robotaxis umgehen.

Einschätzung mehrfach geändert

Die Unfallursache war laut der US-Ermittler ein Software-Fehler. Sie kamen zu dem Schluss, dass das Fahrzeug die Frau nicht als Fussgängerin identifiziert habe, als sie im Dunkeln ein Fahrrad schiebend eine Strasse überquerte. Zwar erkannten die Radar-Sensoren die 49-Jährige 5,6 Sekunden vor dem Unfall und stuften sie als «Fahrzeug» ein.

Danach änderte die Software allerdings mehrfach ihre Vorhersagen, stufte das Hindernis als unbekanntes Objekt und erst zum Schluss als Fahrrad ein – und sei sich lange unsicher gewesen, ob und in welche Richtung es sich bewegt. Am Ende prognostizierte das System fälschlicherweise, dass die Frau die Fahrbahn nicht vor dem umgebauten Volvo-SUV kreuzen würde.

Aus einem neuen Bericht geht auch hervor, dass in der damaligen Uber-Software Fussgänger, die Strassen an nicht vorgeschriebenen Stellen überqueren, grundsätzlich nicht als Kategorie programmiert waren.

Unfall war «völlig vermeidbar»

Der Unfall war der Polizei zufolge «völlig vermeidbar». Denn es gab auch eine Back-up-Fahrerin an Bord, die das System überwachen sollte. Diese hatte aber zum Zeitpunkt des Zusammenstosses auf ihrem Smartphone Videos angeschaut. Fünf Monate zuvor hatte Uber die Sicherheitsbesetzung in den Robotaxis von zwei auf eine Person reduziert.

Die Software sah auch keine automatische Notbremsung vor. Stattdessen benachrichtigte das Fahrzeug den Sicherheitsfahrer und bremste etwas ab. Weil Uber bei den Fahrzeugen aber auch eine einsekündige Verzögerung vor einer Warnung in Notsituationen einprogrammierte, um in der Zwischenzeit einen eventuellen falschen Alarm erkennen zu können, warnte die Software den Menschen am Steuer erst 0,2 Sekunden vor dem Zusammenprall – obwohl sie die Situation eine Sekunde früher schliesslich korrekt eingeschätzt hatte.

Erhebliche Sicherheitsbedenken

Es war der erste und bislang einzige tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto. Uber hatte danach zunächst alle Testfahrten mit autonomen Fahrzeugen eingestellt. Mittlerweile fahren wieder einige von Software gesteuerte Uber-Autos – allerdings mit starken Einschränkungen. Insgesamt gab es der NTSB zufolge zwischen September 2016 und März 2018 37 Unfälle von Uber-Fahrzeugen im autonomen Modus. Bei 33 Vorfällen sei ein weiteres Auto involviert gewesen.

Neben Uber entwickeln mehrere Dutzend Unternehmen Systeme für autonom fahrende Autos.

Uber teilte mit, «wesentliche Programmverbesserungen» vorgenommen zu haben und bedauerte den tödlichen Unfall. Mit der neuen Software könne ein derartiger Unfall nicht mehr passieren, so das Unternehmen. Die Sicherheitsbehörde könnte derweil die Erkenntnisse aus dem Unfall als Grundlage für Empfehlungen für die gesamte Branche sowie für Aufsichtsbehörden heranziehen. Der zuständige Ausschuss kommt am 19. November zusammen.

Der tödliche Unfall hatte zu erheblichen Sicherheitsbedenken bezüglich des Geschäfts mit selbstfahrenden Autos geführt. Die Autoindustrie arbeitet fieberhaft daran, automatisierte Fahrzeuge zur Marktreife zu bringen. Dass 90 Prozent der Unfälle auf Fehler von Menschen zurückgingen und die Technik autonomer Fahrzeuge sie verhindern werde, ist ein zentrales Argument der Entwickler von Roboterwagen. Neben Uber gibt es mehrere Dutzend Unternehmen, die eigene Systeme für autonom fahrende Autos entwickeln und auf öffentlichen Strassen in den USA testen.

Unter anderem hat Tesla angekündigt, bereits im kommenden Jahr seine Autos als Robotaxis fahren zu lassen – bisher haben die Elektrowagen nur Fahrerassistenzsysteme freigeschaltet, die der Fahrer eigentlich ständig überwachen muss. Doch auch das hat bereits zu mehreren schlimmen Unfällen geführt. 2016 war ein Tesla-Fahrer ums Leben gekommen, weil er die Kontrolle dem Fahrassistenzsystem des Elektroautos überlassen hatte. Er raste unter einen Lastwagen-Anhänger, der die Strasse querte. Fahrzeuge wie die umgebauten Uber-Autos sind dagegen dafür gedacht, ohne Beteiligung des Menschen zu fahren, auch wenn derzeit die Sicherheitsfahrer noch häufig eingreifen.

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