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«Sehen, wer in den Morgenstunden im Büro ist»

Eine interne E-Mail eines Investmentbankers an seine Mitarbeiter zeigt, welche Arbeitsbedingungen an der Wallstreet herrschen.

Ein Händler an der New Yorker Börse. (Archivbild)
Ein Händler an der New Yorker Börse. (Archivbild)
Lucas Jackson, Reuters

2015 starb der Investmentbanker Thomas Hughes, als er aus dem Fenster seiner New Yorker Wohnung sprang. Hughes war einem Bericht des Gerichtsmediziners zufolge zugedröhnt mit Kokain und einer Designerdroge, die als «Badesalz» bekannt ist. Der 29-Jährige war gerade von einer Geschäftsreise zurückgekehrt, war danach direkt ins Büro der Investmentbank Moelis & Co. gegangen, hatte dort von 18 Uhr bis 1 Uhr früh gearbeitet und danach von zu Hause aus bis um 9.45 Uhr am nächsten Morgen geschäftliche E-Mails beantwortet. Um 10 Uhr sprang er. Der Grund für seinen Suizid ist nicht bekannt, seine Familie sagte der «New York Times» aber, dass der Stress bei der Arbeit wohl eine Rolle gespielt habe.

Der Fall machte weltweit Schlagzeilen. Moelis & Co., die etwa bei der gescheiterten Übernahme des Chipherstellers Qualcomm durch den Halbleiterhersteller Broadcom involviert waren, scheinen aus dem Fall nichts gelernt zu haben. Besonders jüngere Banker werden weiterhin dazu gedrängt, lange zu arbeiten. Wie gross der Druck ist, zeigt eine firmeninterne E-Mail.

«Sehen, wer in den Morgenstunden im Büro ist»

Diese E-Mail verschickte letzte Woche ein Manager an die Jungbanker – um 00.30 Uhr. «Team, ich bin gerade durchs Büro gelaufen und habe folgende Leute an ihrem Platz gesehen», schreibt er. Dann führt er elf Namen auf von Bankern, die zu dieser Zeit noch schufteten.

«Ich weiss, dass ihr alle sehr hart arbeitet und mehrere Projekte gleichzeitig schaukelt», geht es weiter. «Wenn man bedenkt, dass immer mehr neue Mitarbeiter hinzukommen und ihr alle ziemlich ausgelastet seid, sehe ich den einzigen Weg, euch auseinanderzuhalten, darin, zu sehen, wer in den frühen Morgenstunden ins Büro kommt.»

«Das ist Folter»

Weiter schreibt er, dass Mitarbeiter, obwohl sie auch zu Hause eingerichtete Arbeitsplätze hätten, lieber im Büro bleiben sollten, weil dort die Verbindung schneller sei, die Chefs in der Nähe seien und man Zugang zu den Ressourcen des Unternehmens habe. Der Manager schliesst mit: «Um euch aufzumuntern: In eineinhalb Wochen ist unser Teamdinner! Ich freue mich, mit allen etwas Druck abzulassen.»

Die E-Mail wurde auf der Banker-Website «Wall Street Oasis» publiziert. Kommentatoren auf der Plattform nennen die Mail perfid: «Ich verstehe nicht, wie Leute funktionieren, wenn sie jeden Tag bis 2 Uhr früh arbeiten und um 7 Uhr wieder im Büro sein müssen. Das ist Folter.» Ein anderer schreibt scherzhaft: «Wir besaufen uns alle beim Essen, und am nächsten Tag stehe ich um 9 Uhr früh auf der Matte, um zu sehen, ob die Leute pünktlich sind. Euer Chef.» Auch wird gemutmasst, dass die meisten bei Jobantritt nicht wissen, worauf sie sich einlassen.

Bei Moelis möchte man sich nicht zur E-Mail äussern. Eine Sprecherin sagte der «Financial Times»: «Wir setzen viel Vertrauen in unsere Mitarbeiter, auch in den Nachwuchs, weil wir wissen, dass sie ihre Arbeit erledigen können, unabhängig davon, ob sie direkt beaufsichtigt werden oder physisch an ihrem Schreibtisch sitzen.»

Weitere Fälle bei US-Banken

Der Fall Moelis zeigt, dass die Branche grosse Schwierigkeiten hat, die Arbeitszeiten der Mitarbeiter zu regulieren. Denn die Geschichte des Moelis-Mitarbeiters Thomas Hughes war in den letzten Jahren kein Einzelfall. Todesfälle gab es auch bei anderen Banken. 2015 nahm sich ein junger Analyst bei Goldman Sachs das Leben. Sein Vater beschrieb danach, wie sein Sohn vor seinem Tod mit Stress bei der Arbeit zu kämpfen hatte.

2013 machte der Fall von Moritz Erhardt, damals 21 Jahre alt und Praktikant bei der Bank of America in Frankfurt, Schlagzeilen. Er brach unter der Dusche zusammen und starb. Auch er hatte regelmässig die Nächte durchgearbeitet. Erhardts Tod ist auf einen epileptischen Anfall zurückzuführen, der von Stress ausgelöst werden kann.

Bei den amerikanischen Banken wurden in den letzten Jahren zwar Massnahmen eingeführt, um besonders die jüngeren Banker zu entlasten – etwa indem Wochenendarbeit reduziert und Präsenzzeiten gekürzt wurden. Auch Moelis installierte Arbeitsstationen bei den Mitarbeitern zu Hause und führte geschützte Auszeiten ein. Umgesetzt werden diese Massnahmen offenbar – wenn man die E-Mail des Moelis-Managers betrachtet – nicht konsequent.

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