Schlummernde Gefahren

Die CS hat rascher Kapital aufgebaut als die UBS. Warum sie trotzdem stärker unter Druck steht.

Die grosse Investmentbank ist für die Credit Suisse ein Risiko: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Michele Limina (Bloomberg)

Die grosse Investmentbank ist für die Credit Suisse ein Risiko: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Michele Limina (Bloomberg)

Die Spitzenleute der Grossbank Credit Suisse betonen, dass ihr Institut noch nie so viel Kapital gehabt habe wie heute. In den letzten fünf Jahren, seit er Präsident sei, habe die CS das «harte Kernkapital verdreifacht», sagte Urs Rohner in der «Handelszeitung». Firmenchef Tidjane Thiam doppelte derweil in der «NZZ am Sonntag» nach. Es gebe «kein Kapitalproblem bei der Credit Suisse».

Die Aussagen verfehlten ihren Zweck nicht. Die zuvor unter 10 Franken gefallene CS-Aktie hat sich diese Woche erholt. Sie schaffte den Sprung über die Grenze von 11 Franken.

UBS-Analyst empfiehlt CS zum Kauf

Bei den Experten geht die Meinung über die Kapitalausstattung der CS auseinander. Der Bankenanalyst der UBS etwa empfiehlt die CS-Aktie zum Kauf. Der Titel des Konkurrenzinstituts könnte auf 13 Franken steigen. Bernstein Research, ein renommiertes Analysehaus aus den USA, rechnet hingegen mit einem Absturz des CS-Titels auf 6 Franken. Die Einschätzungen driften auseinander, weil Fragezeichen zu den Risiken in den Bilanzen und das dafür bereitzu- haltende Eigenkapital bestehen.

Die Kapitalpolster der CS und der UBS im Vergleich
Zum Vergrössern

Ein Blick in die jeweiligen Geschäftsberichte fördert ein überraschendes Bild zutage. Die CS, die in Investorenkreisen als jene Schweizer Grossbank mit dem grösseren Kapitalproblem gilt, hat in den letzten Jahren deutlich mehr eigene Mittel angehäuft als die UBS. Doch in den CS-Büchern schlummern viel mehr Handelsrisiken.

Grösserer CS-Handel

2012 hatte die CS ein hartes Eigenkapital von 22,7 Milliarden Franken. Bei der UBS waren es 25,2 Milliarden. Also 11 Prozent mehr. Im Herbst 2012 beschloss die UBS-Führung unter Chef Sergio Ermotti, der erst 12 Monate zuvor das Steuer übernommen hatte, eine «Beschleunigung» der Strategie. Das hiess: Die UBS stellte ihr Private Banking ins Zentrum und stutzte ihre Investmentbank zurecht. Der riskante Eigenhandel wurde weitgehend eingestellt.

Rückblickend war das der richtige Entscheid. Doch bezüglich des Aufbaus von neuem, hartem Eigenkapital, dem sogenannten Common Equity Tier 1 (CET1), hinterliess der Strategiewechsel Spuren. Von den erwähnten gut 25 Milliarden Franken stieg das CET1 der UBS bis Ende des ersten Quartals 2016 auf knapp 30 Milliarden, ein Wachstum um weniger als ein Fünftel.

Ist die Bank wirklich gut kapitalisiert?

Bei der CS wuchs der Wert stärker. Das CET1 der Bank erhöhte sich in der gleichen Zeitspanne von weniger als 23 Milliarden Franken auf fast 33 Milliarden auf dem Höhepunkt Ende 2015, um dann per Ende März 2016 auf knapp 32 Milliarden leicht zu sinken. Dieser Aufbau entspricht einem CET1-Anstieg um eindrückliche 40 Prozent.

Haben demnach Thiam und Rohner recht, wenn sie in diesen Tagen laut verkünden, dass ihre Bank gut kapitalisiert sei? Mancher Investor sieht das anders. Entscheidend für diese Einschätzung sind die Risiken. Dort sieht das Bild nämlich anders aus. Mit der strategischen Umkehr hat die UBS die risikogewichteten Anlagen in den Büchern nachhaltig reduziert. Das sind Posten auf der Aktivseite der Bilanz, die je nach Ausfallrisiko mit mehr oder weniger eigenem Kapital gestützt werden müssen.

Eine gewichtige Mitspielerin im Wertschriftenhandel

Von 2012 bis zum Ende des ersten Quartals 2016 sanken die Risk-Weighted Assets (RWA), wie der Fachausdruck für diese Anlagen heisst, bei der UBS von 258 Milliarden auf noch 214 Milliarden Franken; ein Rückgang um 17 Prozent. Bei der Credit Suisse passierte diesbezüglich nicht viel. Unter Thiams Vorgänger, dem amerikanischen Investmentbanker Brady Dougan, verharrten die RWA auf 280 Milliarden Franken – fast 70 Milliarden oder ein Viertel mehr als bei der UBS.

Hier liegt das Problem der CS. Die Bank hat zwar tatsächlich viel unternommen auf der Kapitalseite, doch sie blieb eine gewichtige Mitspielerin im globalen Wertschriftenhandel. Wie sehr das zutrifft, zeigt sich bei den risikogewichteten Assets der Investmentbank.

Eine massive Differenz

Die UBS und die CS haben diese Grösse zu unterschiedlichen Zeitpunkten offengelegt. Bei der CS sind offizielle Daten von 2012 bis 2014 verfügbar, während die Zahl für 2015 hergeleitet werden muss. Die UBS wies ihre RWA für die Investmentbank erstmals für 2012 aus, nachdem sie ihre Strategie angepasst hatte. Zunächst zeigt sich, dass beide Banken in den letzten Jahren in etwa stehen geblieben sind, was die Höhe der RWA in der Investmentbank angeht.

Einen gewichtigen Unterschied gibt es bei der absoluten Zahl. Während die Risiken in der UBS-Investmentbank per Ende des ersten Quartals 2016 gut 63 Milliarden Franken betrugen, beliefen sich diese bei der CS zum gleichen Zeitpunkt auf 162 Milliarden Franken – eine massive Differenz. Im Handelsgeschäft der CS liegen heute mehr als doppelt so viele riskante Anlagen wie in der Investmentbank der UBS.

Abbau braucht Jahre

Der Kern der Schwäche der Credit Suisse schlummert somit in ihrer grossen Investmentbank. CS-Chef Thiam hat zwar auf den Kurs der UBS eingeschwenkt und wie diese das Private Banking mit ins Zentrum gestellt. Doch lässt sich dieses Ziel nicht leicht umsetzen.

Ein Abschmelzen der Handelspositionen, welche die CS insbesondere im Geschäft mit Obligationen und anderen festverzinslichen Anlagen besitzt, braucht Jahre. Wenn die Märkte weiter unsicher bleiben, schlägt das auf den Aktienkurs. Die 11 Franken sind die Hälfte des im Geschäftsbericht ausgewiesenen Buchwerts, also jenes Werts, den die CS-Aktie eigentlich mindestens wert sein müsste.

Die CS sagt auf Anfrage, dass sie «kontinuierlich» Kapital aufgebaut und deren Qualität «markant verbessert» habe. UBS-Chef Sergio Ermotti sagte kürzlich der «SonntagsZeitung», dass sein Institut «heute eine der am besten kapitalisierten Banken» sei. Entsprechend hätten alle Agenturen das Rating «heraufgestuft». Wie sich die Geschäfte der Banken in jüngster Zeit entwickelt haben, wird sich in wenigen Tagen zeigen. Beide Institute legen Ende des Monats ihr Halbjahresergebnis vor.

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