Roche-Chef sieht schleppende Digitalisierung als Standortrisiko

Severin Schwan mahnt eine schnellere Verbreitung der elektronischen Patientenakte an. Die medizinische Forschung drohe abzuwandern.

«Das geht nicht»: Roche-Konzernchef Severin Schwan. Foto: Keystone

«Das geht nicht»: Roche-Konzernchef Severin Schwan. Foto: Keystone

Holger Alich@Holger_Alich

Ausländische Topmanager, die in Schweizer Konzernen tätig sind, wagen selten, sich öffentlich zur Schweizer Innenpolitik zu äussern. Roche-Chef Severin Schwan ist da eine Ausnahme. Der Österreicher sieht den Forschungsstandort Schweiz in Gefahr, weil es mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens zu langsam vorwärtsgehe. «Die Diagnostik, das Pharmageschäft und die Datenanalyse wachsen zusammen», so Schwan. «Fehlt hier ein Baustein, so hat das Rückkoppelungseffekte auf die bestehenden Aktivitäten.» Es drohe ein schleichender Abbau in der Schweiz.

Der Roche-Chef trat in Rotkreuz anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Standorts in der Innerschweiz auf. Von dort steuert Roche das Diagnostik-Geschäft, 2400 Menschen arbeiten dort, zwei Drittel davon in der Forschung, in der Entwicklung sowie in der Produktion.

Schwan stösst sich vor allem an der zu langsamen Verbreitung des elektronischen Patientendossiers. Mit den eigenen klinischen Studien erfasst die Pharmabranche nur 4 Prozent aller Patientendaten. 96 Prozent liegen bei Ärzten und Spitälern. Roche würde gerne enger mit Schweizer Spitälern kooperieren, um mit gemischten Teams auf Basis der Patientendaten nach neuen Wirkzusammenhängen zu forschen. «Doch das geht nicht, die Spitäler haben die Daten nicht», so Schwan. In den USA sei dies dagegen möglich.

Datenschutzregeln fehlen

Die Patienten wären seiner Ansicht nach mit einer anonymisierten Auswertung ihrer Daten einverstanden. «Doch was fehlt, sind Standards zur Datenerfassung und Standards für den Datenschutz», so Schwan.

Die Branche macht nicht vor, sondern auch hinter den Kulissen Druck. So gab es am 25. Oktober ein Treffen von zwei Bundesräten, Roche-Präsident Christoph Franz, Swisscom-Chef Urs Schäppi und dem Präsidenten des Duftkonzerns Givaudan, ­Calvin Grieder, im Finanzministerium, um über den Zugang der Pharmaindustrie auf Patientendaten zu diskutieren. Bis heute gibt es aber keine Regelung, unter welchen Bedingungen die Pharmabranche auf Daten aus elektronischen Patientendaten zurückgreifen darf.

«Was fehlt, sind Standards zur Datenerfassung und Standards für den Datenschutz.»Severin Schwan, Roche-CEO

Die Berater von McKinsey bezeichneten die Chance aus verbesserten Datenanalyse einmal als die «100-Milliarden-Dollar-Gelegenheit». Roche und Novartis arbeiten derzeit daran, ihre eigenen Daten aus klinischen Studien zu vereinheitlichen und so besser auswertbar zu machen.

Roche geht dabei auch ungewöhnliche Wege. Der Konzern öffnet Teile seines Datenpools und macht diese externen Forschern und Datenprofis zugänglich. Diese sollen dann eine Aufgabe lösen. «Auf diese Weise haben wir erfahren, wie wir eine bessere Patienteneinteilung vornehmen können, die für bestimmte Lungenkrebsmittel infrage kommen», erklärt Schwan im Gespräch. Nun will Roche bei einem klinischen Versuch testen, ob die Erkenntnisse aus der Datenanalyse tatsächlich bessere Behandlungsergebnisse bringen.

Schwan sieht hier die Pharmabranche im Wettbewerb mit den Tech-Konzernen. So betreibt der Google-Mutterkonzern ­Alphabet mit Verily eine eigene Gesundheitstochter. Ob die Pharma- oder die Techriesen in der Auswertung von Patientendaten die Nase vorne haben werden, das sei laut Schwan offen.

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