Peter Spuhler befürchtet Megafusion bei den Zugherstellern

Zwei grosse Bahnbauer verhandeln über eine Kooperation. Das ruft den Schweizer Stadler-Chef auf den Plan.

«In gewissen Segmenten würden Siemens und Bombardier eine marktbeherrschende Stellung erlangen»: Peter Spuhler (hier am Flughafen Zürich) macht sich Gedanken über die Entwicklung in der Branche.

«In gewissen Segmenten würden Siemens und Bombardier eine marktbeherrschende Stellung erlangen»: Peter Spuhler (hier am Flughafen Zürich) macht sich Gedanken über die Entwicklung in der Branche.

(Bild: Dominique Meienberg)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Peter Spuhler hat Sorgen. Siemens und Bombardier verhandeln seit Monaten über eine Kooperation ihrer Bahnsparten. Geschehen soll dies über die Gründung von zwei Gemeinschaftsfirmen, wie jüngst das «Wall Street Journal» berichtete. Die eine soll ihre Geschäftsbereiche Signaltechnik und Zugleitsysteme aufnehmen und von Siemens kontrolliert werden. In der anderen Gemeinschaftsfirma, welche die Sparte Rollmaterial der beiden Konzerne aufnehmen soll, werde Bombardier das Sagen haben. Ihren Sitz sollen die beiden Gemeinschaftsfirmen mit 15 Milliarden Euro Umsatz laut der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin haben.

Eine solche Machtballung wäre nicht gut für Spuhlers Stadler Rail. «In gewissen Segmenten würden Siemens und Bombardier eine marktbeherrschende Stellung erlangen», sagt Spuhler, «die Wettbewerbsbehörden in der EU, in den USA und in China würden das sehr genau unter die Lupe nehmen.»

Das Heil in der Grösse

Werden Siemens und Bombardier handelseinig, kommt Spuhler von zwei Seiten unter Druck. Aus China drängt der weltgrösste Schienenfahrzeughersteller CRRC nach Europa. Wohl als Reaktion darauf suchen Bombardier und Siemens ihr Heil in der Grösse. Mit einer cleveren Konstruktion. Rechtlich blieben beide Seiten an den Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Faktisch wollen sie aber das Massengeschäft unter sich aufteilen – Siemens würde zum alles überragenden Platzhirsch im Signalgeschäft und bei Zugleitsystemen mit über einem Drittel Weltmarktanteil. Bombardier würde zum Riesen beim Rollmaterial, der selbst China Paroli bieten kann.

Über die Auswirkungen des drohenden Megadeals mögen Schweizer Bahnfirmen nicht reden. «Die SBB kommentieren solche Vorgänge grundsätzlich nicht», lässt das weitaus grösste Schweizer Bahnunternehmen ausrichten. «Kein Kommentar», heisst es auch bei der BLS. Die Rhätische Bahn und die Matterhorn Gotthard Bahn sagen, das betreffe sie als Meterspurbahnen nicht, da weder Siemens noch Bombardier in diesem Bereich aktiv seien und sie zudem im Signalgeschäft schon jetzt mit Siemens geschäften. Wenn sie sich da nur nicht irren. «Die Preise für Signalanlagen und Zugleitsysteme sind stark gestiegen», sagt ein Bahnexperte, «erhalten Siemens und Bombardier hier noch mehr Marktmacht, sorgt das zusätzlich für Preisauftrieb.» Ohne den Verkauf eines Teils des Signalgeschäfts an einen Konkurrenten gebe da kein Wettbewerbshüter grünes Licht.

Marktanteil: Über 90 Prozent

Bei den Lokomotiven kämen Siemens und Bombardier über ihre Kooperation beispielsweise in Europa auf einen Marktanteil von über 90 Prozent. «Ich halte es zwar für möglich, dass der Megadeal in Deutschland vom Wirtschaftsminister mittels einer Ausnahmebewilligung genehmigt wird. Vermutlich schon in Brüssel, spätestens aber in Washington und Peking ist Schluss, weil deren Wettbewerbshüter wenig übrig haben für den Heimatschutz anderer Regionen», sagt ein Kenner des Bahnmarktes Europa.

Video: Spuhlers jüngstes Baby

Der Tausendsassa der Bahnbranche präsentierte im Mai seinen neuen Highspeed-Zug Giruno.

Im Bereich Hochgeschwindigkeitszüge bliebe mit Alstom ein potenter Wettbewerber in Europa erhalten. Bei Regionalbahnen und Triebzügen gibt es, neben Stadler und Alstom, weitere etablierte Anbieter in Europa. Im Tramgeschäft brächte ein Zusammenschluss so gut wie nichts, da Siemens in diesem Marktsegment weit zurückliegt.

Lokomotiven auf dem Abstellgleis

Siemens und Bombardier haben die wettbewerbsrechtlichen Hürden wohl im Voraus gründlich abklären lassen. Und sind offenbar zum Schluss gekommen, dass die Wettbewerbshüter das Problem mit Auflagen lösen können. Das Übergewicht bei Lokomotiven – der grösste Stolperstein – könnten sie aus dem Weg räumen mit einem Teilverkauf dieses Geschäfts, beispielsweise an Stadler Rail oder an die Chinesen. Dieses Opfer dürfte ihnen nicht allzu schwer fallen, da Lokomotiven wegen des beinharten Wettbewerbs wenig einbringen. Hinzu kommt, dass Lokomotiven ausserhalb des Frachtgeschäfts wegen der auf mehrere Wagen verteilten modernen Antriebe an Bedeutung verlieren.

Schiere Grösse sei im Bahngeschäft nicht unbedingt von Vorteil – ausser bei Zugleitsystemen und im Signalgeschäft, sagt ein Rollmaterialproduzent. Hier würden Bombardier und Siemens ebenfalls nicht um einen Teilverkauf des lukrativen Geschäfts herumkommen, wenn sie den Deal durchbringen wollen.

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