«Novartis könnte eine Art Migros-Philosophie entwickeln»

Interview

Innovationen müssen geschützt und krebskranke Menschen in Entwicklungsländern behandelt werden. Wie bringt man dies unter einen Hut? Wirtschaftsethiker Peter Ulrich stellt seine Lösung vor.

«Mehr Wettbewerb wäre durchaus wünschenswert»: Réceptionist in der Novartis-Niederlassung in Mumbai.

«Mehr Wettbewerb wäre durchaus wünschenswert»: Réceptionist in der Novartis-Niederlassung in Mumbai.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Herr Ulrich, Novartis verliert in Indien den Patentschutz auf das Krebsmedikament Glivec. Ist das wirtschaftsethisch in Ordnung? Aus meiner Sicht schon. Nach den Banken wird die Pharma die zweite Branche sein, die auf schmerzhaftem Weg erfahren muss, dass ihr Geschäftsmodell überholt ist. Offenbar sind gemäss der Wahrnehmung von Novartis die Patienten in den Drittweltländern für das Unternehmen da – und nicht umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte. Die Pharmafirmen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden.

Muss ein und dasselbe Medikament in Entwicklungsländern zwingend günstiger erhältlich sein als in Industrieländern? Die Preisdifferenzierung anhand der Kaufkraft in einzelnen Ländern ist sinnvoll – vor allem bei lebensnotwendigen Medikamenten. Auf Präparaten ohne existenzielle Bedeutung sollen Pharmafirmen je nach Marktlage weiterhin ihre Margen machen können.

Medikamente wie Glivec gehören eindeutig zur ersten Kategorie. Wer soll denn für die Preisdifferenz aufkommen? Sollen Schweizer Prämienzahler indirekt die indischen Patienten subventionieren? Zuerst muss man sich fragen, ob der Wettbewerb in Indien bisher fair gestaltet war. Heute ist es so, dass die Regeln von den Pharmafirmen tendenziell missbraucht werden, um Margen aufrechtzuerhalten, die im freien Wettbewerb niemals erzielt werden könnten. Der Patentschutz sollte echte Neuentwicklungen, nicht aber Scheininnovationen schützen. Ansonsten ist der Patentschutz nichts anderes als staatlicher Protektionismus, wie er bei den Banken in Form der beschützten Steuerhinterziehung lange Zeit bestanden hat. Dass ausgerechnet in diesen beiden Branchen die höchsten Gehaltsauswüchse stattgefunden haben, ist kein Zufall: Man verdient dort zu leicht zu viel Geld.

Das heisst, die Unternehmen sollen einen Teil ihres Profits hergeben. Mehr Wettbewerb wäre durchaus wünschenswert. Humanität darf nicht nur vom Geld abhängig sein: Um den Millionen von Menschen, die von einem oder zwei Dollar pro Tag leben, den Zugang zu Medikamenten zu ermöglichen, sind aber auch westliche Staaten und Nichtregierungsorganisationen mit ihren Entwicklungsbudgets in der Pflicht. Diese Gelder können zu Preisreduktionen für die ärmsten Bevölkerungsschichten eingesetzt werden.

Ein lockerer Patentschutz birgt aber auch Gefahren: Aufstrebende Länder wie Indien oder China können ihn auf Kosten der westlichen Firmen ausnutzen. Der Patentschutz auf echte Innovationen ist meines Erachtens durch das indische Recht nicht gefährdet. Lockerer – und aus der Sicht von Entwicklungsorganisationen auch fortschrittlicher – ist das neue Patentrecht nur bei Pseudoinnovationen: bei leichten Variationen von längst erprobten Wirkstoffen oder Modifikationen der Verabreichungsform – so wie im Fall von Glivec. Die Grenze zwischen echten und unechten Innovationen lässt sich aus fachlicher Sicht ziemlich klar ziehen.

Das Glivec-Urteil ist also keine versteckte Subvention für die indische Generikaindustrie. Ich glaube nicht. Und Novartis sollte darauf auch nicht mit einem Investitionsstopp reagieren – genauso wie die Firma nicht mit dem Wegzug aus der Schweiz drohen sollte, wenn man ihr gewisse Privilegien wegnimmt. Firmen dürfen Staaten im globalen Standortwettbewerb nicht gegeneinander ausspielen. Verantwortungsvoll geführte Unternehmen sollten den Vorrang von rechtsstaatlichen Entscheiden gegenüber ihren eigenen Interessen akzeptieren.

Unendlich weit können aber auch Novartis oder Roche der Menschheit nicht entgegenkommen – sonst lässt sich die Entwicklung neuer Medikamente nicht mehr finanzieren. Wir sprechen von zwanzig Jahren Patentschutz auf echte Innovationen und von gigantischen Preisen für diese Medikamente: In der Zeit des Patentschutzes können die Forschungs- und Entwicklungskosten amortisiert werden. Danach soll der Wettbewerb spielen können. In einem Punkt muss aber Klarheit herrschen: Wenn Generika in Indien zu billigen Konditionen produziert und verkauft werden, so sollten diese Produkte nicht in Industrieländer wie die Schweiz importiert werden.

Dann hätten wir lockere Regeln in Indien und einen strengen Schutz in der Schweiz – das ist auch nicht optimal. Es ist aus humanitären Gründen wünschbar, dass Menschen in Entwicklungsländern günstiger zu Medikamenten kommen als in der Schweiz. Vor diesem Hintergrund lässt sich im Pharmabereich auch das Verbot gewisser Parallelimporte legitimieren.

Welche übergeordneten Konsequenzen hat der Glivec-Entscheid? Die Branche selbst sollte ihr typisches Geschäftsmodell überdenken. Anstatt die Margen mit allen Mitteln hochzuhalten, könnte Novartis eine Art Migros-Philosophie entwickeln: Das heisst, dass man bei lebensnotwendigen Medikamenten den Profit nicht über den hohen Preis, sondern über mehr Umsatz einfahren würde. Bei den Millionen von Menschen, die aktuell keinen Zugang zu diesen Medikamenten haben, bietet diese Strategie durchaus Potenzial.

Ein Manager sagt sich: Die Politik macht die Regeln, ich halte mich daran. Die internationale Politik tut gut daran, die Harmonisierung des Patentschutzes voranzutreiben. Andererseits traue ich der Branche schon zu, in Eigenregie ihr Selbstverständnis zu überdenken: Versteht sie sich als Vertreterin des Shareholder-Value, oder sieht sie ihre Rolle primär darin, zur Verbesserung der Weltgesundheit beizutragen?

Ist es nicht blauäugig, so viel Humanismus von einem Unternehmen zu fordern? Aus eigenen Studien zur Pharmaindustrie weiss ich: Die Branche tickt tatsächlich nicht so – und das schafft ihr zunehmend ein Glaubwürdigkeits- und Imageproblem in einer sensibilisierten Öffentlichkeit. Genau um diesen Mentalitätswandel hin zu einer grösseren Sensibilität für das Allgemeinwohl geht es aber. Die Pharmabranche muss eigentlich ein Interesse daran haben, ihren Ruf grundlegend zu verbessern.

Wirklich? Wenn der Arzt ein Medikament verschreibt, fragt niemand nach der Herstellerfirma. Wenn eine Pharmafirma bei einem Krankenhaus den Ruf hat, faire Preise zu kalkulieren, so werden die Verantwortlichen eher Medikamente dieser Firma in ihr Programm aufnehmen. Für Firmen wie Novartis geht es aber auch um die jungen Menschen, die nach dem Studium ins Berufsleben einsteigen: Idealistische, motivierte Arbeitskräfte sind gerade für Unternehmen in der wissensintensiven Pharmabranche die wichtigste Ressource überhaupt.

DerBund.ch/Newsnet

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