Novartis droht Ärger in den Niederlanden

Der niederländische Gesundheitsminister Bruno Bruins moniert die Kostenexplosion für eine Krebsbehandlung – der Basler Pharmakonzern weist die Vorwürfe zurück.

Verfünffacht: Novartis verlangt für ein Krebsmedikament neu 90'000 Euro. Der Preis lag vorher bei 16'000 Euro. Bild: Reuters

Verfünffacht: Novartis verlangt für ein Krebsmedikament neu 90'000 Euro. Der Preis lag vorher bei 16'000 Euro. Bild: Reuters

Novartis steht in den Niederlanden wegen des Preises für ein Krebsmedikament am Pranger. Politik und Medien decken den Konzern mit geballter Kritik ein. Der Grund: Das Unternehmen soll den Preis für das Krebsmedikament Lutathera drastisch erhöht haben. Novartis will die Kritik nicht auf sich sitzen lassen und weist die Vorwürfe zurück. Inzwischen hat sich laut Medienberichten auch der niederländische Gesundheitsminister Bruno Bruins in den Konflikt eingeschaltet, nachdem ein Artikel im Medizinjournal «Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde» von einer Verfünffachung des bisher üblichen Preises berichtet hatte. Statt wie bislang 16'000 Euro würden nun rund 90'000 Euro für die Krebsbehandlung verlangt. «Das sind unerhörte Summen», sagte Bruins zum Verkaufspreis.

Der Streit hat eine komplexe Vorgeschichte: 2017 übernahm Novartis den französischen Gentechnologie-Spezialisten Advanced Accelerator Applications (AAA) für fast vier Milliarden Dollar. Dieser hatte im Jahr 2010 Lutathera von einem niederländischen Unternehmen zugekauft. Die ursprüngliche Entwicklung von Lutathera vollzog sich laut Novartis über viele Jahre, unter anderem waren Forscher am Spital Erasmus Medical Center in Rotterdam beteiligt. Der Basler Konzern habe die kommerzielle Produktion der Behandlung als gebrauchsfertige Injektion etabliert und mit den frühen Forschern zusammengearbeitet, um die Zulassung durch die Gesundheitsbehörden zu erreichen, inklusive der erforderlichen klinischen Studien.

Die Nuklearbehandlung Lutathera wird unter anderem bei neuroendokrinen Tumoren eingesetzt, einer Krebserkrankung, der beispielsweise Apple-Gründer Steve Jobs erlag. Die Therapie ist ein einträgliches Geschäft für Novartis: Nach dem dritten Quartal 2018 hatte das Unternehmen in den USA bereits 85 Behandlungszentren aufgebaut. Die Umsätze aller Marken von AAA inklusive Lutathera und radiopharmazeutischer Diagnostikprodukte erreichten zu diesem Zeitpunkt laut Mitteilung 105 Millionen Dollar. In mehreren europäischen Ländern sei die Kostenerstattung für die Behandlung gewährt worden, hiess es damals. Die EU-Zulassung für das Medikament, das in vier Zyklen verabreicht wird, erfolgte im September 2017.

Novartis will Klarheit schaffen

Bereits vor der Verfügbarkeit von Lutathera mischten laut Novartis aber mehrere Kliniken in den Niederlanden ihre eigenen Nukleartherapien. Dazu nutzen sie den Ausgangsstoff Lutetium 177, der entweder von einer Tochtergesellschaft von Advanced Accelerator Applications oder einem anderen Lieferanten bezogen worden sei.

Novartis argumentiert nun, dass die Kritik an den überhöhten Preisen für ihr Medikament ungerechtfertigt sei. Denn es würden die geschätzten Kosten der in den Kliniken hergestellten Mischform des Wirkstoffs mit dem Preis des gebrauchsfertigen, von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassenen Arzneimittels Lutathera verglichen. Beides könne man aber nicht vergleichen.


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Patienten mit neuroendokrinen Tumoren in den Niederlanden hätten fortdauernd und unverändert Zugang zu Behandlungen. Novartis stelle den Kliniken weiterhin die erforderlichen Substanzen ohne einen signifikanten Preisanstieg zur Verfügung, versichert der Konzern. Der höhere Verkaufspreis für das gebrauchsfertige Lutathera stütze sich auf den Nutzen für Patienten. Mehrere Krankenkassen in der EU hätten das Medikament zur Erstattung empfohlen. Novartis will in den Niederlanden nun Klarheit über die Situation schaffen.

Diese Aufklärungsarbeit scheint notwendig zu sein. In den Niederlanden ist die Empörung gross. Der niederländische Gesundheitsminister Bruno Bruins will laut Medienberichten mit dem Basler Konzern Kontakt aufnehmen und spricht von einem Beispiel, wie man sich nicht verhält. Ein Sprecher des Erasmus Medical Center stellte die Frage in den Raum: «Ist es ethisch, den Preis für das Medikament zu erhöhen?»

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