Zum Hauptinhalt springen

Nach Franken-Schock: Lohn-Entscheid per SMS

Über ein Dutzend Tessiner Firmen haben nach der Aufhebung des Euromindestkurses die Löhne gesenkt oder zahlen diese in Euro aus. Besonders dreist – und illegal – handelte eine Bündner Firma.

Wie mit dem starken Franken umgehen? Lastwagen auf dem Zollareal in Chiasso. (Archivbild)
Wie mit dem starken Franken umgehen? Lastwagen auf dem Zollareal in Chiasso. (Archivbild)
Keystone

«Lohnsenkungen und die Auszahlung von Euro-Löhnen gefährden das Lohnniveau. Sie bremsen den Binnenkonsum und sind damit ein Schritt in die Krise», stellt Mathias Regotz, Vizepräsident der Gewerkschaft Syna, fest. Gemäss der Gewerkschaft haben über ein Dutzend Firmen im Südtessin auf die Aufhebung des Euromindestkurses reagiert. Sie zahlen ihren Angestellten die Löhne in Euro aus oder haben diese gekürzt.

Syna widersetze sich nicht grundsätzlich Lohnsenkungen, Transparenz sei jedoch notwendig. Arbeitnehmervertreter müssten nämlich abschätzen können, ob durch tiefere Löhne tatsächlich Arbeitsplätze gesichert werden könnten, oder ob primär die Gewinnmarge gestützt werde. Massnahmen müssten kontrolliert werden und befristet sein.

Firmen, die keinem GAV unterstellt sind

Besonders unter Druck geraten sind in den letzten Tagen die Löhne in Grenzregionen. Die Tessiner Partnergewerkschaft OCST (Organizzazione Cristiano-Sociale Ticinese) hat nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) festgestellt, dass 10 bis 15 Tessiner Arbeitgeber unverzüglich Massnahmen zur Lohnsenkung ergriffen haben.

Es handelt sich um Firmen, die keinem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstellt sind. Bei den Lohnkürzungen seien die Arbeitnehmer nicht oder ungenügend miteinbezogen worden, kritisiert Regotz. Der Gewerkschaft ist der besonders krasse Fall einer Firma bekannt, die rückwirkend die Löhne ab 1. Januar gesenkt hat.

Lohneinbussen für Grenzgänger und Einheimische

Scharf kritisiert wird von Syna namentlich die italienische Fabbri Group, die im Tessin einen Produktionsstandort hat. Die Firma, die Maschinen und Folien für Lebensmittelverpackungen herstellt, hat nach dem SNB-Entscheid die Löhne für Grenzgänger um 15 Prozent und diejenigen für Einheimische um 5 Prozent gesenkt.

Die Arbeitsverträge seien individuell, ohne dass die Arbeitnehmervertretung involviert gewesen wäre, für sechs Monate geändert worden, stellt die Gewerkschaft fest. Laut OCST ist Kurzarbeit für Fabbri keine Alternative gewesen, da das Unternehmen eine sehr gute Auftragslage hat. Aktuell seien die drei Schichten voll ausgelastet. Das Unternehmen, das in Italien und der Schweiz rund 500 Mitarbeitende zählt, wollte sich am Donnerstag auf Anfrage nicht zum Sachverhalt äussern.

Ja zu Krisenartikel und Kurzarbeit

Für Regotz wäre Fabbri ein klassischer Fall für die Anwendung des im GAV verankerten Krisenartikels der Maschinenindustrie. Dieser sieht allerdings Mitwirkungsrechte der Arbeitnehmer vor. Die Anrufung des Krisenartikels oder die Einführung von Kurzarbeit unter Einbezug der Sozialpartner sind für den Gewerkschafter probate Mittel zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Allfällige Massnahmen dürften nicht einseitig auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden.

Das Vorpreschen von Firmen ohne den Einbezug von Arbeitnehmervertretungen oder Gewerkschaften sei ein Missbrauch. «Es wird versucht, Mitarbeiter zu übertölpeln, indem gesagt wird, die Firma ist gefährdet», so Regotz. Er erinnerte daran, dass viele Firmen derzeit von günstigeren Rohstoffimporten profitierten. Der tiefe Ölpreis federe zudem den Schock der Aufhebung des Mindestkurse ab. Es gebe Firmen, die jetzt unter dem Strich besser fahren würden.

Mitarbeiter-Info per SMS

Illegal und völlig unverständlich ist das Vorgehen der Della Santa Transporte AG in Landquart GR. Die Transportfirma hat, wie die Gewerkschaft belegen kann, ihren Beschäftigten via SMS mitgeteilt, dass sie umgehend die IBAN-Nr. für ein Eurokonto melden sollen, damit ihnen der Monatslohn überwiesen werden kann.

Della Santa Transporte wurde 1978 gegründet und beschäftigt rund 100 Mitarbeitende, davon nach eigenen Angaben eine grössere Anzahl italienischer Grenzgänger. Da die Grenzgänger bei gleicher Lohnzahlung eine Lohnerhöhung um 20 Prozent hätten, würden nun neue Verträge mit einem Umrechnungskurs von 1,22 abgeschlossen, erklärte Geschäftsführer und Inhaber Romano Della Santa auf Anfrage. Die Beschäftigten würden immer noch davon profitieren, dass die Kinderzulagen in Franken ausbezahlt würden.

Euro-Löhne nicht grundsätzlich verboten

Das Unternehmen erzielt rund die Hälfte des Umsatzes in Euro. Der derzeitige Wechselkurs ist nach Angaben des Geschäftsführers für die Firma existenzbedrohend. Della Santa stellte fest, dass voraussichtlich Stellen abgebaut werden müssten.

Nach einem Entscheid der zivilrechtlichen Beschwerdekammer des Tessiner Appellationsgerichts vom vergangenen Sommer ist die Auszahlung des Lohnes in Fremdwährung nicht grundsätzlich verboten. Das Gericht hielt aber fest, dass es das Freizügigkeitsabkommen nicht erlaube, Grenzgänger anders zu behandeln als ansässige Arbeitnehmer. Das gelte für die Arbeitskonditionen ebenso wie für die Bezahlung.

SDA/rar

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch