Nach 125 Jahren ist Schluss mit der Papierproduktion

Die Papierfabrik Utzenstorf verkauft ihr Geschäft an die Konkurrenz. Auf dem riesigen Areal gibt es Platz für neue Industriebetriebe.

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Neben vielen anderen Schweizer Zeitungen wird auch der «Bund» auf Papier aus Utzenstorf gedruckt. Ab nächstem Jahr muss sich das Berner Druckzentrum der Tamedia nach einem neuen Lieferanten umsehen. In der Schweiz bleibt keine Auswahl: Nach der Schliessung der Papierfabrik Utzenstorf ist die Perlen Papier AG im luzernischen Ort Perlen die einzige Schweizer Herstellerin von Zeitungs- und Magazinpapier.

Wie aus einem alten «Bund» in der Papierfabrik Utzenstorf wieder ein «Bund» entsteht:

Die Besitzer der Fabrik in Utzenstorf sehen für das 125-jährige Unternehmen keine Zukunft mehr. Die Auftragsbücher seien zwar voll, dies aber bei zu tiefen Preisen, sagt Bernhard Ludwig, Verwaltungsratspräsident und Aktionär der Papierfabrik Utzenstorf. Bereits vor dem Ende des Euro-Mindestkurses musste das Personal auf 5 Prozent des Lohns verzichten, 2015 wurde das Unternehmen saniert, die Gläubiger mussten auf Forderungen verzichten. Doch die Papierfabrik kam bei zuletzt 100 Millionen Franken Jahresumsatz weiterhin auf keinen grünen Zweig. Dies auch wegen der gestiegenen Marktpreise für das Altpapier.

Altpapier von 800 Gemeinden

Sowohl die Kundenverträge wie auch die Verträge mit den Altpapierlieferanten verkauft die Papierfabrik an die Konkurrentin aus Perlen. Bisher wurde in Utzenstorf das Altpapier von 800 Gemeinden verarbeitet, das sind 260'000 Tonnen pro Jahr. Die Perlen Papier AG wird auch die Sortieranlage in Utzenstorf weiterbetreiben. In dieser wird Papier von Karton getrennt. In der Sortieranlage arbeiten aber lediglich sieben Personen. Rund 200 Angestellten der Papierfabrik droht nach Ablauf der Konsultationsfrist die Entlassung.

Die Perlen Papier AG werde höchstens vereinzelt Mitarbeiter übernehmen, sagt der Präsident der Papierfabrik Utzenstorf, Berhard Ludwig. Die Muttergesellschaft von Perlen Papier, die börsenkotierte CPH Chemie + Papier Holding, schreibt auf Anfrage, sie werde abgesehen von der Sortieranlage keine Maschinen aus Utzenstorf übernehmen. Das Unternehmen hat dies auch nicht nötig: 2010 nahm es in Perlen eine der modernsten Papiermaschinen der Welt in Betrieb, einen 130 Meter langen und 500 Millionen Franken teuren Koloss. Damit produziert sie so effizient, dass sie mit den günstigen Euro-Preisen der Konkurrenz mithalten kann – was der Papierfabrik Utzenstorf noch mehr zusetzte.

Anlage war bis 2030 vorgesehen

Die Anlage in Utzenstorf hätte man technisch noch bis etwa 2030 «vernünftig» betreiben können, sagt Ludwig, danach wäre eine mehrere Hundert Millionen Franken teure Investition nötig geworden, die auch für eine rentable Fabrik schwierig zu stemmen gewesen wäre. Ludwig hofft nun, dass zumindest Teile der Anlage ins Ausland verkauft werden können.

Auf dem an der Emme gelegenen Areal der Papierfabrik sollen laut Ludwig dereinst wieder Industriebetriebe angesiedelt werden. Für den Bau von Wohnungen sei es wegen der Lage nicht geeignet. Das Land verbleibt vorerst im Besitz des Unternehmens und damit indirekt der namentlich nicht genannten Schweizer Aktionäre der Papierfabrik.

Mit 230'000 Quadratmeter ist das Grundstück grösser als jede gewerbliche Baulandreserve im Kanton Bern – und könnte deshalb das Interesse von Unternehmen wecken. So baut das Pharmaunternehmen CSL Behring auf einem ähnlich grossen, bisher unbebauten Grundstück in Lengnau derzeit eine neue Biotechfabrik. (Der Bund)

Erstellt: 25.07.2017, 21:32 Uhr


Bernhard Ludwig: Besitzer der Papierfabrik Utzenstorf

Der Niedergang der Schweizer Papierindustrie

Sechs Fabrikschliessungen in zehn Jahren

Die Schliessung der Papierfabrik Utzenstorf ist symptomatisch für die Papierbranche: Eine seit Jahren sinkende Nachfrage nach Papier und der Preisdruck der Konkurrenz haben in den letzten Jahren eine Reihe von Unternehmen zur Aufgabe gebracht:


  • 2009 kündigte der norwegische Borregaard-Konzern an, die Zellulose Attisholz AG zu schliessen. In der traditionsreichen Fabrik im gleichnamigen solothurnischen Ort verloren 440 Mitarbeiter ihre Stelle.


  • 2010 schloss die österreichische Besitzerin Mayr-Melnhof die Kartonfabrik Deisswil in der Gemeinde Stettlen. Der Berner Banker und Investor Hans-Ulrich Müller sprang in die Bresche und gab den 250 Angestellten eine Arbeitsplatzgarantie ab. Dies nicht zur Fortführung der Kartonproduktion, sondern zur Belebung des Areals mit neu angesiedelten KMU. Müller plant auf dem Areal zudem den Bau von Wohnungen.


  • 2011 traf es die Papieri Biberist: In der unweit von Utzenstorf gelegenen Papierfabrik verloren 550 Mitarbeiter ihren Job. Der südafrikanische Mutterkonzern Sappi hatte beschlossen das Werk einzustellen.


  • 2014 verlagerte die Cham Paper Group 200 Stellen nach Italien. In der Schweiz wurde die Papierherstellung ganz stillgelegt, in Italien werden noch Spezialpapiere hergestellt.


  • 2016 stellte die Ziegler Papier AG in Grellingen im basellandschaftlichen Laufental den Betrieb ein. 100 Angestellt verloren ihre Stelle, 80 Stellen waren bereits in den Jahren davor abgebaut worden.


  • 2017 trifft der Verwaltungsrat der Papierfabrik Utzenstorf den Entscheid, das in den roten Zahlen steckende Unternehmen zu schliessen. Die Papierfabrik wurde 1892 gegründet und bewusst auf dem Areal an der Emme angesiedelt, um die Wasserkraft für den Betrieb zu nutzen. 1997 übernahm der finnische Papierkonzern Myllykoski die Fabrik, 2009 kaufte das Management diesem das Unternehmen ab. 2015 musste die Fabrik im Rahmen einer Umschuldung abermals auf neue Beine gestellt werden. Seither wurden rund 60 Stellen abgebaut, im August kommt es voraussichtlich zu 200 Kündigungen
    Auch in der Utzenstorfer Nachbargemeinde Bätterkinden gab es einst die Papierfabrik Schachenstrasse. Diese wurde bereits 1863 eröffnet und ging später in der Papierfabrik Utzenstorf auf. Ebenso stand einst eine Papierfabrik im bernjurassischen Courtelary. In deren Gebäude richtete sich 1935 die Schokoladenfabrik Camille Bloch ein. (sul)

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