Mitarbeiter verlassen Google wegen zensurierter Such-App

Googles Projekt «Dragonfly» setzt die strikte Zensur des chinesischen Regimes durch. Nun haben erste Mitarbeiter aus Protest gekündigt.

Google hat vor, in China wieder Fuss zu fassen.

Google hat vor, in China wieder Fuss zu fassen. Bild: Keystone

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Google hat zunehmend ein Glaubwürdigkeitsproblem bei den eigenen Angestellten. Je nach Quelle haben in den USA fünf bis sieben Angestellte den Suchmaschinenanbieter verlassen, um gegen das interne Projekt Dragonfly – Englisch für Libelle – zu protestieren. Dabei handelt es sich um den Prototyp einer Suchmaschinen-App für China, welche die strengen Zensurvorgaben des kommunistischen Regimes berücksichtigt.

Damit will Google wieder Fuss im lukrativen Markt mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern fassen. Marktforscher schätzen sein Volumen auf umgerechnet über 2,1 Milliarden Franken. Mit einem Anteil von knapp 68 Prozent ist die regimefreundliche Suchmaschine Baidu mit Sitz in Peking unangefochtene Marktführerin. Im Jahr 2010 hatte sich Google nach einem Streit um Zensur zurückgezogen, worauf China die Dienste des Konzerns sperrte.

Ex-Mitarbeiter übt öffentlich Kritik

Einer der Abtrünnigen bei Google heisst Jack Poulson. Er arbeitete bei Google als leitender Wissenschaftler und befasste sich unter anderem mit maschinellem Lernen. Gegenüber der US-Enthüllungsplattform «The Intercept» gab sich Poulson zu erkennen. Es sei seine ethische Verantwortung gewesen, «aus Protest gegen den Wegfall unserer öffentlichen Verpflichtungen zu Menschenrechten zurückzutreten», sagte er in einem Interview. Poulson ist damit einer der wenigen Ex-Mitarbeiter, die öffentliche Kritik an den China-Plänen von Google üben.

Poulson, der zuvor Assistenzprofessor am Institut für Mathematik der Stanford University in Kalifornien war, sagte weiter: Er glaube, dass der China-Plan gegen die Prinzipien der künstlichen Intelligenz von Google verstossen habe. Diese besagen, dass das Unternehmen keine Technologien entwerfen oder einsetzen werde, «deren Zweck gegen die allgemein anerkannten Prinzipien des Völkerrechts und der Menschenrechte verstösst».

Poulson ergänze, dass er nicht nur über die Zensur selbst besorgt sei, sondern auch über die Folgen des Abspeicherns von Kundendaten auf dem chinesischen Festland, wo sie für chinesische Sicherheitsbehörden zugänglich seien.

In seinem Kündigungsschreiben schrieb der 32-Jährige seinen Vorgesetzten: «Aus meiner Überzeugung heraus, dass Meinungsvielfalt für funktionierende Demokratien von grundlegender Bedeutung ist, bin ich gezwungen, zurückzutreten, um nicht zur Schwächung des Schutzes von Dissidenten beizutragen oder davon zu profitieren.»

Unterdessen sind weitere Details zum Projekt Dragonfly bekannt geworden. Die App fürs Smartphone-Betriebssystem Android soll Suchanfragen mit der Telefonnummer der Benutzer verknüpfen. Das würde chinesischen Beamten ermöglichen, die Aktivitäten auf der Plattform leicht zu verfolgen. Das erlaubt ihnen möglicherweise, politische Aktivisten, Journalisten und Abweichler ins Visier zu nehmen.

Suchbegriffe zu Menschenrechten, Demokratie, Religion und friedlichen Protesten soll die App blockieren. Menschenrechtsaktivisten sind alarmiert: «Dies ist aus Datenschutzsicht sehr problematisch, da es eine weitaus detailliertere Verfolgung und Profilbildung des Verhaltens von Menschen ermöglichen würde», sagte Cynthia Wong, leitende Internetforscherin bei Human Rights Watch, gegenüber «The Intercept».

Die Verknüpfung von Suchanfragen mit einer Telefonnummer mache es für die Menschen viel schwieriger, die übermässige staatliche Überwachung zu vermeiden, die in China weit verbreitet sei.

App unterdrückt Wetterdaten

Dragonfly ist offenbar auch in der Lage, unerwünschte Informationen zu Wetterprognosen und Luftverschmutzung durch für die chinesische Regierung genehme Angaben zu ersetzen.

Die Kontroverse kommt für Google zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen ist in den USA mit zunehmendem Druck des Gesetzgebers konfrontiert. Der Kongress in Washington will Google dazu zwingen, mehr Informationen über seine Geschäfte in China preiszugeben.

Erst vergangene Woche hatten 16 Mitglieder des Repräsentantenhauses aus den Reihen von Republikanern und Demokraten Google angefragt, inwiefern das Unternehmen Chinas Vorgaben für Zensur und Überwachung im Internet einhalten wolle, sollte es dort wieder in den Suchmaschinenmarkt eintreten.

Im August hatten sich rund 1000 Google-Mitarbeiter, 6 US-Senatoren und 14 Menschenrechtsgruppen schriftlich an den Suchmaschinenbetreiber gewandt und ihre Besorgnis über die Google-Pläne in China geäussert.

Google selbst kommentierte die Personalie Poulson bislang nicht. Ebenso wenig hat sich der Konzern zum Schreiben der Parlamentarier geäussert. Auch zu einem möglichen Suchangebot für China bleibt das Unternehmen vage. So betont Google einzig, dass zeitnah kein Start eines solchen Dienstes bevorstehe. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.09.2018, 15:02 Uhr

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