«Mit den Behörden ist nicht mehr zu spassen»

Für Maurice Pedergnana, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern, erinnern die Entwicklungen um Pierin Vincenz an frühere Vorkommnisse bei der Zürcher Kantonalbank.

Die Vorkommnisse um Pierin Vincenz «haben zu einem wesentlichen Teil mit der genossenschaftlichen Struktur von Raiffeisen zu tun», ist Maurice Pedergnana überzeugt.

Die Vorkommnisse um Pierin Vincenz «haben zu einem wesentlichen Teil mit der genossenschaftlichen Struktur von Raiffeisen zu tun», ist Maurice Pedergnana überzeugt.

(Bild: Keystone Walter Bieri)

Gibt es zum Fall Pierin Vincenz vergleichbare frühere Episoden auf dem Finanzplatz Schweiz?
Ich sehe da starke Parallelen zu Hans F. Vögeli, der 2007 als Chef der Zürcher Kantonalbank wegen Insidervergehen zurücktreten musste. Als damaliges Mitglied des ZKB-Bank- respektive -Verwaltungsrats habe ich den Fall hautnah miterlebt und erfahren, was es heisst, wenn ein Firmenchef zur unbestrittenen Führungsfigur aufsteigt. Wie Pierin Vincenz für die Raiffeisen-Gruppe hat auch Vögeli während zehn Jahren viel Gutes für die ZKB bewirkt. Beiden Herren ist es dank ihrer unbestrittenen Erfolge gelungen, ihre hausinternen Kritiker mundtot zu machen, und sie haben sich zunehmend mit Jasagern im Stab und in der Geschäftsleitung umgeben.

Müsste man denn eher von einem Fall Raiffeisen statt von einem Fall Vincenz sprechen?
Die Vorkommnisse, die jetzt so viel Staub aufwirbeln, haben zu einem wesentlichen Teil mit der genossenschaftlichen Struktur von Raiffeisen zu tun. Wir haben es dort mit einem schwachen Verwaltungsrat zu tun. Er besteht aus Leuten, die bestenfalls eine kleine Bank geführt haben oder über keinerlei Führungserfahrung im Bankgeschäft verfügen. Von diesen Leuten dürfen Sie keine professionelle Bewertung erwarten, wenn es um Übernahme- und Beteiligungsgeschäfte geht, die Raiffeisen jetzt in die Bredouille bringen. Unter solchen Voraussetzungen kann die Mechanik für eine gute Unternehmensführung schlicht nicht funktionieren.

Wie schwer wiegt die Hypothek Vincenz für den jetzigen Raiffeisen-Chef Patrik Gisel?
Das kann ich schwer beurteilen. Patrik Gisel begleitete Vincenz während vieler Jahre und war zweifellos am engsten mit ihm vertraut. Der heutige Raiffeisen-Chef war also über alles informiert. Inwiefern sich daraus für ihn Konsequenzen ergeben, darüber muss er wohl seinem Verwaltungsrat Rechenschaft ablegen.

Die umstrittenen Transaktionen rund um die Raiffeisen-Beteiligungen Aduno und Investnet sind von Revisoren und später auch Gutachtern durchleuchtet und für rechtmässig befunden worden. Ist da im Lichte der jetzigen Strafuntersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft geschlampt worden?
Als früherer Leiter des Prüfungsausschusses bei der ZKB habe ich diesbezüglich etwas Einblick bekommen. Dabei ist mir aufgefallen, dass etliche Revisoren bei der Geschwindigkeit, mit der Übernahmetransaktionen heute durchgeführt werden, überfordert sind und keine sachgerechte Beurteilung vornehmen können. Es kommt also sehr darauf an, welche Leute mit welchen Fähigkeiten für solche Aufgaben betraut werden – und die Versuchung ist gross, aus Kostengründen auf weniger befähigte Kräfte zu vertrauen. Ein Bankenrevisor versteht von Private Equity kaum etwas. Dass dadurch das Reputationsrisiko für das betroffene Unternehmen steigt – in dem Fall also für Raiffeisen –, wird zu wenig bedacht. Dabei zeigt die Causa Investnet doch erhebliche Auffälligkeiten: Bei dieser schon sehr ungewöhnlichen Konstellation, in der Pierin Vincenz als damaliger Raiffeisen-Chef mehrere Hüte gleichzeitig trug, sind Interessenkonflikte unvermeidbar.


Die Zusammenhänge hinter dem Raiffeisen-Fall:


Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Finanzmarktaufsicht Finma, die das Verfahren gegen Vincenz nach dessen Rücktritt als Verwaltungsratspräsident von Helvetia eingestellt hat?
Die Finma hat sich so verhalten, wie das bei sogenannten Enforcement-Verfahren üblich ist. Diese Verfahren enden bei einem Fehlverhalten entweder mit der Ausstellung eines Gewährsbriefes, der besagt, dass die betreffende Person keine Gewähr mehr bietet für eine einwandfreie Geschäftsführung und damit quasi lebenslang gebrandmarkt ist. Oder das Verfahren wird eingestellt, wenn die Person Einsicht zeigt, von ihren Ämtern zurücktritt und zusagt, auch in Zukunft keine solchen Ämter mehr zu bekleiden. Das Verfahren einzustellen heisst nicht, dass es abgeschlossen wird. Sollte Pierin Vincenz doch wieder eine Führungsaufgabe im Finma unterstellten Finanzsektor anstreben, würde sein Dossier wieder neu aufgerollt. Die Einstellung des Verfahrens im Fall Vincenz war also nichts anderes als eine behördliche Effizienzmassnahme.

Wird sich der Fall Vincenz nachteilig auf den Ruf des Schweizer Finanzplatzes auswirken?
Dieser Fall hat mit dem Finanzplatz nichts zu tun. Grossbanken und Kantonalbanken wie auch Versicherungen haben in den letzten Jahren viel unternommen, um die Kompetenz ihrer Verwaltungsräte zu verbessern. Das wird auch international anerkannt. Nachholbedarf in dieser Hinsicht hat hingegen Raiffeisen.

Welche Lehren sind aus den ganzen Vorkommnissen rund um den früheren Raiffeisen-Chef zu ziehen?
Für mich sind sie ein schlagendes Beispiel dafür, wie Mitglieder von Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten das Unternehmensstrafrecht immer noch zu wenig ernst nehmen. Sie zählen darauf, dass sie sich zivilrechtlich schon durchmogeln werden und messen der strikten Trennung von persönlichen Interessen und denen des Unternehmens nicht das nötige Gewicht bei. Oft ist es ja so, dass Firmenchefs und -verwaltungsräte durch das Unternehmen an Informationen gekommen sind, die sie für ihre eigenen Zwecke einsetzen. Dabei haben sich die Verhältnisse in den letzten zehn Jahren deutlich verändert: Mit den Behörden ist nicht mehr zu spassen, und sie verfügen heute über mehr Ressourcen und Kompetenzen zur Durchführung von strafrechtlichen Ermittlungen. Nur schon entfernt den Anschein von Interessenkonflikten zu erwecken, sollte man sich heute schlicht und einfach nicht mehr leisten.

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