Mit Abfall lässt sich doppelt verdienen

Die Firma Resag verarbeitet im Westen von Bern 50'000 Tonnen Abfall pro Jahr und verwandelt 90 Prozent davon in neue Wertstoffe.

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Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

René Schneider ist ein energischer Mann. Wenn er sich am Telefon meldet, zuckt man unweigerlich zusammen. Die Worte kommen wie aus der Pistole geschossen, man wähnt sich mehr in einem Verhör als in einem Gespräch. Ist der Mann schlecht gelaunt, weil er den ganzen Tag mit Abfall zu tun hat? Oder laufen die Geschäfte nicht gut?

Drei Tage nach dem Anruf empfängt Schneider den Journalisten im Niemandsland zwischen Brünnen und Riedbach im Westen Berns. Hier hat die Recycling und Sortierwerk Bern AG, kurz Resag, vor gut einem Jahr ihr neues Werk bezogen – einen 17-Millionen-Franken-Bau.

Er ist doppelt so gross wie das Industriegebäude am früheren Standort unter der Autobahnbrücke beim Weyermannshaus und so modern ausgestattet, dass Schneider praktisch jede Woche neugierige Besucher empfängt.

«Was hier herumliegt, ist in Ihren Augen Abfall», sagt Schneider zur Begrüssung, «wir machen daraus Wertstoffe». Beim Rundgang durch sein Abfallparadies ist nichts zu spüren von schlechter Laune.

Stolz zeigt Schneider den Besuchern, wie es dem 16-köpfigen Team gelingt, gegen 90 Prozent der angelieferten Industrie-, Bau- und Haushaltabfälle durch Sortieren und Aufbereiten in den Stoffkreislauf zurückzuführen.

Die fetten Jahre sind vorbei

In einer Ecke des 18'000 Quadratmeter grossen Areals liegen alte Fenster auf einem Haufen. Daneben ein stattlicher Scherbenhaufen. Die Resag zerlegt die durch Mehrfachverglasungen ersetzten Fenster in ihre Einzelteile.

Beim Aufprall aus drei bis fünf Metern Höhe springt das Glas heraus, die Metallteile werden in Handarbeit aus den Holzrahmen entfernt. Das Glas liefert die Resag nach Italien, wo es eingeschmolzen und zu Glaswolle verarbeitet wird. Das lackierte Holz wird als Brennstoff zum Stromerzeuger, das Metall im Stahlwerk Gerlafingen zu Baustahl verarbeitet.

Detaillierte Geschäftszahlen gibt Schneider, der die Resag seit 2010 führt, keine bekannt – die Konkurrenz könnte mitlesen. Auf den ersten Blick sieht das Geschäftsmodell lukrativ aus, denn die Resag verdient zwei Mal Geld: Privatleute, Kleingewerbler und Baufirmen bezahlen dafür, ihren Müll bei der Resag abliefern zu können. Pick-ups und Lastwagen werden bei der Ankunft im Werkhof und vor der Abfahrt gewogen, ein Automat spuckt die Rechnung aus.

Nach der Sortierung und Aufbereitung des Abfalls kann die Resag die Wertstoffe verkaufen. Allerdings ist sie dabei den Preisschwankungen auf den globalen Märkten ausgesetzt. Vor zwei Jahren habe er 150 Franken pro Tonne Eisen erhalten, sagt Schneider, nun sind es noch rund 20 Franken.

Auch bei Holz und Plastik sind die Preise im Keller. In guten Zeiten wird das Holz gepresst und als Spanplatten verkauft; derzeit werden die Holzschnitzel im Holzheizkraftwerk der Energiezentrale Forsthaus für die Stromerzeugung genutzt. «Die fetten Jahre sind vorerst vorbei», sagt Schneider, nur bei Papier und Karton seien die Preise stabil geblieben. Wenn die Abnahmepreise tief seien, erhöhe er die Annahmepreise; so habe er noch in jedem Jahr einen Gewinn erzielt.

In einer anderen Ecke der grossen Lagerhalle sind Plastikfolien zu grossen Ballen gepresst worden. Das Polyethylen wird normalerweise nach China verschifft und dort für die Herstellung neuer Plastiksäcke oder Spielzeug verwendet. Wegen des tiefen Erdölpreises ist die Nachfrage eingebrochen, der Anreiz für Recycling fehlt. Schneider meint, das seien nur «Momentaufnahmen». Mittelfristig werde der Druck zugunsten der Wiederverwertung steigen.

Ziegel für die Dachbegrünung

Beim Rundgang wird schnell klar: Schneider ist mächtig stolz auf jedes Stück Abfall, das er vor dem Verbrannt-Werden bewahren kann. Eine Spezialität des Hauses ist zum Beispiel die Wiederaufbereitung von Dachziegeln.

Diese werden in der Hammermühle zu Ziegelgranulat zermalmt und später mit Humus aus Grünabfällen angereichert. So entsteht ein Substrat für Flachdächer, auf denen Pflanzen spriessen sollen.

Im Zentrum des Areals steht eine gigantische Holzaufbereitungsanlage, die jeden Tag Dutzende Tonnen Altholz zu Holzschnitzeln verkleinert. 700'000 Franken hat das Ungetüm gekostet, auszahlen wird sich das erst über die Jahre. Ein Glück für Schneider, dass viele Kunden aus Transport- und Baugewerbe auch Resag-Aktionäre sind, etwa die Unternehmen Wirz, Ramseier, Kästli oder Weiss + Appetito.

Gegen Ende des Rundgangs kündigt Schneider an, nun zeige er uns noch die wahre Kernkompetenz der Resag. Er führt die Besucher vorbei am eindrücklichen Schredder, der auch Polstergruppen und Eisenbahnschwellen mühelos zermalmt, vorbei am Sortierbagger, der Abfallstücke zerkleinert und Elektroschrott herauspickt, zum Eingang einer Baracke.

«Hier arbeiten meine Helden», sagt Schneider und deutet auf vier Männer, die den Blick nicht vom zerkleinerten Industriemüll auf dem Sortierband abwenden und blitzschnell Holz-, Plastik- und Kartonstücke herausgreifen, um sie in die dafür vorgesehenen Behälter zu werfen. «Weltklasse» seien diese mehrheitlich ungelernten Mitarbeiter, besser als jeder heute verfügbare Roboter, sagt der Chef.

Der Bund

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