Migros stellt die Bio-Frage

Der Grossverteiler will Nachhaltigkeit massentauglich machen. Er fordert damit die Biobranche heraus, die mit Effizienzproblemen kämpft.

Viel Auslauf für Hühner bedeutet einen hohen Flächen- und Energiebedarf pro Kilo Poulet – also geringe Produktivität. Foto: iStock

Viel Auslauf für Hühner bedeutet einen hohen Flächen- und Energiebedarf pro Kilo Poulet – also geringe Produktivität. Foto: iStock

Benita Vogel@tagesanzeiger

Wer bei der Migros Fleisch kauft, muss sich künftig weniger Sorgen um seinen ökologischen Fussabdruck machen. Seit diesem Frühling produziert der Detailhändler sein Schweizer Poulet nach­haltiger. Der hauseigene Produktions­betrieb braucht für Hühnermast und Verarbeitung weniger Energie, weniger Fläche und weniger Dünger. Es resultieren weniger Treibhausgase und weniger Ozon. Und die Gefahr, dass für das Mastfutter Regenwald abgeholzt wurde, stellt sich auch nicht mehr, sagt Manfred Bötsch, der bei der Migros für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist.

Um all das zu erreichen, hat die Migros im Wesentlichen eine Komponente verändert: das Futter. Das Soja für die Hühner stammt nicht mehr aus Brasilien, sondern aus Nordostitalien. «Die Öko­bilanz der Pouletproduktion hat sich durch die Optimierungen markant verbessert», sagt Bötsch. Dies liess sich die Migros in einer Studie von Agro­scope bestätigen, dem staatlichen Institut für Nachhaltigkeitswissenschaften.

Hinter den Ökopoulets der Migros steckt ein neuer Ansatz. Unter den bestehenden Labeln Optigal (Hühner) und Terra Suisse (übrige Produkte) will der Detailhändler seine Produktion nachhaltiger, sprich ressourcen- und klimaschonender bewerkstelligen. Auch bei der Schweine-, Rindfleisch- und Milchproduktion wird an einer Verbesserung gearbeitet. Grosse Auswirkungen auf die Preise soll das nicht haben. «Ziel ist es, Nachhaltigkeit massentauglich zu machen», sagt Bötsch. Damit es auch für Konsumenten ohne grosses Portemonnaie erschwinglich sei.

«Wir haben eine zunehmende Weltbevölkerung und eine steigende Zahl von Konsumenten, die mehr und andere Produkte nachfragt», erklärt Bötsch. «Gleichzeitig sind Ressourcen wie Agrarland, Wasser und Energie begrenzt.» Der Klimawandel verknappe gewisse Ressourcen wie Wasser zusätzlich und verringere so die Erträge. Sein Fazit: «Ziel der Landwirtschaftsproduktion muss es sein, mit möglichst wenig Ressourcen möglichst viel herzustellen, und dies so, dass möglichst wenig Emissionen entstehen und gleichzeitig das Tierwohl und die Artenvielfalt gestärkt werden», sagt Bötsch.

Weniger Fläche, weniger Energie

Fragt sich: Braucht es dazu wirklich einen neuen Migros-Standard? Müsste der Händler nicht einfach vermehrt auf Bio umstellen? «Der Bio-Landbau nach den aktuellen Standards ist eine Option, die sich erst weiterentwickeln muss, sonst kann er diesen Anforderungen nicht gerecht werden», sagt der Migros-Mann. Zum Beleg zitiert er aus den Ökobilanz-Studien, die er für die Produktions­analyse bei Agroscope machen liess. «Diese haben ergeben, dass unser eigener neuer Standard punkto Klima- und Ressourceneinsatz oft besser abschneidet als Bio.» So brauche der neue Optigal-Standard 30 Prozent weniger Energie und gut 50 Prozent weniger Fläche als der Biolandbau. Bio schneidet zwar bei Phosphor und Stickstoff besser ab. Doch wegen des geringeren Methan-Ausstosses liegt auch die Ozonbildung tiefer, und punkto Stickstoffüberschuss im Boden und im Wasser schneide der neue Standard besser ab als Bio. «Dies hat uns sehr erstaunt», sagt Bötsch. Hauptgrund dafür ist allerdings, dass nebst der Optimierung der Optigal-Produktion der Bio-Standard schon aufgrund der Produktionsart weniger Poulet pro Fläche erzeugt. Pro Kilo Huhn liegen Stickstoff­emission und Flächenbedarf also zwangsläufig höher.

Als Bio-Schlechtmachen will Bötsch das nicht verstanden haben. «Aber wir müssen uns fragen, wie sich die bestehenden Standards weiterentwickeln müssen», sagt Bötsch, der einst zehn Jahre lang Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft war. Keines der heute bekannten Systeme habe die Antworten auf die bestehenden Herausforderungen. «Im Interesse einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung braucht es einen Wettbewerb der Produktions­standards», fordert Bötsch.

Umstrittene Berechnungsgrundlage

In der Bioszene werden die neuen ­Migros-Standards heiss diskutiert. Deren Berechnungsgrundlage ist umstritten. «Die Ökobilanzbewertung ist ursprünglich eine industrielle Methode, die vor ­allem den Energieverbrauch im Fokus hat und für die Landwirtschaft nur bedingt geeignet ist», sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl). Sie würde Faktoren wie das Tierwohl, die Biodiversität oder den Bodenschutz zu wenig berücksichtigen. «Im Wesentlichen prallen bei dieser Berechnung zwei Denkarten aufeinander», sagt Niggli: einerseits die reine Effizienzbetrachtung der Nahrungsmittelindustrie. Sie fokussiert auf einer hohen Produktion und lässt den Verbrauch ausser Acht. Andererseits die sogenannte Suffizienzbetrachtung der Biobranche, die besagt, dass nicht nur effizienter produziert, sondern gleichzeitig der Konsum eingeschränkt werden müsse. Dennoch sieht auch Niggli Entwicklungsbedarf beim Biolandbau. «Bio hat grossen Erfolg, aber jede Landbaumethode muss sich modernisieren.»

Kein Wunder, denn Bio gerät in Zugzwang. Bio droht in der Nische stecken zu bleiben und ein Standard zu bleiben für eine limitierte Zahl von Kunden, die es sich leisten können. Auf die Herausforderungen der Ernährungssicherheit infolge der steigenden Weltbevölkerung hat Bio deshalb kaum Antworten. Der Standard kann auch nicht als Produktionsvorbild dienen. Zudem verschärfen die massentauglicheren Nachhaltigkeitsbemühungen der grossen Nahrungs­mittelhersteller den Wettstreit.

Abschied von der Bio-Romantik

Die Folge: Es gibt Bestrebungen in der Biobranche, die Produktion effizienter zu gestalten. Anfang September ist ein neues Diskussionspapier vorgelegt worden, das jetzt in den Bio-Organisationen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz diskutiert wird. Das bestätigt Niggli. Die Rede ist von Bio 3.0. Nach der Pionier- und Standardisierungsphase soll Bio es jetzt aus der Nische schaffen. Die Nachfrage nach Bio nimmt weltweit stark zu, das Angebot hingegen hat sich in den letzten acht Jahren verknappt. Immer weniger Bauern wollen auf den Biolandbau umschwenken. Oft lohnt es sich nicht, weil die Preise für Bio in vielen Ländern nicht viel höher liegen als für konventionelle Produkte. Darunter leiden besonders Bauern in Deutschland, wo die Wirtschaftlichkeit der Biobetriebe tief ist.

«Diese Entwicklung kann nur mit einer umfassenden Innovation angegangen werden», sagt Niggli. Bio muss sich also vom romantischen Bild ein wenig verabschieden. Geplant sei die Einsetzung einer Innovationskommission, so Niggli. Der Biolandbau soll dadurch profitabler werden, die Landwirte technik­affiner. Niggli denkt beispielsweise an den verstärkten Einsatz von neuen Methoden wie der Roboter- und Informationstechnologien oder die Nutzung modernster molekularer Marker in der Züchtung. So könnten aus Klärschlamm recycelter Phosphor oder andere naturähnliche Substanzen eine Lösung für die Steigerung der Ausbeute im Ökolandbau sein. «Wir müssen diese Diskussionen sehr vorsichtig führen und immer den respektvollen Umgang mit Natur und Tier im Fokus haben.»

Ziel sei es, diese Innovationsthemen proaktiv anzugehen. Nigglis vorsichtige Formulierung kommt nicht von ungefähr. Der erste Entwurf zur modernen Biolandwirtschaft aus dem letzten Februar war forscher formuliert und hatte für heftige Diskussionen gesorgt. Ein schnelles Resultat ist darum nicht in Sicht. Klar ist aber: Die Diskussion wird den Biolandbau in den nächsten Jahren beschäftigen – und wohl auch nachhaltig verändern.


Umstrittene Ökobilanzanalyse

Die Ökobilanzanalyse (Life Cycle Assessment) prüft, welche Umweltwirkungen Produkte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt der Verarbeitung haben. Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, hat für die Migros-Analyse alle Daten für die Produktion von Poulet erhoben – etwa Futterzusammensetzung, Wasser- und Energiebedarf, Stallgrösse oder wie viel Gülle produziert und wieder auf dem Hof eingesetzt wurde. Und geschaut, wie hoch die Werte pro Kilo produziertem Lebendgewicht sind. «Die Analyse basiert auf den neusten Modellen und ergibt einen verlässlichen Vergleich», sagt Migros-Nachhaltigkeitschef Manfred Bötsch. Die Berechnungen basierten auf aktuellen Dateninventaren, von denen auch andere Forschungsstellen wie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) Daten beziehen. In der Schweiz gibt es viele etablierte Langzeitstudien und Studienreihen zu Bio-, IP- und konventioneller Landwirtschaft.

Laut Kritikern sind repräsentative ­Daten für Bioproduktionssysteme allerdings rar. Deshalb werde oft auf Daten konventioneller Produktion zurückgegriffen. «Das verfälscht das Bild», sagt Bernadette Oehen vom Fibl. Speziell kritisch sei die Datenlage bei den Stickstoffemissionen aus der Düngung. Zwar bestätigen auch die Kritiker, dass neben der Migros-Analyse noch weitere Studien zeigen, dass Biosysteme Stickstoff schlechter verwerten als andere Produktionsstandards. «In eigenen Analysen der Rindfleischproduktion hat sich allerdings auch das Gegenteil gezeigt», so die Fibl-Expertin. Das Problem sei, dass die Methode die Umweltbelastung auf der Produktionsfläche nicht berücksichtige. Diese sei in intensiven Systemen nämlich oft zu hoch. Dennoch hält die Expertin der Methode aber ein hohes Potenzial für eine umfassende Umweltbewertung zugute. (bv)

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt