«Man erreicht nicht einfach über Nacht eine hohe Akzeptanz»

Apple und Google haben Mühe, ihre Bezahl-App zu etablieren. Bei der Postfinance-Tochter sei das anders, glaubt Twint-Chef Thierry Kneissler.

«Die Bezahlfunktion allein ist nur ein paar Wochen lang spannend», sagt Thierry Kneissler.

«Die Bezahlfunktion allein ist nur ein paar Wochen lang spannend», sagt Thierry Kneissler.

(Bild: Keystone)

Mischa Stünzi

Herr Kneissler, aktuelle Umfragen in den USA zeigen, dass Bezahl-Apps im Laden kaum eingesetzt werden. Warum glauben Sie dennoch an den Erfolg von Twint?
Das ist eine Frage der Verbreitung. Wenn Apple Pay in den USA in 300'000 Geschäften akzeptiert wird, klingt das zuerst nach viel. Aber weil die USA so gross sind, sind das nur etwa 1 bis 2 Prozent der Läden. Ich bin überzeugt davon, dass es mit 1 bis 2 Prozent Verbreitung nicht funktionieren kann. Unser Anspruch ist deshalb: Wir wollen schweizweit möglichst überall sein. Klar wird das nicht in den nächsten Monaten passieren. Aber hier hilft uns wahrscheinlich die Kleinräumigkeit der Schweiz. Es ist viel einfacher, hier eine hohe Verbreitung zu erreichen als in den USA.

Sie müssen für Twint eine komplett neue Bezahlterminal-Infrastruktur aufbauen. Ist das der Weg, wie man eine hohe Verbreitung erreicht?
Es könnte sein, dass sich eine Lösung über die etablierte NFC-Technologie kurzfristig rascher verbreiten würde. Aber die Schweiz ist ein ausgeprägtes iPhone-Land. Wenn wir hier – wie in anderen Ländern – 80 Prozent Android-Nutzer hätten, hätten wir möglicherweise technologisch einen anderen Weg gewählt. Aber es ist eine Realität, dass in der Schweiz 60 Prozent der Smartphones von Apple stammen und dass NCF für iPhones bislang technisch nicht funktioniert oder Apple NFC nicht freigibt. Uns wird vom Handel bestätigt, dass unsere Lösung trotz der neuen Terminals ökonomisch interessant ist. Zudem: Unsere Terminals, die der Händler bezahlt, kosten 100 Franken, nicht 2500 wie die üblichen Kartenterminals.

Auch mit zusätzlichen Partnern erreicht man rascher eine grosse Verbreitung. Ist Twint als offene Plattform gedacht, sodass sich weitere Banken anschliessen könnten?
Ja. Es ist abzusehen, dass gewisse Banken mit uns zusammenarbeiten werden. Das ist auch ein Grund, warum die Postfinance Twint ganz bewusst als unabhängiges Unternehmen und als eigenständige Marke positioniert. Wenn Twint gelb wäre, könnte das wahrscheinlich andere Banken abschrecken.

Ihr grösster Schweizer Konkurrent, Paymit, hat mit der Swisscom Verstärkung bekommen. Wie viel stärker ist Paymit damit geworden?
Ich habe nicht das Gefühl, dass sich damit gross etwas verändert hat. Die Swisscom nimmt ihre Bezahllösung Tapit vom Markt, weil sie nicht funktioniert hat. Und ich sehe prima vista keinen Grund, warum etwas, das keinen Erfolg hatte, nun auf einmal unter anderem Namen erfolgreich sein soll.

Paymit hat immerhin 50'000 aktive Nutzer, Sie ein paar Hundert.
Die hat Paymit aber ohne die Swisscom gewonnen. Was die Swisscom neu einbringen kann, muss sie selber beurteilen können. Uns scheinen die Pläne von Paymit derzeit noch wenig klar. Wir sind seit einem Jahr dran, uns auf den Roll-out vorzubereiten und den Handel an Bord zu holen. Man erreicht nicht einfach über Nacht eine hohe Verbreitung und Akzeptanz.

Wie beurteilen Sie die internationale Konkurrenz, die sich langsam in Europa verbreitet? Das sind Multis, die andere finanzielle Möglichkeiten und ein anderes Gewicht haben als eine Postfinance.
Wir haben vor allen Konkurrenten Respekt. Und ich bin auch froh, wenn diese Grosskonzerne nicht schon nächste Woche in die Schweiz kommen. Es spielt in meinen Augen eine grosse Rolle, wer als Erster am Markt ist. Wer sich eine App heruntergeladen hat, die funktioniert, hat doch keinen Grund, die App wieder zu deinstallieren. Unser Vorteil sind auch die Mehrwerte. Bei Twint kann zum Beispiel die Supercard integriert werden. Das mag für einige Kunden kein entscheidender Mehrwert sein, für andere sehr wohl. Am Ende merkt man in den Gesprächen mit dem Handel auch, dass wir einen Vorteil haben, weil wir ein Schweizer Unternehmen sind. Bei den Amerikanern stellt sich immer die Frage: Was passiert mit meinen Daten?

Ein gutes Stichwort: Auch Twint will die Daten der Nutzer zu Geld machen. Etwa über Coupons, die aufgrund des Einkaufsverhaltens verteilt werden. Ist das in einem Land, wo an jedem zweiten Briefkasten ein Stopp-Werbung-Kleber hängt, eine Erfolg versprechende Strategie?
Wir geben dem Nutzer ganz bewusst die Möglichkeit, Coupons zuzulassen oder abzulehnen. Wer keine Coupons will, dessen Daten werden wir auch nicht analysieren. Diese Wahlmöglichkeit ist nicht irgendwo auf Seite 7 in den AGB versteckt, sondern wird beim Registrieren prominent abgefragt. Der Kunde kann die Option auch später ein- oder ausschalten. Diese Transparenz braucht es. Realistisch erscheint uns, dass rund die Hälfte der Nutzer Coupons akzeptieren werden.

Mit Twint können auch Bewegungsdaten der Kunden im Laden gesammelt werden. Wie konkret sind Ihre Pläne, diese Möglichkeit zu nutzen?
Das ist heute noch nicht aktuell und könnte allenfalls im ersten Halbjahr 2016 ein Thema werden. Für mich ist klar, dass wir das dann nicht einfach schleichend einschalten würden, sondern transparent aufzeigen, was es bedeutet und was der Kunde für Mehrwerte davon hat.

Twint setzt anfangs auf angesagte Läden, Restaurants und Bars. Das ist eine nette Marketingstrategie, das wirkliche Geschäft liegt aber bei den Grossen. Wann wird man im Ryffli­hof oder in der Migros Marktgasse mit Twint bezahlen können?
Bei Coop läuft ein Pilotversuch, bei dem ab Herbst laufend neue Filialen hinzukommen. Wann der nationale Roll-out in allen Filialen kommen wird, kann ich noch nicht sagen. Das entscheiden wir gemeinsam mit Coop. Bei der Migros sind wir noch nicht so weit. Sie will ja ihre eigene Bezahllösung für Handys auf den Markt bringen.

Der Bund

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