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Kleiner Anbieter macht Schluss mit Internet-Bandbreiten

Mut zur Lücke: Der Zürcher Telecombetreiber GGA Maur verzichtet künftig auf Angaben zur Geschwindigkeit der Internetverbindung.

Schnell, schneller, schnell genug: Für einen Haushalt mit einer vierköpfigen Familie reichen 100 bis 150 Megabit pro Sekunde. Foto: Christof Schürpf (Keystone)
Schnell, schneller, schnell genug: Für einen Haushalt mit einer vierköpfigen Familie reichen 100 bis 150 Megabit pro Sekunde. Foto: Christof Schürpf (Keystone)

Ab Mitte Februar fordert das lokale Kommunikationsunternehmen GGA Maur die Denkweise der gesamten Branche heraus – und die der Konsumenten. Der Zürcher Telecombetreiber mit 30’000 Abonnenten im Raum Greifensee, in Zürich, Winterthur und St. Gallen wird beim Internetzugang keine Bandbreiten mehr angeben.

«Unser wichtigstes Versprechen an den Kunden wird es stattdessen sein, dass er immer und überall passendes Internet für seine Bedürfnisse haben wird», sagt Andreas Lindner, Geschäftsführer von GGA Maur.

Um die Idee besser zu verstehen, sei eine Parallele mit der Autoindustrie gestattet: Stellen Sie sich vor, die Hersteller würden Wagen ohne Tachometer verkaufen. Die Marken würden einzig garantieren, dass ihr Fahrzeug schnell genug für die Autobahn ist.

Aktuell erarbeitet GGA Maur die letzten Details zu den Produkten ohne Angaben zum Tempo, darunter die Tarifmodelle. Der Einstiegspreis ist bei knapp 50 Franken pro Monat angesetzt.

Schneller als die Endgeräte

Diese Schwelle ist kein Zufall: Salt bietet zu diesem Preis einen Internetanschluss mit Geschwindigkeiten von 10 Gigabit pro Sekunde im Glasfasernetz an. Der Einstieg des drittgrössten Schweizer Mobilfunkanbieters in den Festnetzmarkt vor zwei Jahren mit diesem aggressiven Angebot führte unter den bedeutenden Betreibern zu einem Temporausch.

Marktführer Swisscom erhöht die Geschwindigkeit ab März ebenfalls auf 10 Gigabit pro Sekunde. Kabelnetzbetreiber UPC bietet landesweit mindestens 1 Gigabit pro Sekunde an.

Die immer höheren Geschwindigkeiten nützen vor allem dem Marketing der Anbieter. Die Endgeräte in den Haushalten sind technisch noch gar nicht in der Lage, Bandbreiten von 10 Gigabit pro Sekunde auch zu verarbeiten.

Ein Modell für die gesamte Branche?

Auf einen solchen technischen Wettbewerb wollte – und konnte – sich GGA Maur bewusst nicht einlassen. «Als kleiner Mitbewerber ist es für uns nicht zielführend, im Preiskampf um übertriebene Geschwindigkeiten mitzuziehen», sagt Christian Bommer, Leiter Marketing und Verkauf. «Also haben wir uns darauf fokussiert, welchen Mehrwert wir sonst bieten können.»

Da sei die Idee gekommen, das Leistungsversprechen neu zu formulieren: Der Zugang zum Internet soll in allen Alltagssituationen einfach und selbstverständlich werden. Könnte das ein Modell für die gesamte Branche werden?

«Es dürfte sehr schwierig werden, die Konsumenten umzugewöhnen.»

Ralf Beyeler, Telecomexperte

Telecomkenner wie Ralf Beyeler vom Vergleichsdienst Moneyland.ch bezeichnen den Schritt von GGA Maur als «mutig». Ein Vorteil sei sicher, dass die Kunden nicht mehr aus zahlreichen Internetabonnements des gleichen Anbieters auswählen müssen. «Die meisten dürften damit heute überfordert sein», sagt Beyeler.

Trotzdem hat der Experte Bedenken: «Es dürfte sehr schwierig werden, die Konsumenten umzugewöhnen.» Dazu brauche es aufwendige und teure Werbekampagnen, die sich kleine Anbieter gar nicht leisten können. Weiter seien für die Kunden die Bandbreiten nach wie vor wichtige Anhaltspunkte, um das passende Abonnement zu finden.

Schliesslich brauche es auch in Zukunft Angaben über die technisch aufgeschaltete Bandbreite. Ansonsten komme es zu einem Wildwuchs, der einen fairen Wettbewerb verhindere. Beyeler: «Die Anbieter könnten schwammig formulieren, dass sie soviel Bandbreite liefern wie nötig, aber tatsächlich beschränken sie die Geschwindigkeit stark.»

Die Konkurrenz schaut genau hin

Dem Vernehmen nach will GGA Maur bei den neuen Angeboten eine Mindestgeschwindigkeit von 300 bis 500 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: Für einen Haushalt mit einer vierköpfigen Familie reichen 100 bis 150 Megabit pro Sekunde. Damit kann das Netz ruckelfrei genutzt werden, selbst wenn alle vier Familienmitglieder gleichzeitig intensiv surfen und hochauflösende Serien streamen.

Mitbewerber in einer ähnlichen Firmengrösse wie GGA Maur schauen bereits genau hin. Der überregionale Kabelnetzverbund Quickline mit Sitz im bernischen Nidau bezeichnet das Vorhaben als «sympathisch».

Quickline habe aktuell nicht die Ambition, beim Breitbandinternet einen Paradigmenwechsel einzuleiten und auf die von den Kunden «gelernten» Grössenangaben zu verzichten, heisst es auf Anfrage. Man sei aber gespannt, wie die Kunden von GGA Maur auf das neue Angebot reagieren.

Angriffe unter Preisdruck

Der enorme Preisdruck im Schweizer Telecommarkt hat die Konkurrenten immer wieder dazu gezwungen, sich von alten Gepflogenheiten zu trennen. So preschte die Swisscom vor acht Jahren vor, als sie beim Mobilfunk die klassische Abrechnung des verbrauchten Datenvolumens aufgab – und stattdessen die Geschwindigkeit des Netzzugangs verrechnete: je höher das Tempo, desto höher der Tarif.

Die Kabelfernsehen Bödeli AG griff im Jahr 2016 die Swisscom bei der Festnetztelefonie an. Der kleine Anbieter aus dem Berner Oberland lancierte damals einen neuen Telefon­anschluss über die bestehende Kabel-TV-Dose. Dieser kostete pro Monat 10 Franken weniger als die Anschlussgebühr fürs Festnetztelefon, welche die Swisscom als Grundversorgerin verlangen durfte.

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