Julius Bär machte zu Unrecht auf Panik

Auf den Frankenschock folgte bei der Zürcher Privatbank ein Sparprogramm über 100 Millionen Franken und 200 Jobs. Das heutige Resultat zeigt: Bär ist auf Kurs und kein Übernahmekandidat.

Gipfelstürmer: Bär-CEO Collardi. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Gipfelstürmer: Bär-CEO Collardi. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Kaum war der Franken frei und der Euro im Tief, da überraschte die Zürcher Privatbank Julius Bär mit einem weitreichenden Sparprogramm. 100 Millionen Franken und rund 200 Stellen sollten im Verlauf von 2015 wegfallen, gab die Bär-Führung Anfang Februar bekannt und schob dafür dem Frankenschock die Schuld zu.

Nun zeigt sich, dass die Sparoperation wenig mit den Turbulenzen bei den Währungen zu tun hat. Das Finanzinstitut zog in den ersten vier Monaten viele neue Vermögen an, ausser in Europa, wo Selbstanzeigen von Steuersündern zu Abflüssen führten. Insgesamt sei der Neugeldstrom «am unteren Ende des mittelfristigen Zielbereichs» gelegen. Dieser liegt zwischen 4 und 6 Prozent.

Bär profitierte vom Börsenboom

Die Neuvermögen und was Bär mit den anvertrauten Geldern machte, das sorgt für Optimismus unter den Investoren. Die Aktie der grössten Schweizer Privatbank legte im frühen Handel um über 1 Prozent zu, später entwickelte sie sich etwas schwächer im Einklang mit der Börse.

Das Hauptaugenmerk lag auf der Kosten-Ertrags-Kennziffer. Diese war 2012 das grosse Problem von Bär, als die Bank die Übernahme des globalen Geschäfts der unrentablen Merrill Lynch ankündigte. Nun haben die Schweizer die Kosten getrimmt und die Erträge gesteigert. Ziel ist eine Bandbreite beim Kosten-Ertrags-Verhältnis von 65 bis 70 Prozent. Bis April lag Bär «leicht unterhalb» dieses Zielbereichs – eine positive Überraschung.

Auf der Ertragsseite profitierte Bär von mehr Risikofreude der Kunden. Es sei zu einem «Anstieg der Transaktionen in Aktien und Anleihen» gekommen, und die für Bär immer wichtigere asiatische Klientel habe sich neu positioniert. Die Umwälzungen in den Kunden-Portefeuilles führten zu viel Bewegung bei den Geldhäusern, und so erstaunt es nicht, dass die Zürcher Privatbank gleich wie zuvor die beiden Grossen UBS und CS vom belebten Handel zum Jahresauftakt profitieren konnte.

Merrill Lynch als Wertbeschleuniger

Für Bär-Chef Boris Collardi ist das Kalkül mit der schnellen Reaktion auf die Frankenabnabelung vom Euro aufgegangen. Der altersmässig mit 41 Jahren immer noch junge Spitzenmanager, der aber bereits 6 Jahre CEO-Erfahrung auf dem Buckel hat, steht als vorausschauender Topbanker da. Die Umsetzung der angekündigten Kostenmassnahmen soll bis Jahresende «nach und nach» positive Wirkung entfachen, lässt die Bank-Führung heute verlauten.

Collardi hatte aber mit seiner Sparübung vermutlich anderes im Auge. Es gelang ihm, den Kurs der Bär-Aktie rasch von einem Tiefststand von unter 35 Franken auf über 50 Franken hochzubringen, deutlich mehr, als der Titel vor dem Euroentscheid der Nationalbank wert gewesen war. Damit ist Collardis Bank erstaunlich hoch bewertet. Sie bringt an der Börse 11 Milliarden Franken auf die Waagschale, was viel ist im Vergleich zur Credit Suisse mit fast 10-mal so vielen Angestellten. Die CS-Kapitalisierung beträgt weniger als das Vierfache von Bär.

Die Investoren setzten offensichtlich auf Collardis Julius Bär. Dessen Geheimnis lautet Alleingang durch Zukäufe. Die Akquisition des internationalen Merrill-Lynch-Geschäfts ist zum Wertbeschleuniger geworden. Die bekannte Blackrock und die ebenfalls angelsächsische Wellington sind beim Schweizer Geldhaus stark investiert. Sie trauen Collardi und seiner Truppe zu, weitere mittlere bis grössere Übernahmen über die Bühne zu bringen – und zwar schnell und erfolgreich.

Kundenberater wechseln von CS zu Julius Bär

Geht die Bär-Bank tatsächlich als eigenständiges Unternehmen in die Zukunft, dann hat das Konsequenzen für ihren Chef. Collardi könnte sich nicht einfach nach einem Verkauf der Julius Bär an die Credit Suisse oder einen anderen Finanzmulti aus dem Staub machen, sondern der Mann mit über 6 Millionen Jahresentschädigung müsste weiter Resultate liefern.

Leicht wird das nicht. Bei voller Übernahmefahrt muss Collardi sein hinter der gläsernen Kulisse angestaubtes Haus in Ordnung bringen. Die Julius Bär operiert immer noch auf einer Uralt-Informatik, die sie nun modernisiert. Für die absehbare Busse im US-Steuerstreit muss die Bär-Bank zudem mit mindestens 500 Millionen Dollar Strafe rechnen.

Beides schlägt auf den Gewinn. Doch Collardi steht hoch im Kurs der Investoren, und er profitiert von der Schwäche der Credit Suisse. Das zeigt sich im Markt. Unter der Führung eines vor kurzem verpflichteten Ex-CS-Topmanns haben in letzter Zeit viele Kundenberater zu den Bären gewechselt.

DerBund.ch/Newsnet

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