Cumulus von Kunde X zeigt: Bisher für 62'793.50 Franken eingekauft

Wer Cumulus oder Supercard hat, kann Dateneinsicht verlangen: Der Praxis-Test. Und da steht nicht nur «Preis-neutral».

Cumulus und Supercard: Sie machen aus uns ein offenes Geheimnis. Foto: Keystone

Cumulus und Supercard: Sie machen aus uns ein offenes Geheimnis. Foto: Keystone

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Was machen die Internetkonzerne wie Google und Facebook mit unseren Daten? Wissen sie bald mehr über uns als wir selbst? Diese Frage treibt Konsumenten um. Dabei wird oft vergessen, dass zwei der grössten Datensammler der Schweiz bereits seit vielen Jahren aktiv sind: Migros und Coop.

Die Cumulus-Karte wurde 1997 lanciert und zählt heute 2,8 Millionen teilnehmende Haushalte. Coop startete mit der Supercard im Jahr 2000 und hat mittlerweile gar 3,2 Millionen Kundenkonten. Was die beiden Detailhandelsriesen mit den gesammelten Daten anstellen, weiss jedoch kaum eine Kundin.

Wer in der Schweiz in eine Datenbank eingetragen ist, hat ein gesetzliches Recht auf Dateneinsicht. Die Probe aufs Exempel zeigt: Beide Unternehmen halten sich daran. Die Migros stellt im Internet ein Formular zur Verfügung, mit dem die Daten schriftlich angefordert werden können. Coop gibt nur die Adresse an, an die ein Auskunftsbegehren geschickt werden muss.

Es wird konkreter

Bereits nach kurzer Zeit trifft eingeschrieben die Antwort der Migros ein. Wer seitenlange Analysen des eigenen Einkaufsverhaltens erwartet, wird enttäuscht. Auf lediglich drei Seiten findet alles Platz: Neben Adressangaben finden sich dort das Beitrittsdatum zum Cumulus-Programm sowie die Namen der Migros-Filialen, in denen der Kunde am häufigsten einkauft und am meisten Geld ausgibt.

Dann wird es konkreter: Seit der Karteninhaber 2002 dem Cumulus-Programm beigetreten ist, hat er bei der Migros 62'793.50 Franken ausgegeben. Im laufenden Jahr waren es 4139.30 Franken. Dem Datenblatt ist auch zu entnehmen, dass der Kunde Self-Scanning nutzt.

Zuletzt teilt die Migros dem Kunden mit, in welches Kundensegment sie ihn einteilt: beim Kaufmotiv in «Frisch & nachhaltig», beim Preis in «Preis-neutral» und beim Lebensabschnitt in «Kleinhaushalte/Übrige». Auf Anfrage weigert sich der Grossverteiler «aus Konkurrenzgründen», die anderen Optionen bekannt zu geben. Das schmälert den Informationsgehalt der Angaben.

Alles für «die Bedürfnisse des Kunden»

Natürlich verfügt die Migros über mehr Daten, als auf den drei zugeschickten Seiten ersichtlich ist. Aus buchhalterischen Gründen bewahrt sie jede Einkaufsquittung zehn Jahre lang auf. Die Auswertung der Einkäufe basiert auf Daten, welche die Migros zwei Jahren speichert und anschliessend löscht, wie ein Kontrollbericht des Datenschützers des Bundes festhält.

Umfrage

Cumulus-Karte und Supercard sind für mich ...

ein No-go.

 
27.3%

ein willkommener Zustupf.

 
48.0%

ein beängstigendes Datensammlerprojekt.

 
24.8%

2012 Stimmen


Mit diesem umfangreichen Datensatz generiert die Software der Migros individuelle Cumulus-Rabattcoupons sowie passende Werbung, die den Kunden per Post zugestellt wird. In erster Linie dienten die Cumulus-Daten dazu, das Sortiment der Filialen «noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden» auszurichten, wie die Migros schreibt. Sprich: Wenn in einer Filiale viele «Kleinhaushalte» einkaufen, sind grosse Packungen weniger gefragt. Und wenn das Kundensegment «Frisch & nachhaltig» schwach vertreten ist, wird auch in einer grösseren Filiale nur wenig Biogemüse angeboten. Auch Coop verwendet die Daten seiner Supercard nach eigenen Angaben primär für «die Optimierung der Sortimente und die Standortplanung».

Daten füllen drei Seiten

Der Brief von Coop kommt zwei Wochen nach jenem der Migros. Auf drei Seiten steht, über welche Adressdaten des Kunden Coop verfügt und welche Coop-Angebote dieser nutzt. Es wird zwar erwähnt, dass Coop seine Kunden anhand der Supercard-Daten in Segmente einteilt. Doch wer wissen will, wie er eingeordnet wird, muss die sogenannte Warenkorbauswertung explizit anfordern. Einige Tage später trifft auch diese Auswertung ein. Anders als die Migros erhebt Coop keinen Total-Einkaufsbetrag. Im Gegensatz zur Migros gibt Coop dagegen auf Anfrage alle möglichen Optionen seiner Kundensegmentierung bekannt. So wird der Haupteinkaufskanal des Kunden erhoben – mit den Optionen «nicht Coop», «manchmal Coop», «tendenziell Coop» und «vorwiegend Coop». Es folgen die fünf Kategorien Kundenwert für Coop, Präferenz für nachhaltige Produkte, Präferenz für günstige Produkte, Interesse an Rabattangeboten und Interesse an Superpunkte-Bons, bei denen es jeweils die Optionen «hoch», «mittel» und «niedrig» gibt.

Wenn Coop und Migros die Daten aggregieren, können sie wertvolle Schlüsse über die Kundschaft ihrer Filialen ziehen. Das ist ihnen auch etwas wert: Pro Franken, den der Kunde ausgibt, gibts bei den Grossverteilern einen Rappen, sprich ein Prozent Rabatt in Form von Gutscheinen. Daneben verweisen die Handelsriesen auf einen weiteren Vorteil ihrer Datensammelei für Kunden: mehr Sicherheit. Denn dank den Kundenkarten wissen Migros und Coop, wer Ware gekauft hat, wenn sie einmal zurückgerufen werden muss. So hat die Migros im Oktober alle Cumulus-Kunden angeschrieben, die Eier gekauft hatten, bei denen es Verdacht auf Salmonellenbefall gab.

Einsicht in Ihre Migros-Daten
Hier finden Sie das Formular für ein Auskunftsbegehren an die Migros.

Einsicht in Ihre Coop-Daten
Für ein Auskunftsbegehren an Coop können Sie das Formular des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten verwenden. Adressieren Sie es an:

Coop Supercard
Kundendienst
Postfach 306
8706 Meilen

Vergessen Sie nicht, eine Ausweiskopie mitzuschicken und ausdrücklich auch eine Warenkorbauswertung zu verlangen.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 07:09 Uhr

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