Im Schweizer Buchhandel ist der Wurm drin

Die Branche hat so viele interne Probleme, dass der Kampf gegen die ausländische Billigkonkurrenz fast in den Hintergrund rückt. Im Fokus steht der Grosshändler Buchzentrum, an dem auch Orell Füssli Thalia beteiligt ist.

Das Buchzentrum in Hägendorf SO ist das zentrale Lager des Schweizer Buchhandels. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Das Buchzentrum in Hägendorf SO ist das zentrale Lager des Schweizer Buchhandels. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Benita Vogel@tagesanzeiger

Das Buchzentrum nimmt im Schweizer Buchhandel eine wichtige Stellung ein. Als Vermittler zwischen Verlegern und Buchhändlern ist es einer der wichtigsten Distributoren und Lieferanten. Doch die traditionsreiche Institution, die den Buchhändlern gehört, erlebt gerade Turbulenzen. Sie hat auf das laufende Jahr hin nicht nur Kunden auf Verlags- und Händlerseite verloren. Auch bei den Besitzern der Genossenschaft rumort es. So hat das Buchzentrum die beiden grössten Genossenschafter, Orell Füssli und Thalia, verloren. Nach ihrem Zusammen­schluss zu Orell Füssli Thalia haben sie das Buchzentrum verlassen, wie Sprecherin Nicole Gisi bestätigt. Die beiden Firmen hatten zusammen ein Genossenschaftskapital von rund 5 Millionen Franken. Das sind rund 40 Prozent des damaligen Genossenschaftskapitals.

Ein Kurs von 1.35 Franken

Zwar ist die neue Firma dem Buchzentrum nach dem Zusammenschluss wieder beigetreten. Dieser Schritt war allerdings lange umstritten, wie Insider sagen. Denn Orell Füssli Thalia ist nicht mehr auf das Buchzentrum angewiesen, die Geschäftsbeziehung ist marginal und entsprechend klein die Motivation, Genossenschafter zu sein. Das Kapital der neuen Firma liege denn auch weit unter jenen 5 Millionen, welche die beiden Vorgängerfirmen eingebracht haben, sagen Insider. Orell Füssli Thalia und Buchzentrum äussern sich nicht dazu.

Gemäss Informationen des TA ist das Genossenschaftskapital des Buchzentrums im letzten Jahr jedoch deutlich gesunken: um 4,4 Millionen auf 7,3 Millionen. Die Änderungen um Orell Füssli Thalia werden bei all jenen zu reden geben, die selbst gerne Anteile reduziert hätten. Gelegenheit dazu bietet die Generalversammlung der rund 280 Genossenschafter am kommenden Montag.

Unter den Nägel brennen den Genossenschaftern auch andere Themen: Der Euro. Die Branche leidet unter der Aufhebung des Mindestkurses, ihre Umsätze und Erträge sinken. Die Buchhändler sind angewiesen auf tiefe Einkaufspreise, um mit der Billigkonkurrenz vor allem aus dem Ausland mithalten zu können. Allerdings hatte das Buchzentrum den tieferen Eurokurs zunächst nicht automatisch an die Buchhandlungen weitergegeben. Inzwischen zahlt es Währungsrabatte schneller aus und hat auch die Preise von Büchern ausländischer Verlage gesenkt. Genossenschafter bemängeln dennoch eine intransparente Preis- und Bonuspolitik. Die Preise seien nicht durchs Band gesenkt worden und zum Teil noch höher als vorher, heisst es. Fakt ist: Das Buchzentrum rechnet die Europreise je nach Buch mit einem Wechselkurs von bis zu 1.35 Franken um. Zum Vergleich: Aktuell notiert der Euro bei rund 1.04 Franken. Kein Wunder, dass immer mehr hiesige Buchhändler direkt in Deutschland einkaufen und das Buchzentrum aussen vor lassen wollen. Sprecherin Gisi sagt, das Buchzentrum gewähre den Genossenschaftern seit Mitte Januar auch auf bereits eingekauften Waren einen Bonus. Deshalb habe man das bestehende Lager deutlich abwerten müssen.

Die Rücksendungen. Ebenfalls heiss diskutiert werden dürften die neuen Konditionen, zu denen die Buchhändler bestellte Bücher ans Buchzentrum zurücksenden können. Diese bis anhin grosszügigen Konditionen wurden per Anfang Jahr verschärft. Bisher konnten die Händler alle Bücher zurücksenden, die sie im Laden nicht verkauft hatten, und erhielten einen hohen Prozentsatz auf den Warenwert zurückerstattet. Neu wird die Rücksendequote nicht mehr auf Basis der getätigten Umsätze, sondern anhand der Stückzahlen berechnet. Das führe dazu, dass nur noch wenige nicht verkaufte Bücher rückvergütet würden, sagen Genossenschafter. Für Ärger sorgten insbesondere die kurzfristige Ankündigung der Neuerung sowie die intransparente Informationspolitik. Offenbar musste die Inkraftsetzung der Regelung wegen der Proteste sogar verschoben werden. «Der Umfang der Remissionen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen», sagt Gisi. Diese seien aufwendig. «Ziel der neuen Regelung ist es, die Rücksendungen einfach, effizient und verursachergerecht zu gestalten.» Sie sei für die Kunden fair und nach wie vor eine der grosszügigsten im Zwischenbuchhandel.

Der Verwaltungsrat. Das Aufsichtsgremium gibt Anlass zu Fragen – und das nicht zum ersten Mal. Seit zwei Jahren wird das Buchzentrum von Hanspeter Büchler im Doppelmandat geführt. Die Machtballung des Geschäftsleiters und Verwaltungsratspräsidenten kommt nicht bei allen Genossenschaftern gut an. Auf eine entsprechende Frage an der letztjährigen Generalversammlung sagte Vizepräsident Daniel Stehelin, der Vorsitzende habe den Auftrag, die Geschäftsleitung so aufzustellen, dass die Doppelfunktion bald kein Thema mehr sein werde. Das geht aus dem GV-Protokoll hervor, das dem TA vorliegt. Intern wurde diese Aussage so gedeutet, als ob das Doppelmandat bald aufgehoben werden würde. Das ist bislang aber nicht geschehen. Das Buchzentrum informiere, sobald zu diesem Thema weitere Informationen vorliegen würden, sagt Sprecherin Gisi.

Eingekaufte Herausforderung

Eine einfache Aufgabe hat Büchler nicht. Die Situation für den Buchgrosshändler ist ob der rückläufigen Umsätze und der Währungsunsicherheiten schwierig. Zudem hat sich das Buchzentrum mit zwei Beteiligungen weitere Herausforderungen ins Haus geholt. Ende 2014 beteiligte es sich am Postkartenverlag Photoglob – kein wirkliches Wachstumsgeschäft. Zudem soll das Buchzentrum Aktien von Comelivres übernehmen. Die Softwarefirma steckt in Schwierigkeiten und hat in den vergangenen zwei Jahren nach eigenen Angaben «einen grösseren Verlust» geschrieben. Weil die Firma, Anbieterin von digitalen Bücherkatalogen und anderen Services, ein wichtiges Bindeglied zwischen Buchzentrum und Buchhändlern ist, blieb wohl keine Alternative als einzusteigen.

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