Halbpreis-Medikament – und keiner weiss davon

Telfastin Allergo, ein Heuschnupfenmittel für Allergiker, kostet rund 13 Franken, das Generikum gut 6 Franken. Weisen Apotheken darauf hin? DerBund.ch/Newsnet machte Stichproben.

Nicht immer weiss das Personal, dass von einem Heilmittel ein Generikum existiert: Angestellte in einer Apotheke.

Nicht immer weiss das Personal, dass von einem Heilmittel ein Generikum existiert: Angestellte in einer Apotheke. Bild: Keystone

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An heissen Tagen ist die Pollenbelastung besonders hoch. Triefende oder verstopfte Nasen, Niesanfälle, juckende oder tränende Augen gehören zu den lästigen Symptomen des Heuschnupfens, die viele Menschen im Frühling plagen. Um die Allergie zu bekämpfen, gibt es keine wirklich guten Optionen. Entweder unterziehen sich Betroffene einer Desensibilisierung, die allerdings mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Oder man greift auf althergebrachte Medikamente zurück, die jedoch nur die Symptome des Heuschnupfens bekämpfen, und auch dies nicht immer zuverlässig.

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In der Schweiz leiden je nach Schätzung zwischen 1,2 und 1,6 Millionen Menschen unter Heuschnupfen. Wenig überraschend tummeln sich auf diesem grossen Markt zahlreiche Pharmafirmen, darunter der französische Pharmakonzern Sanofi. Im Jahr 2013 hat das Unternehmen mehrere seiner Anti-Allergie-Präparate unter der Markenlinie «Allergo» neu lanciert. Dieses Jahr hat der Konzern das Medikament Telfastin Allergo besonders stark beworben. Dieses und vergleichbare Mittel schwächen den körpereigenen Botenstoff Histamin, der eine wichtige Rolle bei allergischen Reaktionen spielt.

Identische Wirk- und Inhaltsstoffe: Original (l.) und Generikum. Foto: Urs Jaudas

Das Medikament von Sanofi ist in den Apotheken ab 12.40 Franken erhältlich. Bei der hierzulande grössten Apothekenkette Amavita kostet es derzeit 13.50 Franken. Allerdings gibt es vom gleichen Hersteller auch ein Generikum mit dem gleichen Wirkstoff namens Fexofenadin Zentiva. Dieses Präparat ist in den Apotheken für 6.25 Franken erhältlich, also gerade mal zu rund der Hälfte des Preises von Telfastin. Dass der Wirkstoff und alle anderen Inhaltsstoffe der beiden Präparate identisch sind, bestätigt Julia Genser, Oberärztin der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich.

Selbst erfahrenen Apothekern ist oft nicht bewusst, dass ein Generikum ­erhältlich ist.

Darauf hingewiesen werden die Betroffenen jedoch kaum. Eine Stichprobe von DerBund.ch/Newsnet in mehreren Apotheken hat gezeigt, dass das Personal nicht auf die weit günstigere Alternative des gleichen Herstellers hinweist. Selbst erfahrenen Apothekern ist oft nicht bewusst, dass neben Telfastin Allergo ein Generikum ­erhältlich ist. In gewissen Apotheken ist die Kopie zudem nicht sofort erhältlich, weil der Grosshändler sie zurzeit nicht an Lager hat.

Weder ­rezept- noch kassenpflichtig

Sanofi erhielt die ­Zulassung für das Originalpräparat namens Telfast in der Schweiz im Jahr 1997. Elf Jahre später haben die Franzosen das Generikum ihres eigenen Produkts lanciert. Laut Sprecher Jacques-Henri Weidmann ist es Teil der Firmenstrategie, nach Patentablauf ein Nachahmerprodukt des eigenen Originals auf den Markt zu bringen. Andere Generikahersteller verzichteten jedoch darauf, eigene Kopien zu lancieren. Schliesslich ist eine ganze Reihe von Antihistaminen erhältlich, ebenso entsprechende Kopien.

Im Jahr 2010 lancierte Sanofi Telfastin Allergo. Das Präparat ist weder ­rezept- noch kassenpflichtig und darf im Gegensatz zu den meisten anderen Medikamenten beworben werden. Im Fachjargon spricht man von einem OTC-Produkt (over the counter).

Eine günstige Konstellation

Im Gegensatz zu kassenpflichtigen Arzneimitteln ist hier der Hersteller in der Preisgestaltung frei. Dies ist auch der Grund, weshalb sich der Preis von Telfastin Allergo von Apotheke zu Apotheke unterscheiden kann. Sanofi nutzte letztlich eine günstige Konstellation. Weil bis auf die Firma selber niemand ein Generikum des hauseigenen Originals lancierte, gerieten beide etwas in Vergessenheit. Da die Werbekampagne suggeriert, Telfastin Allergo sei etwas Neues, dachten offenbar weder Apotheker noch Heuschnupfenpatienten daran, dass ein weit günstigeres Generikum verfügbar ist.

Die geschickte Vermarktungsstrategie und die Werbekampagne von Sanofi zeigen Wirkung. Laut einem Branchenkenner gehört Telfastin Allergo in diesem Jahr unter den rezeptfreien Medikamenten zu den wachstumsstärksten Präparaten in der Schweiz.

«Freier Markt, freie Wahl»

Sanofi bestätigt, «für identische Produkte unterschiedliche Preise anzubieten». Beim Generikum befinde man sich in einem regulierten Bereich, beim OTC-Präparat im freien Markt, sagt Firmensprecher Weidmann. Bei Telfastin ­Allergo würden die Preise vom Handel bestimmt. Letztlich habe der Konsument die freie Wahl.

Zwar gibt es auch bei anderen Heuschnupfenmedikamenten grosse Preisunterschiede zwischen OTC-Präparaten und Generika, so etwa im Fall des bekannten Präparats Zyrtec. Bei diesem gibt es jedoch mehrere Generika, die ­sowohl den Apothekern als auch vielen Patienten bekannt sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 07:50 Uhr

Lästiger Pollenflug: In der Schweiz leiden zwischen 1,2 und 1,6 Millionen Menschen unter Heuschnupfen. Foto: David Goldmann (AP Photo)

Medikamentenpreise

Das glückliche Händchen von Alain Berset

Gesundheitsminister Alain Berset sei ein Lotteriekönig, titelte jüngst die «Basler Zeitung» (BaZ). Wer jetzt meint, der SP-Bundesrat sei der Spielsucht verfallen, irrt. Der Titel spielt auf die Festlegung der Medikamentenpreise an. Der Bundesrat hat auf den 1. Juni diesbezüglich zahlreiche Änderungen in Kraft gesetzt. Dazu gehört auch, wie die Reihenfolge festgelegt wird, nach der die Medikamentenpreise ab dem nächsten Jahr angepasst werden. Denn pro Jahr wird nur ein Drittel der Preise aller Medikamente überprüft. Die Pharmaindustrie fieberte deshalb auf das Ergebnis der «Lotterie» hin, um zu erfahren, ob man zu den unglücklichen Firmen gehört, deren Medikamente bereits 2016 angepasst werden.

Früher war jenes Datum für die Einteilung entscheidend, an welchem ein Medikament vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) als kassenpflichtig eingestuft wurde. Da der Bund fürchtet, sich damit dem Vorwurf der Willkür auszusetzen, hat er das Verfahren geändert. Deshalb entscheidet nun das Los. Oder um es mit den Worten der BaZ zu sagen: «Eine nicht weiter bekannte Glücksfee (Christa Rigozzi? Francine Jordi?) zieht 25 Loskugeln mit Gruppen von medizinischen Wirkstoffen.»

Bei der Publikation des BaZ-Artikels war noch nicht bekannt, wie die Glücksfee die Loskugeln gezogen hat. Das kürzlich vom BAG veröffentlichte Resultat zeigt Erfreuliches. Ganze sechs der zehn umsatzstärksten Medikamente in der Schweiz werden bereits 2016 überprüft. Dies ist deshalb relevant, weil nun ein weit tieferer Euro-Franken-Kurs zum Tragen kommt als bei der letzten Preissenkungsrunde. Grösstes Opfer ist der Pharmakonzern Roche. Die Preise seiner drei wichtigsten Krebspräparate werden allesamt 2016 gesenkt. So ge­sehen bewies Alain Berset bei der Wahl seiner Glücksfee ein glückliches Händchen – zumindest aus Sicht der Prämienzahler.
Andreas Möckli

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