Glencore-Tochter bezahlt Millionen für «Beziehungspflege»

Vertrauliches Papier zeigt: So viel liess sich der Rohstoffriese die Kontakte mit der Kongo-Elite kosten.

Die Mutanda-Kupfermine in der Demokratischen Republik Kongo. Foto: Bloomberg, Getty Images

Die Mutanda-Kupfermine in der Demokratischen Republik Kongo. Foto: Bloomberg, Getty Images

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Über zehn Prozent sackte der ­Aktienkurs des Rohstoffriesen Glencore in der vergangenen ­Woche zeitweise ab. Der Grund: Die Angst vor möglichen Kor­ruptionsermittlungen in den USA macht die Investoren nervös. Denn kurz zuvor machte Glencore bekannt, dass das US-Justizministerium bei der grössten Schweizer Firma Dokumente im Zusammenhang mit einer Korruptionsprüfung angefordert hat.

Im Fokus stehen Glencores Minen in der Demokratischen Republik Kongo und das Verhältnis zur dortigen Regierung unter Präsident Joseph Kabila. Details zu dieser Beziehung zeigt ein vertraulicher Vertrag einer Glencore-Tochterfirma, der dieser Zeitung jetzt vorliegt.

Das Dokument belegt, dass Glencores Tochter ab dem 1. Januar 2013 jedes Jahr sechs Millionen Dollar bezahlt hat. Das Geld floss an eine Firma, die von einem Mann namens Pieter D. geleitet wird. Als Gegenleistung musste D.s Firma Dienstleistungen erbringen – genauer gesagt: sich im Namen von Glencore um die «Pflege der Beziehungen» kümmern. Unter anderem um jene zur «Präsidentschaft».

Steuervergünstigungen

Daneben kümmert sich die Firma auch um Kontakte zum Premierminister, dem Minister für Minen, zu Gerichten und anderen politischen Schlüsselstellen im Kongo. Ferner sollte D.s Firma für Glencores Minenprojekte auch gleich eine Reihe administrativer Tätigkeiten übernehmen, sie sollte zum Beispiel Steuervergünstigungen bean­tragen oder sich um Zollan­gelegenheiten und die Beschaffung von Visa kümmern. Laut ­Insidern galt dieser Vertrag bis Februar 2017. Dann löste Glen­core ihn auf.

Das Wohlwollen des Präsidenten kann für Minenfirmen im Kongo entscheidend sein. In vielen Fällen ist es Joseph Kabila, der das letzte Wort bei der Frage hat, wer die Lizenzen für die Förderung der milliardenteuren Bodenschätze des Landes erhält. So scheint es zunächst nicht verwunderlich, dass Glencore Millionen in die «Beziehungspflege» mit Kabilas Staat über eine externe Firma investiert. Doch das Ganze hat einen Haken.

Gegen Pieter D. gibt es Korruptionsvorwürfe. Denn der Manager ist im Kongo die rechte Hand des israelischen Financiers Dan Gertler. Sowohl Gertler als auch Pieter D. stehen heute auf der Sanktionsliste der USA. Im Zentrum der Vorwürfe steht just die Verbindung zu Kabila.

Video – Ermittlungen gegen Financier Gertler

Glencores Wunderwaffe: Der Schweizer Rohstoffriese liess einen umstrittenen Geschäftsmann mit dem Kongo verhandeln. (Video: Irina Fehlmann/Lea Koch)

Gemäss dem US-Finanzministerium habe Gertler seine enge Freundschaft mit Joseph Kabila für seine Geschäfte genutzt. Es ist von «korrupten Minen- und Öldeals» die Rede. Dan Gertler bestreitet, jemals ­illegal gehandelt zu haben. Pieter D. selbst hat auf Anfragen nicht reagiert.

Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth hat den Vertrag geprüft und sieht zahlreiche Alarmzeichen. «Die Bandbreite der angebotenen Leistungen ist zu breit und die Nähe zur Regierungsspitze ist schlicht verdächtig», sagt Pieth. «Dieser Vertrag würde eine normale Korruptionsprüfung durch eine professionelle Compliance-Abteilung nicht bestehen.»

Anzeige in der Schweiz

Brisant ist der Vertrag, weil er nun unmittelbar nach der Aktion des US-Justizministeriums von letzter Woche bekannt wird. Gemäss dem «Wall Street Journal» untersuchen die US-Staatsanwälte denn auch die Beziehungen von Glencore zu Dan Gertler.

Auch in der Schweiz reichte die Nichtregierungsorganisation Public Eye eine Strafanzeige gegen Glencore wegen der Geschäfte mit Dan Gertler ein. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg bereitet auch das britische Antikorruptionsdezernat ein Verfahren gegen den Schweizer Rohstoffriesen vor. Glencore selbst wollte sich zum Thema nicht äussern. Erst am Freitag kaufte die Firma eigene Aktien im Umfang von einer Milliarde Dollar zurück, wohl auch, um Zuversicht zu signalisieren.

Gertler und Pieter D. wurden erst im Dezember letzten Jahres sanktioniert. Abgeschlossen wurde Glencores Vertrag mit Pieter D.s Firma aber bereits im Jahr 2013.

Die Anschrift von D.s Firma im Vertrag ist dieselbe wie die von Gertlers Firma im Kongo.

Im Vertrag gab es mehrere Klauseln, in denen Bestechungszahlungen ausgeschlossen werden. Aber reicht das wirklich aus, um Korruption zu verhindern? Oder handelte es sich um eine reine Formalie ohne Wirkung? Fakt ist: Die Nähe von Pieter D. zu Gertler ist seit langem bekannt. Die Anschrift von D.s Firma im Vertrag ist dieselbe wie die von Gertlers Firma im Kongo. Recherchen haben ausserdem gezeigt, dass Glen­core bereits seit Jahren vor Gertler und damit auch seiner Entourage wie Pieter D. hätte gewarnt sein müssen.

Bereits in einem UNO-Bericht aus dem Jahr 2001 zur «illegalen Ausbeutung der Ressourcen des Kongo» bezeichnete der damalige Generalsekretär Kofi Annan die Geschäfte mit Gertlers Firmen als einen «Albtraum» und ein «Desaster» für den Kongo.

Schon 2005 ersichtlich

Auch der Einfluss von Präsident Kabila wurde bereits im Jahr 2005 ersichtlich. Damals schlug das kongolesische Parlament Alarm, weil ein Konsortium um Gertler wertvolle Minenlizenzen in einem Geheimdeal erhielt, ohne dass es eine Ausschreibung gegeben hätte. Der Zuschlag sei nur durch «persönliche Kontakte» zustande gekommen. In einem Bericht verlangte das Parlament in der Folge von Kabila, dass er diesen Deal nicht unterschreibe. Kurz darauf tat er es aber dennoch. Die Mine landete am Ende bei Gertler und bei Glencore.

Im Mai 2013 rechnete der damalige Chef des Versicherers Prudential und der spätere CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam, zusammen mit anderen Wirtschaftsführern und Kofi Annan in einer Studie vor, wie der Kongo allein in fünf Deals mit Offshorefirmen, die mit Gertler in Verbindung standen, 1,3 Milliarden Dollar verlor. Einige Monate später schloss Glencore über die Tochter den Vertrag mit dessen Vertrauten ab.? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 06:34 Uhr

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