Glencores heikle Geschäftspartner

Das Rohstoffunternehmen hat seine Anteile an zwei Kupferminen im Kongo ausgebaut. Der Verkäufer ist ein Freund des Staatspräsidenten, dem unter anderem Korruption und Bestechung vorgeworfen werden.

Undurchsichtige Geschäfte: Kongos Präsident Kabila, Unternehmer Gertler, Glencore-Chef Glasenberg. Fotos: Reuters, PD, Keystone

Undurchsichtige Geschäfte: Kongos Präsident Kabila, Unternehmer Gertler, Glencore-Chef Glasenberg. Fotos: Reuters, PD, Keystone

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Die Demokratische Republik Kongo ist eine Schatzkammer. In ihrem Boden ­befinden sich Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt, Tantal.

Tantal steckt im Herzschrittmacher, im Smartphone, im iPod, im Flugzeug, in der Rakete, in der Kernenergietechnik. Die Nachfrage ist enorm, der Preis hoch. Die Vorräte im Kongo werden auf mindestens ein Fünftel der weltweiten Vorräte geschätzt.

Kobalt ist in der Herstellung von modernen Batterien unverzichtbar. Kein Elektromobil, kein elektronisches Gerät kommt ohne aus. Es wird in Flugzeugtriebwerken, Turbinen und Magneten verarbeitet. Seit letztem September hat sich der Preis fast verdoppelt, ein Ende der Preiskurve nach oben ist nicht abzusehen. Gut 60 Prozent der bekannten Kobaltvorräte liegen im Kongo.

Eine Schatzkammer also. Und ganz vorn dabei beim Verwerten dieser Schätze ist Glencore. Mitte Februar gab der Bergbau- und Rohstoffhandelskonzern mit Sitz in Baar ZG bekannt, dass er seinen Anteil an der Kupfer- und Kobaltminengesellschaft Mutanda auf 100 Prozent und jene an der Katanga-Minen­gesellschaft auf rund 86 Prozent erhöht. Beide liegen in der rohstoffreichen Provinz Katanga im Süden Kongos. Mutanda gilt unter Fachleuten als eines der vielversprechendsten Assets im Portefeuille von Glencore, weil es hochwertiges Metall zu sehr tiefen Kosten fördert. Auch Katanga habe das Potenzial, Afrikas grösster Kupferproduzent und der weltweit grösste Kobaltproduzent zu werden, heisst es bei Glencore.

Der Deal kostet den Konzern gemäss eigenen Angaben 960 Millionen Dollar. Nach Verrechnung von Schulden sind es 534 Millionen Dollar, die in die Kassen der Verkäuferin fliesst, der in den Niederlanden domizilierten Fleurette. Sie wird über Firmen in Gibraltar vom israelischen Geschäftsmann und Milliardär Dan Gertler kontrolliert. Gertlers Unternehmen und Glencore sind langjährige Geschäftspartner.

Hilfe verpufft

Die Demokratische Republik Kongo, so gross wie Westeuropa, ist ein von Gewalt und Unruhen gepeinigtes Armenhaus. Im UNO-Human-Development-Index rangiert das Land regelmässig auf einem der letzten Plätze. Zwei Drittel der 77 Millionen Einwohner leben mit weniger als 1.90 Dollar pro Tag. Die Schweiz schiebt jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag für die Entwicklungshilfe in das Land. In den letzten 16 Jahren hat die internationale Gemeinschaft rund 40 Milliarden Dollar an Hilfe in das Land gepumpt, errechnete die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Das Ergebnis dieser Infusion ist kaum bemerkbar.

Die Schätze des Landes kommen in andere Schatullen: Joseph Kabila, der 45-jährige Staatspräsident, gehört zu den reichsten Staatschefs Afrikas. Sein Vermögen wird je nach Quelle auf bis zu einer Milliarde Dollar geschätzt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat in einer umfangreichen Recherche herausgefunden, dass Kabila, seine Frau, seine beiden Kinder und seine Geschwister über mindestens 70 Firmen ein internationales Wirtschaftsimperium aufgebaut haben. Die Firmen haben sich die Schürfrechte an mehr als 120 Gold-, Diamanten-, Kupfer und Kobaltminen gesichert, sie sind aktiv im Bank- und Energiebereich, und die Fäden reichen bis hin zu Boutiquen und Nachtclubs.

Im Index von Transparency International rangiert das Land bezüglich Korruption und Bestechung auf den hintersten Plätzen.

Und weil er und seine Familie noch möglichst lange von diesen Einnahmequellen profitieren wollen, hat sich Kabila trotz internationalen Drucks und heftiger Proteste im eigenen Land Ende letzten Jahres geweigert, sein Amt abzutreten, wie es die Verfassung nach zwei Amtszeiten vorschreibt.

Einer der engsten Freunde von Kabila ist der 44-jährige Dan Gertler, der Geschäftspartner von Glencore. Seiner undurchsichtigen Geschäftstätigkeiten wegen steht Gertler seit Jahren im Fokus von kritischen Organisationen. Der britische Mitarbeiter der «Financial Times» und Buchautor Tom Burgis hat in seinem 2015 erschienenen Buch «Der Fluch des Reichtums» Gertlers Wirken im Kongo und seine grosse Nähe zum Präsidenten nachgezeichnet.

Zum Dankeschön ein Monopol

Ende der 90er-Jahre besorgte Gertler dem neuen Staatspräsidenten Laurent Kabila, der damals in Geldnöten steckte, ein Darlehen von 20 Millionen Dollar und erhielt als Dankeschön das Monopol auf allen im Land geschürften Diamanten. Laurent Kabilas Sohn Joseph, der sich nach der Ermordung seines Vaters im Januar 2001 unverzüglich auf den Präsidentenstuhl schwang, musste das Monopol aufheben, nachdem der Druck ausländischer Geldgeber zu gross wurde. UNO-Ermittler kritisierten Gertlers Diamantenmonopol als ein «Albtraum» für die Regierung und eine «Katastrophe» für den lokalen Diamantenhandel.

Gertler blieb zwar weiterhin im Diamantenhandel, expandierte aber gleichzeitig in das Kupfer- und Kobaltbusiness, das damals wegen Chinas wachsender Nachfrage von einem sprunghaften Preisanstieg profitierte. Seit nun über 20 Jahren ist er mit Joseph Kabila eng befreundet. Gertler, so schreibt Burgis, sei in all den Jahren die «äusserst wichtige Schnittstelle zwischen dem Schattenstaat (geworden), der den Zugang zu den Rohstoffen des Kongo kontrolliert, und den multinationalen Bergbaugesellschaften, die um sie konkurrierten». Als Schattenstaat bezeichnet Burgis den Präsidenten und seine engste Entourage, die an Gesetzen und Ministerien vorbei handelten. «Kabila kann sich nur mithilfe von Leuten wie Gertler an der Macht halten: Es ist wie eine Versicherung – da ist jemand, der dir Mittel und Geld verschaffen kann, wenn du sie brauchst», zitiert Burgis einen Diplomaten, der Gertlers «Umtriebe» im Kongo über Jahre hinweg verfolgte.

Es erstaunt nicht, dass auch die jüngste Transaktion von Gertler mit Glencore durch undurchsichtige Transaktionen überschattet wird. Die britische Nichtregierungsorganisation Global Witness hat entsprechende Vorwürfe gegen Glencore und Gertler erhoben. Die von Glencore beherrschte Katanga Mining habe in Zusammenhang mit einem neuen Kupferminenprojekt namens Kamoto zwischen 2013 und 2016 über 75 Millionen Dollar an die auf den Cayman Islands domizilierte Gesellschaft Africa Horizons Investments Ltd. überwiesen. Sie gehört zu Gertlers Fleurette-Gruppe.

«Irreführende Informationen»

Gemäss ursprünglicher Vereinbarung hätte Katanga Mining das Geld an die staatliche kongolesische Minengesellschaft Gécamines überweisen müssen, die zu 25 Prozent an dem Projekt Kamoto beteiligt ist. So steht es in einer Eingabe der an der Börse von Toronto kotierten Katanga aus dem Jahr 2013. Ab 2014 verschwand der Name Gécamines, und es wurde auch kein anderer Empfänger mehr aufgeführt. Es bestehe die Gefahr, dass die Investoren von Glencore mit irreführenden Angaben bedient worden seien, kritisiert Global Witness.

Glencore weist sämtliche Vorwürfe zurück. Die Zahlungen an Africa Horizons seien auf Verlangen von Gécamines ausgeführt worden. Überdies gebe es eine Vereinbarung zwischen den drei Parteien Kamoto, Gécamines und Africa Horizons zur Zahlung von Schürfrechten und Lizenzabgaben. Dieser Vertrag wurde im Januar 2015 unterschrieben.

Global Witness hatte im November 2016 erstmals Details aus diesem Vertrag enthüllt, den ein Glencore-Angestellter im Namen von Kamoto unterzeichnet hatte. Die britische Organisation schätzte damals die Abgaben über die gesamte Lebensdauer der Kamoto-Mine, auf die Gécamines Anrecht habe, auf 880 Millionen Dollar. Das sei mehr als die jährlichen Gesundheitsausgaben des Kongo.

Es sei skandalös, dass Zahlungen an Gertler, einen Freund Kabilas, geflossen seien, dem Bestechung und Korruption vorgeworfen werden, kritisierte Global Witness. Gertler sichere sich seit langem auf undurchsichtige Weise und zu Spottpreisen Minenrechte, die er dann für viel Geld an internationale Minenkonzerne weiterverkaufe.

Gertler weist jegliche Vorwürfe zurück. Die jüngsten Enthüllungen von Global Witness seien falsch, die Organisation «verstehe nicht oder ignoriere die wirtschaftliche Grundlage» der Zahlungsvereinbarungen mit Gécamines. Die Überweisungen an Africa Horizons dienten allein der Rückzahlung eines Darlehens von 196 Millionen Dollar, das Fleurette zuvor dem Staatsunternehmen gewährt habe.

Der Kauf von Gertlers Minenanteilen durch Glencore wird in der Branche weitherum als Versuch gesehen, sich von dem höchst umstrittenen Geschäftsmann zu distanzieren. Denn dessen Name taucht immer wieder in Unter­suchungen von ausländischen Behörden auf.

Im September letzten Jahres bezahlte der US-Hedgefonds Och-Ziff in den USA über 400 Millionen Dollar, um Verfahren der Börsenaufsicht SEC und des US-Justizdepartements wegen Bezahlung von Bestechungsgeldern an afrikanische Behördenvertreter aus dem Weg zu räumen. Im Fall des Kongo flossen laut den Ermittlern Hedgefonds-Gelder in Minen- und Erdölprojekte von Gertler.

«Teuflisch kompliziert»

Auch die britische Antikorruptions­behörde SFO ermittelt derzeit gegen Gertler sowie vier Manager einer kasachischen Gesellschaft, die bis 2013 an der Londoner Börse kotiert war. Auch hier geht es um Minenprojekte im Kongo, bei denen mutmasslich Bestechungsgelder geflossen sind. Wegen dieser Vorkommnisse hatte der Internationale Währungsfonds 2012 sogar ein Darlehen an den Kongo gestrichen.

Gertlers weitverzweigtes und kaum durchschaubares Firmengeflecht, das sich über viele Steueroasen hinwegzieht, taucht auch in den «Panama Papers» auf. Burgis beschreibt Gertlers Minentransaktionen als «teuflisch kompliziert». Gegen den Geschäftsmann ist indessen bis heute nie Anklage erhoben worden.

Zu den grossen Verliererinnen gehört die staatliche Minengesellschaft Gécamines. Die französische Tageszeitung «Le Monde» schrieb vor kurzem, Gécamines sei über die Jahre zur «Milchkuh» verkommen, die ihre Aktiven auf Geheiss von oben zu Schleuderpreisen an Offshoregesellschaften verloren habe. Heute sei sie nurmehr «ein Kadaver, der sich noch etwas bewegt».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2017, 22:28 Uhr

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