Gewinn und Risiko ungleich verteilt

Während das Parlament Massnahmen gegen die Frankenstärke diskutiert, haben Firmen schon längst gehandelt.

Sollen Angestellte wirklich Währungsrisiken tragen? Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Sollen Angestellte wirklich Währungsrisiken tragen? Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Willkommen im Jahr 2015: im Jahr, in dem der starke Franken die Firmenbilanzen durcheinanderwirbelt und das Parlament deshalb auf heute Mittwoch eine Debatte anberaumt hat. Willkommen im Jahr der Sparprogramme und des neu entfachten Arbeitskampfs.

Seit die Nationalbank am 15. Januar die Untergrenze aufhob, haben über 50 Unternehmen öffentlich Massnahmen bestätigt. Man spricht von bedrohten Arbeitsplätzen – Stellenstopps werden verhängt, Löhne gekürzt. Weitaus am populärsten ist die Mehrarbeit. Über 30 Betriebe haben erreicht, dass die Belegschaft gratis Zusatzarbeit leistet, um die Gewinnmarge zu stützen.

Nehmen wir zum Beispiel den Fall der Firma X, ein wahrer Fall, aber der richtige Name tut nichts zur Sache, weil die Situation typisch ist. Der Betriebsaufwand fällt zu 50 Prozent in der Schweiz an, aber nur 23 Prozent der Umsätze lauten in Franken. Weil die restlichen 77 Prozent wegen der Frankenaufwertung weniger wert sind, lässt X die Mitarbeiter nun länger arbeiten. 44 statt 42 Stunden dauert neu der wöchentliche Dienst.

Geschenkte Arbeit

Ist das fair? Auf den ersten Blick schon. Andere Unternehmen haben bereits härtere Massnahmen durchgesetzt. Firmen, deren Geschäft weit weniger unter dem starken Franken leidet, haben die Arbeitszeit von 40 auf gleich 44 Stunden pro Woche erhöht. Das entspricht einer Stundenlohnsenkung von fast 10 Prozent. Andere Betriebe bauen zusätzlich Stellen ab, um die Gewinnziele zu erreichen.

Einleuchtend ist auch, dass die Chefs bei X mitziehen. Der CEO verzichtet auf 10 Prozent seines Fixlohns, was bei ihm 60'000 Franken ausmacht – dies bei einem Gesamtlohn von 1,3 Millionen Franken pro Jahr. X verzichtet vorerst auch auf Entlassungen. Und falls der Eurokurs wieder über 1.12 Franken steigt, werden die Massnahmen rückgängig gemacht.

Unter dem Strich verzichten die Mitarbeiter auf Freizeit (beziehungsweise auf die Kompensation aufgelaufener Überstunden) und erhalten eine Woche weniger Ferien. Die Firma spart so mehrere Tausend Franken pro Person. Sie nimmt ihrerseits auch einen Gewinnrückgang in Kauf, zumindest einen prognostizierten. Die Aufwertung soll mit 15 Prozent oder 40 Millionen Franken zu Buche schlagen, heisst es bei X. Ein Viertel davon wird durch die Mehrarbeit wettgemacht.

Andauernde Drohungen

Die moderate Lösung der Firma X wirft dennoch Fragen auf. Sollen Angestellte wirklich Währungsrisiken tragen? Wäre dies nicht Sache des Unternehmens und seiner Investoren (deren Rendite immerhin dadurch gerechtfertigt wird, dass sie eben mit Risiken behaftet ist)? Werden die Angestellten von X für die erbrachten Opfer später entschädigt? Erhalten sie vielleicht Gratifikationen, wenn der Franken schwächer ist und es besser läuft? Oder eine zusätzliche Ferienwoche?

«Hört auf zu drohen, oder lagert endlich aus», schrieb ein Angestellter von X kürzlich auf einem Internetportal, «das freut dann auch die Aktionäre.» Die Person klagt über Leistungsdruck bis zur Erschöpfung, Lohndruck und Angst um den Arbeitsplatz wegen andauernder Drohungen. Derweil werden die Aktien von X in der Finanzpresse zum Kauf empfohlen, wegen der «inneren Stärke» der Firma. Das laufende Jahr werde eine Delle bringen, «mehr nicht».Mit dem starken Franken hat der Arbeitskampf ein neues Motiv. Ansonsten hat sich nicht viel geändert: In guten Zeiten streichen Investoren die Gewinne ein, in schlechten Zeiten lagern sie ihre Risiken aus.

Tages-Anzeiger

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