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Geld ja, Geduld nein

Die Medien neu erfinden, das wollen gleich mehrere Internet-Millionäre. Wie sie am beschleunigten Journalismus scheitern.

Chris Hughes, Mitbegründer von Facebook, kaufte eines der einflussreichsten Politmagazine der USA. Foto: Adam Hunger (Reuters)
Chris Hughes, Mitbegründer von Facebook, kaufte eines der einflussreichsten Politmagazine der USA. Foto: Adam Hunger (Reuters)

Im Blick zurück erscheint der Krach bei der «New Republic» vorprogrammiert. Chris Hughes, der vermögende Facebook-Mitbegründer, kaufte ein angesehenes Politmagazin. Er hoffte, das traditionelle Medium neu erfinden und auch Gewinn machen zu können. Der Kraftakt misslang. Nach dem Massenexodus der Redaktion steht das Magazin vor dem Aus. Das Scheitern dieser Art des beschleunigten Journalismus ist kein Einzelfall.

Hughes hatte das Glück, an der Harvard-Universität das Zimmer mit Mark Zuckerberg zu teilen und somit Teil des Gründerteams von Facebook zu werden. Als er bei Facebook ausstieg, hatte er 700 Millionen Dollar zur Hand. Vor zwei Jahren kaufte er die «New Republic» (TNR), eines der ältesten und lange einflussreichsten Politmagazine des Landes. Was der 31-jährige Hughes sagte, beruhigte die Redaktion. TNR sollte die grosse liberale Stimme bleiben und weiterhin tief recherchierte, glänzend geschriebene Artikel liefern. Gewinn sei nicht sein Ziel, so Hughes, und die raschen Onlineklicks noch viel weniger. Er erschien glaubhaft. Bevor er das ­Magazin kaufte, hatte er in einer Bibliothek alte TNR-Ausgaben konsultiert. Auch sein Politausweis war makellos. Er hatte den ersten Facebook-Auftritt von Präsident Obama gestaltet und dessen Onlinekampagne entworfen. Das passte zum Magazin, hatte es doch 2008 nicht Hillary Clinton, sondern die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten unterstützt.

Doch die Versprechen sind bereits vergessen. Im Oktober stellte Hughes einen neuen Chefredaktor ein, wovon der alte erst nachträglich erfuhr. Der Neue kommt von Yahoo und hat den Auftrag, das Magazin zu einem «vertikal integrierten digitalen Medienunternehmen» zu machen. Was Hughes meinte, wurde rasch klar. Statt 20 will er pro Jahr nur noch 10 gedruckte Ausgaben publizieren. Das Gewicht soll in Richtung eines leicht verdaulichen Kurzfutters («snackable content») verschoben werden. Hughes sprach aber auch davon, TNR zu einem reinen Tech-Unternehmen zu machen.

Zeit der Mäzene abgelaufen

Die Redaktion sah sich düpiert. Sie fürchtete, in die gleiche Ecke wie die auf reine Einschaltquoten fixierten Onlinemagazine wie «Daily Beast», «Buzzfeed» oder Vox getrieben zu werden. Geschichte und Geist der TNR waren damit verraten, sagte der langjährige Literaturchef Leon Wieseltier. Er reichte umgehend die Kündigung ein; und mit ihm ging praktisch die gesamte Redaktion. Die ­Jubiläumsausgabe zum 100-jährigen Bestehen des Magazins wurde gestrichen. Ob und wie es weitergeht, ist unklar. Hughes bestätigte anschliessend, der Konflikt sei hauptsächlich wirtschaftlicher Art. Er wolle das Magazin finanziell eigenständig machen, damit es nicht mehr länger auf Zuwendungen von Mäzenen angewiesen sei.

Diese Absicht ist nachvollziehbar, nur vergisst Hughes, dass in den USA praktisch alle Politmagazine seit jeher durch vermögende Spender getragen werden und mit wenigen Ausnahmen nie einen Gewinn abwarfen. Die «New Republic» wurde von Erben der reichen Whitney-Dynastie gegründet und lange Jahre von Marty Peretz finanziert. Peretz leistete sich das Magazin, um seine politische Meinung zu verbreiten. Der dezidierte Pro-Israel-Kurs der USA etwa ist auch dem unermüdlichen Politmagazin zu verdanken.

Solange die Verluste unter einer Million Dollar lagen, stopfte Peretz das Loch. Als er 2012 an Hughes verkaufte, waren die Verluste angeblich auf 3 Millionen gestiegen und seither auf 5 Millionen. Die Rechnung ging nicht mehr auf, weil die finanziellen Verluste nicht mehr durch die politisch-sozialen Einflussmöglichkeiten wettgemacht werden. ­Andrew Sullivan, früherer TNR-Chefredaktor, meint, die Zeit für traditionelle Politmagazine sei vorbei. Die Macht von früher sei unter dem Druck des offenen Internets verschwunden. Sullivan betreibt heute einen erfolgreichen, auf dem Bezahlmodell basierenden Polit- und Kulturblog, der dem Anspruch der TNR gleicht.

Hughes ist allerdings nicht der einzige Unternehmer aus dem Silicon Valley, der sich an alten Medien die Zähne ausbeisst. Ebay-Mitbegründer Pierre Omidyar versucht seit mehr als einem Jahr auf seine Art, die Tradition des Politmagazins neu zu beleben. Doch kämpft er mit seinem Onlinemagazin «First Look» exakt mit den gleichen Problemen wie Hughes. Sein Zugang zum Journalismus ist prozessorientiert und kontrollierend.

Matt Taibbi, der beim renommierten «Rolling Stone»-Magazin mit furiosen Wirtschaftsreportagen aufgefallen war, liess sich trotzdem von Omidyar ein­stellen. Nach wenigen Monaten schon verliess er das Onlinemagazin im Zorn, ohne einen einzigen Artikel geschrieben zu haben. Sein Verständnis eines unbändigen Journalismus passte nicht zum nutzergetriebenen schnellen Onlinemedium.

Bezos zeigt, was er kann

Der einzige der Internetmillionäre, der den Sprung geschafft hat, ist Jeff Bezos. Die «Washington Post» hat unter seiner Kontrolle journalistisch stark zugelegt. Der Gründer des Amazon-Konzerns hielt sein Versprechen und baute die ­Redaktion aus. Pressionen unterliess er. Die Redaktion nutzte ihre Freiheit für eine Reihe journalistischer Höchstleistungen, mit denen sich die «Washington Post» und Jeff Bezos als Meinungsführer zurückgemeldet haben.

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