«Früher war bei uns vieles gratis. Das wird sich ändern»

Der Postfinance-Chef Hansruedi Köng über steigende Kontogebühren, IT-Pannen und neue Geschäftsmodelle.

«Eine Teilprivatisierung ist kein No-Go»: Hansruedi Köng. Foto: Franziska Rothenbühler

«Eine Teilprivatisierung ist kein No-Go»: Hansruedi Köng. Foto: Franziska Rothenbühler

Herr Köng, beim E-Banking kämpften sie zuletzt mit Pannen. Was ist passiert?
Wir hatten Ausfälle beim Zugangsportal E-Finance. Das eigentliche Kernstück der Informatik hat hingegen immer funktioniert. Die Fehler beim E-Finance sind mittlerweile behoben. Doch die Systeme sind sehr komplex. Es wäre daher vermessen zu sagen, dass es sicher zu keinen weiteren Störungen kommen wird.

Als Beobachter erhält man den Eindruck, sie hätten die Informatik nicht im Griff.
Dieser Schluss ist falsch. Wir haben letztes Jahr mehr als 1 Milliarde Transaktionen verarbeitet. Zu Spitzenzeiten sind es 2500 Transaktionen pro Sekunde. Unsere IT ist also äusserst leistungsfähig.

Experten spekulierten über ein Sicherheitsproblem.
Es war nicht sofort klar, wo das Problem liegt. Wir konnten nur sagen, dass es keine Attacke war und die Daten und Gelder unserer Kunden sicher sind. Als wir nach internen Abklärungen bekannt gaben, dass ein Server vorübergehend nicht funktionierte, glaubten uns das einzelne Medien nicht. Das ist eine eigenartige Erfahrung.

Werden sie mit solchen Pannen künftig anders umgehen?
Die Kommunikation gegenüber den Kunden können wir sicher noch verbessern. Wir müssen sie künftig beispielsweise bereits vor dem Login ins E-Finance darauf hinweisen, dass ein Problem besteht. Die Kunden zeigen aber oft viel mehr Geduld als die Medien. In unserem Kontaktcenter gab es wegen der Ausfälle kaum Anfragen. Und wir können die Aufregung um unsere Informatik auch positiv werten: Wir haben 1,7 Millionen E-Finance-Kunden, da wird ein Ausfall sofort registriert. Wenn eine kleine Kantonalbank eine Panne hat, fällt das weniger auf.

Haben die Ausfälle mit dem Umstieg auf die Software des indischen Anbieters TCS zu tun?
Nein, die Systeme von TCS laufen erst im Testbetrieb. Sie sind heute noch nicht mit E-Finance verbunden. Dieser Schritt wird an Ostern 2018 erfolgen.

Die Informatik muss heute immer verfügbar sein. Erreicht die Digitalisierung ihre Grenzen?
Die Digitalisierung verändert das Bankgeschäft grundlegend. Für die Kunden lassen sich massgeschneiderte Angebote entwickeln; die Abläufe in der Bank können gleichzeitig viel effizienter gestaltet werden. Heute ist aber noch jede Bank ein für sich geschlossenes System. Das muss nicht so bleiben. In Zukunft könnten die Banken zu Marktplätzen für zahlreiche Dienstleistungen werden.

Gerade beim Anlagegeschäft sind Kundenberater wichtig. Wie kann es Postfinance ausbauen, wenn die Bank auf digitale Kanäle setzt?
Die Filiale wird auch da tendenziell an Bedeutung verlieren. Viele unserer Kunden haben kein grosses Vermögen, das sie investieren können. Es gibt schon heute Systeme, die Kunden mit kleineren Vermögen bei ihren Anlageentscheiden automatisiert unterstützen können. Solche Systeme werden künftig bedeutender werden.

Postfinance arbeitet mit Swissquote zusammen. Kommt die Online-Bank zum Zug?
Wir werden ein solches System sicher nicht selber entwickeln. Swissquote ist ein möglicher Anbieter. Noch ist aber nichts spruchreif.

Werden sie, wie andere Banken, auf Videoberatung setzen?
Das kann eine Ergänzung sein. Es gibt aber viele Kunden, die gar keine Beratung wollen, sondern selbstständig Anlageentscheide fällen.

Vor einigen Jahren haben Sie kleine Schnellboote angekündigt, die den Markt aufmischen sollen. Das erste Schnellboot war die Bezahl-App Twint. Es hat zuletzt an Fahrt verloren.
Ja, weil es schnell gross wurde. Twint hat im vergangenen Jahr mit ihrer Konkurrentin Paymit fusioniert und hat heute bereits rund 500'000 Nutzer. Noch in diesem Frühling soll die neue Twint-App auf den Markt kommen. Das ist ein Meilenstein im Mobile Payment in der Schweiz.

Wird es noch weitere solche Projekte geben?
Ja, wir haben uns an mehreren Fintech-Start-ups beteiligt. Eines davon ist die Crowdlending-Plattform Lendico. Damit wollen wir in das Geschäft mit Firmenkrediten einsteigen. Dort sehen wir ein grosses Potenzial.

Freuen Sie sich eigentlich noch über neue Kundengelder?
Nicht unbedingt über Neugelder, aber über neue Kunden. Es muss uns allerdings gelingen, diese Kundenbeziehungen gewinnbringend zu gestalten. Daher wollen wir das Anlagegeschäft in Zukunft weiter ausbauen.

Weshalb?
Das Ziel muss sein, dass wir weniger vom Zinsdifferenzgeschäft abhängen und mehr Geld im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft verdienen. Das gelingt uns heute im elektronischen Börsenhandel und im Fondsgeschäft bereits gut. Doch hat das natürlich auch damit zu tun, dass wir für unsere Dienstleistungen heute vermehrt Gebühren verlangen. Früher war bei uns vieles gratis. Das dürfte sich in Zukunft ändern.

Das wird die Kunden ärgern.
Gebührenerhöhungen sind schmerzhaft. Doch unsere Einnahmen sinken wegen des tiefen Zinsniveaus. Wenn wir das heutige Gewinnniveau halten wollen, müssen wir jährlich einen hohen zweistelligen Millionenbetrag durch andere Einnahmequellen ersetzen.

Die Gebühren werden also weiter steigen und die Zinsen sinken?
Die Zinsen sind schon fast bei null. Da gibt es kaum noch Spielraum.

Wofür ist der Kunde bereit zu bezahlen?
Es ist noch nichts beschlossen. Doch eine Möglichkeit bietet unsere Stärke im Zahlungsverkehr. Für die Kunden ist es heute praktisch gratis, unsere Karten und Konten zu benutzen. Hier ist es denkbar, eine Gebühr einzuführen. Dafür wären die Kunden auch bereit zu bezahlen.

Wieso sollten Sie?
Die Maestro-Karte kostet etwas, die Postfinance Card nicht. Es gibt in diesem Bereich also eine gewisse Zahlungsbereitschaft. Es ist aber auch klar, dass wir einen solchen Schritt nicht überstürzen.

Postfinance ist für den Post-Konzern sehr wichtig: Sie bringen den Gewinn.
Ja, wir sorgen für einen grossen Anteil des Gewinns der Post. Das wollen wir und das müssen wir auch. Denn wir haben vom Bundesrat den klaren Auftrag, eine branchenübliche Rendite zu erzielen.

Zuletzt schrumpfte der Gewinn. Haben Sie das Ziel dennoch erreicht?
Wir erreichen eine Eigenkapitalrendite von 9,7 Prozent. Das ist ein solider Wert. Das Kerngeschäft entwickelte sich aber weniger gut. Der Gewinn fiel nur deshalb so hoch aus, weil wir eine Beteiligung und ein Aktienpaket mit Gewinn verkauft haben.

Ohne Sondereffekte sieht es schlechter aus.
Der Trend ist rückläufig. 479 Millionen Franken der Erträge stammen aus dem eigentlichen Kerngeschäft. Die Einnahmen sind dort um 59 Millionen Franken gesunken. Das entspricht ziemlich genau dem Rückgang unseres Zinserfolgs.

Warum lohnen sich Kundengelder für Postfinance nicht mehr?
2012 haben wir an den Finanzmärkten Erträge von 1,4 Milliarden Franken erwirtschaftet. Letztes Jahr waren es noch 1 Milliarde Franken. Wir haben also 400 Millionen Franken Substrat verloren. Dennoch ist unser Ergebnis fast so gut wie vor vier Jahren. Dies, weil wir die Sparzinsen gesenkt haben. Wir haben heute eine Bilanzsumme von 120 Milliarden Franken und zahlen gerade noch 56 Millionen Franken Zinsen aus.

Bei Privatkunden mit einem Kontoguthaben von mehr als 1 Million Franken verlangen Sie sogar Negativzinsen.
Wir haben im Februar 2017 damit begonnen. Letztes Jahr sind uns wieder 4,5 Milliarden Franken Neugelder zugeflossen. Der grösste Teil davon stammt von Privatkunden. Wir können nicht tatenlos zuschauen, wenn grosse Privatkunden Millionen bei uns deponieren und uns so Kosten verursachen.

Die Massnahme gab zu reden. Haben die Kunden Gelder abgezogen?
Es ist noch zu früh, um abzuschätzen, wie die Privatkunden reagieren. Geschäftskunden, bei denen wir bereits im Februar 2015 eine Guthabengebühr eingeführt haben, transferierten Geld zu anderen Banken, wo sie keine Negativzinsen bezahlen mussten. Zuletzt wurden aber alle Finanzinstitute viel restriktiver. Die Firmenkunden lassen das Geld daher trotz der Guthabengebühr bei uns.

Werden Sie bald auch für kleinere Vermögen Strafzinsen verlangen?
Wir haben die Massnahme für vermögende Privatkunden mit mehr als 1 Million Franken erst vor kurzem eingeführt. Sollte sich die Situation weiter zuspitzen, müssten wir eine Senkung des Freibetrags aber sicher prüfen.

Der Konkurrenz geht es besser, weil sie Hypotheken vergeben darf. Das Parlament verwehrt Postfinance dieses Geschäft weiterhin. Haben Sie schlechte Lobbyarbeit geleistet?
Ich verstehe die Argumentation des Parlaments nicht. Man sagt uns, dass wir uns keinen zusätzlichen Risiken aussetzen sollen und daher keine Hypotheken vergeben dürfen. Für mich macht das aber keinen Sinn. Es ist genauso risikoreich, an den internationalen Finanzmärkten Gelder anzulegen – was uns bekanntlich erlaubt ist.

Die Parlamentarier wollen die Kantonalbanken aus ihren Heimatkantonen schützen. Welche Rolle könnte Postfinance auf dem Hypothekenmarkt überhaupt spielen? Auch dort sinken die Margen...
Die Margen haben sich behauptet. Da wir nicht im Hypothekargeschäft vertreten sind, bleibt hier somit Geld auf der Strasse liegen. Der Wettbewerbsnachteil des Kreditverbots hat sich seit der Einführung der Negativzinsen durch die SNB noch einmal verstärkt.

Wie lässt sich das Problem lösen?
Der Bund ist unser Eigentümer, und er will es so haben. Das ist zu akzeptieren.

Postfinance vergibt Hypotheken über Kooperationen mit der Valiant und der Münchener Hypothekenbank. Sind weitere solche Umwege denkbar?
Wir werden die Partnerschaften sicher weiterführen. Unsere Kunden sollen bei uns auch eine Hypothek abschliessen können, auch wenn das für uns nicht besonders rentabel ist. Weitere Umwege werden wir nicht verfolgen.

Es wurde auch schon davon gesprochen, dass Postfinance an die Börse gebracht werden soll. Wäre das ein Ausweg?
Ich kann mich als Chef von Postfinance nicht über die Strategie der Post, unserer Muttergesellschaft, äussern. Wäre aber eine Teilprivatisierung von Postfinance der Anlass, um das Kreditverbot aufzuheben, dann müsste man das prüfen.

Welche Signale erhalten Sie von der Post?
Ich glaube, die Post wäre offen, darüber zu diskutieren. Es ist kein striktes No-Go. Die Möglichkeit einer Teilprivatisierung ist ja auch im Gesetz vorgesehen.

Könnte die Post darüber alleine entscheiden?
Ja, aber es würde sicher in Rücksprache mit der Politik erfolgen.

Bei Postfinance sollen bald Stellen abgebaut werden. Wieso?
Wir haben ein Strategieprogramm lanciert. Die Zinsen sind tief, zudem verändert sich das Bankgeschäft aufgrund der Digitalisierung grundlegend. Wir wollen daher künftig unsere Ressourcen besser einzusetzen und die Digitalisierung des Geschäfts schneller vorantreiben.

Wo stehen Sie?
In den nächsten drei Monaten werden wir dem Unternehmen eine neue Struktur geben. Ab dem 5. April weiss jeder Mitarbeiter, wo er in der zukünftigen Organisation arbeiten wird. Am 1. Juli werden wir uns neu aufgestellt haben.

Es heisst, die Mitarbeiter sind verunsichert.
Ich spüre ein grosses Verständnis für das Vorgehen, denn es ist fair. Wir machen uns Gedanken über die Strategie und schauen dann, mit welchen Leuten wir sie am besten umsetzen können. Wir haben auch keine erhöhte Fluktuationsrate.

Wie viele Stellen werden dabei gestrichen?
Schon heute werden nicht mehr alle Abgänge ersetzt. Das heisst, der Personalbestand schrumpft, ohne dass wir jemanden entlassen müssen. In drei Jahren werden wir sicher weniger Mitarbeiter haben. Wie viele es genau sein werden, kann ich derzeit aber nicht sagen.

Wo kann Postfinance effizienter werden? Ein Beispiel: Wir nehmen jedes Jahr etwa 300'000 Anrufe entgegen, bei denen Kunden den Kontostand erfragen wollen. Wir brauchen etwa eine Minute, um den Kunden zu identifizieren. Das ist sehr ineffizient. Wenn wir nun einen computergestützten Auskunftsdienst einführen könnten, der den Kunden an seiner Stimme erkennt, würde das viel Arbeit sparen.

Sie suchen aber auch Personal, denn die Geschäftsleitung ist derzeit unterbesetzt. Kommen Sie voran?
Die Findung läuft nach Plan. In den nächsten Wochen werden wir Namen nennen können.

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