Flieger-Pleite mit Ankündigung

Wer bei Air Berlin nun den Zuschlag für Teile der Airline bekommen dürfte.

Nur noch abwärts ging es in den letzten Monaten: Jetzt ist Air Berlin Pleite.
Jens Flottau@AirFlottau
Jürg Rüttimann@juergruettimann

Ganz überraschend kam sie nicht, die Meldung, dass Air Berlin Insolvenz angemeldet hat und von der deutschen Regierung für die nächsten Monate einen Überbrückungskredit zur Sicherstellung des Flugbetriebs erhält. Die Buchprüfer der Revisionsgesellschaft KPMG haben im Frühling nach der Durchsicht des Geschäftsberichtes des vergangenen Jahres «bedeutsame Zweifel» an der Zukunft des Unternehmens geäussert. Und damals auchklar festgehalten, dass die Fluggesellschaft auf finanzielle Unterstützung von aussen angewiesen sei.

Dass die Flugzeuge von Air Berlin bis jetzt weitergeflogen sind, ist wie bereits in den Jahren davor auf die Fluggesellschaft Etihad aus Abu Dhabi zurückzuführen. Diese hält einen Minderheitsanteil von 29 Prozent an Air Berlin und hat in den letzten Monaten und Jahren immer wieder Kapital eingeschossen. Viel Kapital. Zuletzt flossen im April dieses Jahres 250 Millionen Euro.

Diese Mittel sind mittlerweile verbrannt, derweil sich die Geschäftssituation von Air Berlin weiter verschlechtert hat. Angesichts der Geschäftslage von Air Berlin könne Etihad keine weitere Finanzierung leisten, schrieb die Golfairline gestern in einer Stellungnahme.

Milliarden sind versickert

Tatsächlich ist die Pleite von Air Berlin nichts anderes als die Folge des Scheiterns der Expansionsstrategie von Etihad. Unter ihrem ehrgeizigen Ex-Chef James Hogan hat sich Etihad jahrelang an angeschlagenen Unternehmen wie Air Berlin oder Alitalia beteiligt. Auch in die Schweizer Regional-Airline Darwin hatte sich Etihad eingekauft. Hogan wollte mit den Beteiligungen binnen weniger Jahre einen der weltweit grössten Luftfahrtkonzerne bauen, auf der Basis von Milliardenhilfen der Regierung Abu Dhabis. Die vielen Milliarden versickerten aber weitgehend nutzlos in den Beteiligungen, denen Etihad immer wieder aus der finanziellen Klemme helfen musste.

Kurz nachdem im April neben einem weiteren Kredit auch das Versprechen abgegeben wurde, alle finanziellen Verpflichtungen von Air Berlin der kommenden 18 Monaten zu übernehmen, wurde Hogan allerdings gefeuert. Damit war auch das ­Versprechen wertlos. So fliesst nun kein Geld mehr nach Deutschland. Jedoch, so hält Etihad fest, sei man bereit, Air Berlin dabei zu unterstützen, eine «kommerziell gangbare Lösung» zu finden.

Infografik: Mit Air Berlin ging es schon jahrelang abwärts Grafik vergrössern

Eine solche Lösung ist längst vor­gespurt. So hat der Lufthansa-Konzern gemäss Informationen aus Branchenkreisen seit Monaten einen detaillierten Plan vorbereitet. Der Plan sieht Folgendes vor: Die Lufthansa, zu der auch die Fluggesellschaft Swiss gehört, nimmt Verhandlungen mit den Leasinggebern jener Air-Berlin-Flugzeuge auf, die sie übernehmen will. Die Maschinen – die genaue Zahl ist noch unklar – werden dann bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings eingesetzt, die auf diese Art und Weise viel schneller wachsen kann als aus eigener Kraft.

Zugleich wird Lufthansa den Air-Berlin-Besatzungen, die die Maschinen fliegen sollen, Angebote für neue Arbeitsverträge machen. Bezahlung und Arbeitsbedingungen sollen identisch sein mit denen bei Eurowings – was für viele Mitarbeiter allerdings ­eine erhebliche Gehaltseinbusse bedeuten würde. Jedoch hätten die Übernommenen weiter einen Arbeitsplatz, im Gegensatz zu einigen anderen.

  • loading indicator

Wie viele der rund 9000 Arbeitsplätze von Air Berlin verloren gehen, hängt davon ab, wie viele Flugzeuge Lufthansa übernehmen will. Vor allem in Düsseldorf, wo sich die Lufthansa ­immer schwergetan hat, könnte sie von der Pleite ihres Hauptkonkurrenten profitieren. Ausserdem hat Lufthansa auch ein Interesse daran, grosse Zentren ausserhalb der Drehkreuze München und Frankfurt abzudecken, um den ­Billigairlines Easyjet und Ryanair das Wachstum in Deutschland zu erschweren. Dennoch dürften die beiden führenden europäischen Billigfluggesellschaften versuchen, einen Teil der vermutlich entstehenden Lücke zu füllen und so in Deutschland schneller zu wachsen als bisher möglich.

Verkauf von Niki-Maschinen

Die Schwierigkeit, möglichst grosse Teile von Air Berlin – in welcher Form auch immer – zu erhalten, ist zuletzt allerdings noch einmal erheblich grösser geworden. Denn eigentlich sollte die auf das Touristikgeschäft spezialisierte Air-Berlin-Tochter Niki längst mit der Billigflugesellschaft Tuifly des gleichnamigen Touristikkonzern zu einer neuen Ferienairline fusionieren – die Gespräche sind aber vorläufig gescheitert.

Nun bleiben die fast 30 Niki-Maschinen ebenfalls bei Air Berlin und stehen zum Verkauf. Alle dürfte Lufthansa kaum nehmen wollen. Allerdings teilt die deutsche Regierung mit, neben Lufthansa verhandele noch eine weitere Airline über den Kauf von Unternehmensteilen.

Derzeit fliegen noch 144 Flugzeuge für den Air-Berlin-Konzern, darunter jene 38, welche Eurowings mitsamt Besatzung gemietet hat. Unklar ist noch, wie genau die Übernahme von Unternehmensteilen vonstattengeht. Air Berlin ist seit Monaten dabei, einen eigenen Flugbetrieb für das Lufthansa-Geschäft zu gründen, ein Prozess, der in der Regel mehrere Monate in Anspruch nimmt. Insider rechnen nicht vor dem Herbst damit.

Gelingt es nun, mithilfe des Übergangskredits die alte Air Berlin so lange in der Luft zu halten, bis die neue Airline gegründet ist, könnte Lufthansa die Air-Berlin-Tochtergesellschaft als Ganzes kaufen. Reicht die Zeit nicht, müsste Lufthansa jeden Mitarbeiter von Air ­Berlin einzeln übernehmen.

So wirkt sich der Wirbel um Air Berlin auf die Schweiz aus

Die Insolvenz von Air Berlin strahlt bis in die Schweiz aus. Am Flughafen Zürich fertigt die deutsche Fluggesellschaft am zweitmeisten Passagiere ab. Air Berlin sorgte dort letztes Jahr für 7 Prozent des Passagieraufkommens. Der Abstand zum Platzhirsch Swiss ist jedoch gross. Die Airline des deutschen Lufthansa-Konzerns kommt auf einen Anteil von rund 55 Prozent. Die wichtigsten Air-Berlin-Strecken ab Zürich sind die Flüge nach Berlin und Düsseldorf. Die Insolvenz des deutschen Billigfliegers hat vorerst jedoch keine Auswirkungen auf den Flugbetrieb. Vom Flughafen Zürich fliegen alle Air-Berlin-Maschinen normal ab. Auch die Behörden erwarten keine raschen Auswirkungen.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) verfolge die Situation. Es bestehe momentan aber kein Anlass dazu, die Aufsichtsmassnahmen zu ändern. Über kurz oder lang dürften die hiesigen Passagiere jedoch die Folgen der Air-Berlin-Insolvenz zu spüren bekommen. Denn in den nächsten Wochen und Monaten wird die Airline mit der Lufthansa und anderen Gesellschaften Gespräche über den Verkauf und die Weiterführung von Betriebsteilen führen. Das könnte dazu führen, dass einzelne Verbindungen aufgegeben werden und es deshalb auf einigen Strecken ab Zürich bald weniger Konkurrenz zur Swiss gibt. Logische Folge davon wären steigende Ticketpreise. Denn was passiert, wenn wenige Anbieter auf einer Verbindung tätig sind, zeigt sich am Beispiel der Strecke Zürich–Frankfurt. Die deutsche Bankenmetropole zählt bereits heute zu den teureren Destinationen, weil sie nur von Swiss und Lufthansa bedient wird.

Sollte Air Berlin tatsächlich auf Verbindungen ab dem Flughafen Zürich verzichten, könnte es zu einem Wettbieten um die Zeitfenster für Start und Landung kommen. Diese Slots sind knapp und daher äusserst begehrt. Die deutsche Bundesregierung geht daher davon aus, dass Air Berlin ihre Slots verkaufen kann und die Airline so einen Teil des Rettungskredits zurückzahlen kann. Die Swiss hat im Mai 2016, als schon einmal über die Zukunft von Air Berlin spekuliert worden ist, gegenüber der «SonntagsZeitung» bereits ein Interesse an Air-Berlin-Slots signalisiert. Laut Medienberichten zählt auch Easyjet zu den möglichen Käufern für frei werdende Zeitfenster. Unklar ist zudem, was mit den Slots der hiesigen Air-Berlin-Tochter Belair passiert, welche Ende Oktober ihren Betrieb einstellen wird. Eigentlich hätten die Belair-Verbindungen an die österreichische Tochter Niki weitergegeben werden sollen.

Vorsichtige Reisevermittler

Der Schweizer Reiseanbieter Hotelplan Suisse arbeitet mit Air Berlin zusammen. «Wir bieten weiterhin Air-Berlin-Flüge im Rahmen von Pauschalreisen an», so Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Doch werde Hotelplan Suisse von nun an keine Tickets mehr verkaufen, für die das Unternehmen Vorleistungen erbringen müsse. Hotelplan Suisse beziehe keine Vollcharterflüge bei Air Berlin, sondern nur einzelne Plätze, daher seien die Auswirkungen der Insolvenz der Fluggesellschaft gering, so Huguenin-dit-Lenoir.

Ähnlich tönt es bei Kuoni. Die Insolvenz von Air Berlin sei natürlich keine gute Nachricht, sie habe aber für die Kunden vorerst keine Folgen. Alle Angebote bis Mai 2018 seien gesichert. Für ein späteres Reisedatum könne aber nicht mehr gebucht werden. Wenn es für einzelne Passagiere zu Einschränkungen auf Air-Berlin-Flügen käme, würde Kuoni eine Lösung finden, so der Sprecher.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt