Fall KPT: Bosch und Liechti zeigen auf einen Dritten

Die ehemalige Spitze der Berner Versicherung steht vor Gericht. Bernhard Liechti und Walter Bosch bestreiten den Vorwurf, es sei ihnen ums eigene Portemonnaie gegangen.

Gegen die Ex-Verwaltungsräte Walter Bosch (r.) und Bernhard Liechti wird nach der gescheiterten Fusion der KPT mit der Sanitas wegen mehreren Pflichtsverletzungen Anklage erhoben. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Gegen die Ex-Verwaltungsräte Walter Bosch (r.) und Bernhard Liechti wird nach der gescheiterten Fusion der KPT mit der Sanitas wegen mehreren Pflichtsverletzungen Anklage erhoben. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Adrian Sulc@adriansulc

Im März 2010 trafen sich KPT-Präsident Walter Bosch und Sanitas-Präsident Jens Alder zu einem gemeinsamen Nacht­essen. Bosch unterbreitete Alder dabei die Idee, die beiden Krankenversicherungen zu fusionieren. Der Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden: Bereits am 10. Mai gaben die beiden Unternehmen ihre Fusionspläne öffentlich bekannt.

«Niemand kann sich vorstellen, unter welch gewaltigem Druck ein Verwaltungsrat steht, wenn eine solch komplexe Fusion ansteht», sagte Walter Bosch am Montag vor dem Kantonalen Wirtschaftsgericht in Bern. Gemeinsam mit dem früheren KPT-Vizepräsidenten Bernhard Liechti (54) ist Bosch (71) angeklagt, sich im Vorfeld der geplanten und später geplatzten Fusion strafbar gemacht zu haben.

Unter grossem Zeitdruck

Bosch und Liechti sind von der Finanzmarktaufsicht (Finma) bereits mit einem vierjährigen Berufsverbot im Bank- und Versicherungswesen belegt worden. Und sie haben auf Druck der Behörde je rund 900'000 Franken an Honoraren an die KPT zurückbezahlt, nachdem das Bundesverwaltungsgericht die Verfügung der Finma weitgehend gestützt hatte.

Nach einer Strafanzeige der Finma hat letzten Sommer die Berner Staats­anwaltschaft Anklage gegen Bosch und Liechti erhoben. Der erste der drei Anklagepunkte betrifft den Rückkauf der KPT-Mitarbeiteraktien: Die Versicherung hatte ihre Angestellten an der KPT Versicherungen AG (Anbieterin von Zusatzversicherungen) beteiligt – zur Motivation und mit Aussicht auf eine Wertsteigerung der Aktien. 9 Prozent der AG gehörte so den Mitarbeitern.

Doch das Beteiligungsmodell erwies sich während der Fusionsverhandlungen mit der Sanitas als Klumpfuss. Die Berner KPT musste das Programm auflösen und die Aktien zurückkaufen – unter grossem Zeitdruck. Die Aktien wurden einst zum Preis von 28 bis 34 Franken ausgegeben. Der KPT-Verwaltungsrat legte den Rückkaufpreis dann aber anhand des effektiven Werts des Unternehmens fest – bei 600 Franken pro Aktie. Weil die Verwaltungsräte selbst über die grössten Aktienpakete verfügten, wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor, sie hätten sich auf Kosten der KPT einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen wollen. Tatsächlich wären Bosch und Liechti mit dem Rückkauf ihrer Aktien zu 600 Franken auf einen Schlag um je 1,7 Millionen Franken reicher geworden.

Das Gericht versuchte gestern deshalb herauszufinden, wer für den geplanten Rückkaufpreis von 600 Franken verantwortlich ist. Erstmals schriftlich erwähnt wurde der Betrag von Liechti. Dieser sagte jedoch, dass es «sicher nicht» seine Meinung gewesen sei, die Aktien zu diesem Preis zurückzukaufen. Er habe den hohen realen Wert der Aktien in das betreffende Dokument aufgenommen, um Bosch von dessen Fusionsabsichten abzubringen.

Bosch wiederum sagte gestern, die KPT hätte die Mitarbeiteraktien nicht zum letzten Ausgabepreis von 34 Franken zurückkaufen können, wenn die Sanitas kurz darauf im Rahmen der Fusion 600 Franken pro Aktien bezahlt hätte. Bosch betonte, er selbst habe keine ­juristischen Kenntnisse, er habe sich ­dabei auf die Argumentation des KPT-Verwaltungsrats Rolf Jetzer gestützt. Auch Liechti betonte, er sei «nur Wirtschaftsprüfer, kein Dr. iur.», und auch er habe sich auf den Rat von Verwaltungsrat Jetzer verlassen.

«Fast aufeinander losgegangen»

Tatsächlich wäre gestern wohl auch besagter Wirtschaftsanwalt Rolf Jetzer auf der Anklagebank gesessen, wäre dieser nicht im September 2010 im Alter von 59 Jahren unerwartet verstorben. Jetzer war unter anderem Verwaltungsratspräsident der Swiss, Bosch hatte ihn 2009 im den KPT-Verwaltungsrat geholt. Zusammen mit Bosch und Liechti bildete er den Fusionsausschuss des KPT-Verwaltungsrats. Jetzers früher Tod verunmöglichte es dem Gericht, die Aussagen der beiden Angeklagten zu überprüfen, ­Jetzer habe den Rückkaufpreis von 600 Franken ins Spiel gebracht.

Belegt ist, dass an der entscheidenden Verwaltungsratssitzung ausser dem heutigen Mobiliar-Präsidenten Urs Berger und dem Juristen Willy Morger alle Mitglieder für den Rückkaufpreis von 600 Franken stimmten. Wie Liechti gestern sagte, sind Jetzer und Berger zuvor wegen dieser Frage «fast aufeinander losgegangen». Während Berger vor dem Reputationsrisiko für die KPT warnte, habe Jetzer juristisch für den hohen Preis argumentiert. Die Staatsanwaltschaft macht es Bosch und Liechti auch zum Vorwurf, dass die KPT-Holding sich das Geld für den geplanten Aktienrückkauf mittels eines ungesicherten Darlehens bei der KPT Versicherungen AG besorgt hat. Die beiden Angeklagten nannten den Vorwurf, dass dies unrechtmässig geschehen sei, «völlig absurd».

Weiter machten sich die beiden aus Sicht der Anklage strafbar, weil sie sich selbst und den anderen Verwaltungs­räten die berechneten Lohneinbussen für die Zeit nach der Fusion auszahlen liessen – für den gesamten Rest der Amtsdauer und inklusive der erwarteten Boni. Gemäss Anklageschrift hätte Bosch dabei 2,0 Millionen Franken mehr bezogen als ihm gemäss Vertrag zugestanden wäre, Liechti hätte 1,5 Millionen Franken zu viel kassiert. Bosch und Liechti betonten auch in diesen beiden Anklagepunkten, sie hätten sich auf den Rat von Anwalt Rolf Jetzer und weiterer Juristen verlassen.

Die beiden zeigten sich zudem bitter enttäuscht von der Finma, welche sie «ins Messer laufen liess», wie Bosch sagte. Der Behörde seien alle Unterlagen im Zusammenhang mit der Fusion vorgelegen. Er habe erwartet, dass sie diese prüfe und gegebenenfalls zurückweise – anstatt eine Untersuchung gegen die Verwaltungsräte zu eröffnen.

Morgen Mittwoch werden die Verteidiger und die Staatsanwältin ihre Plädoyers vortragen. Am Freitag will das Gericht das Urteil sprechen.

Tages-Anzeiger

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