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Existenzangst hinter der Nadelstreifen-Fassade

Die Banken kriseln oder kollabieren. Und die Banker? Zittern sie? Zagen sie? Zeigen sie Gelassenheit? Beobachtungen in der Szene.

Gestern Morgen an der Zürcher Talstrasse Nummer 82: ein Entree wie im Film. Die Wände aus Marmor, die Treppe elegant geschwungen. Im dritten Stock eine Glastür mit dem Schriftzug, der eigentlich bereits Geschichte ist: Lehman Brothers. Daneben eine Klingel. «Ring please.» Man klingelt, doch niemand öffnet. Ein Mitarbeiter tritt aus dem Lift und verschwindet hinter der Glastür. Reden will er nicht. «No comment.»

Keine Kommentare auch im Café Al Leone. Hier, unweit des Paradeplatzes, trinkt das Bankervolk den Morgenkaffee, unterhalten von den Finanznachrichten des Fernsehsenders Bloomberg TV. Und verpflegt mit Gipfeln, die zwar nur halb so gross sind wie anderswo, dafür doppelt so viel kosten. Gespräche werden im Flüsterton geführt; kommt man in die Nähe, tritt augenblicklich Schweigen ein.

Ein bezeichnendes Schweigen: Die Auskunftsfreude ist in der Szene höchst limitiert. Spricht man die Banker auf ihr Befinden an, gibts als Antwort wahlweise Ironie («geht blendend!»), Einsilbigkeit («wie solls schon gehen?») oder ein wortloses Schulterzucken. Wieder verlassen zwei krawattierte junge Männer das Lokal. Der eine raunt dem anderen zu: «Heute gibts einen guten Tag.» Er sollte Recht behalten.

Alles gerät ins Schleudern

Man gelangt dann doch noch zu ein paar Auskünften. Es sind vorzugsweise ältere Finanzfachleute, die reden. «Ich bin zu alt, um Angst zu haben», sagt einer, «hart ist es für einen Vierzigjährigen mit zwei kleinen Kindern.» Hart, weil die Finanzbranche Stellen abbaut und es nicht einfach ist, einen neuen Job zu finden. Denn: «Der Markt schrumpft.»

Existenzangst hinter der Nadelstreifen-Fassade? «Ja, und sie ist gross. Der Finanzplatz bietet attraktive, gut bezahlte Jobs – wer einen solchen hat, richtet sein Leben entsprechend ein.» Wer ihn verliert und keine ähnlich gut bezahlte Alternative findet, gerät ins Schleudern. Es erodiert nicht nur das berufliche Selbstbewusstsein, sondern auch das Polster, das bis anhin die teure Wohnung und das schöne Auto getragen hat. Kommt hinzu, dass die Aussichten immer unerfreulicher werden: «Am Anfang der Krise wurden Abbauopfer mit grosszügigen Abgangspackages getröstet. Inzwischen gibts nichts mehr.»

Im Direktflug von der Grosszügigkeit zur Rappenspalterei: So läufts bei den Abgangsentschädigungen. So läufts auch anderswo – etwa beim Champagner-Volumen, das die Bank fürs Firmenfest bereitstellt. «Extrem, wie gespart wird», klagt ein Banker seinem Nachbarn am Tresen des James-Joyce-Pubs. Das Lokal an der Pelikanstrasse ist so etwas wie das emotionale Auffangbassin des Finanzpersonals. Hier werden nach vollendetem Börsentag die Triumphe gefeiert. Oder die Wunden geleckt.

Die Moral ging verloren

Die Lage hat sich gestern (temporär) beruhigt. Doch das Grundproblem bleibe bestehen, sagt einer, der seit einem Vierteljahrhundert auf dem Finanzplatz wirkt: die Gier. «Ein paar Banker haben sich aufgeführt wie im Casino – darunter leiden jetzt Tausende von Bankleuten und Abertausende von Anlegern.» Entsprechend gross sei die Wut unter dem gewöhnlichen Bankpersonal.

Warum die Gier? «Es liegt an den Leuten», glaubt der Senior-Banker. «Heutige Jung-Banker sind nur aufs rasche Geld aus.» Und frühere? «Die waren vielleicht weniger gut ausgebildet. Dafür besassen sie Verantwortungsgefühl, ein gewisses Charisma – und Moral.»

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