«Es sind viele ausländische Demonstranten angereist»

Noch bevor der EZB-Tower eröffnet ist, kommt es in Frankfurt zu Krawallen. Journalist Fabian Eberhard ist vor Ort und sagt, warum die Lage eskalierte.

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Franziska Kohler@tagesanzeiger

Blockaden, brennende Polizeiautos, «Kriegsgebiet» – ist die Lage in Frankfurt so ernst, wie es in den Berichten klingt? Rund um die EZB-Zentrale herrscht tatsächlich Ausnahmezustand. Fast in jeder Seitenstrasse brennen Polizeiautos oder Reifen, seit 5 Uhr morgens werden Barrikaden errichtet. Polizeihelikopter kreisen über dem Quartier, beissender Rauch und Tränengas liegen in der Luft. Dabei haben die offiziellen Demonstrationen noch nicht einmal begonnen, die erste ist um 12 Uhr geplant, die Grossdemonstration um 17 Uhr.

Das heisst, die Lage wird sich noch weiter zuspitzen? Das hängt davon ab, ob die Polizei die geplanten Demonstrationen überhaupt noch zulässt. Sie könnten die Polizeiarbeit erleichtern, weil sich die Menschen dann an einem zentralen Punkt sammeln und nicht mehr in kleineren Gruppen durch die Strassen ziehen.

Die Behörden rechnen mit bis zu 10'000 Demonstranten. Werden es wirklich so viele sein? Das lässt sich nur schwer abschätzen, weil die meisten momentan in Splittergruppen unterwegs sind. Aber die Mobilisierung ist mit Sicherheit gross. Das hat sich schon gestern Abend gezeigt, einzelne Vorveranstaltungen zählten mehr als 1000 Besucher. Es könnten am Schluss sogar mehr als 10'000 sein – denkbar ist allerdings auch, dass die Gewalteskalationen viele Demonstranten fernhalten.

Woher kommen die Menschen, die nun in Frankfurt auf der Strasse sind? Es ist ein bunter Mix aus verschiedenen Ecken: Gewerkschaften sind vertreten, Flüchtlingsinitiativen, Parteien wie die Linke, aber auch autonome und militante Gruppierungen. Viele sind aus dem Ausland angereist, teilweise in Bussen, aus Griechenland, Frankreich oder Italien. Die Demonstranten bleiben zu einem grossen Teil friedlich, die gewalttätigen Angriffe auf Polizisten gehen vom autonomen Teil aus. Allerdings scheint die Bereitschaft zu zivilem Ungehorsam, zum Beispiel durch Strassenblockaden, bei vielen da zu sein.

Sie sind seit gestern in der Stadt. Wie hat sich die Stimmung in dieser Zeit verändert? Die Wut über den Polizeieinsatz ist offensichtlich stark gewachsen. Seit vorgestern sind ganze Quartiere mit Stachelzaun abgeriegelt, das Sicherheitsdispositiv ist enorm. Davon fühlten sich nicht nur die angereisten Demonstranten, sondern auch die Anwohner provoziert. Das könnte mit ein Grund sein, warum die Proteste heute so früh eskalierten.

Die Demonstranten wollen die EZB-Eröffnungsfeier ganz verhindern. Werden sie ihr Ziel erreichen? Von einer Eröffnungsfeier kann ohnehin keine Rede mehr sein, sie wurde auf ein Minimum reduziert. Ein grosser Teil der EZB-Angestellten bleibt zu Hause. Die Zentrale selbst ist so hermetisch abgeriegelt, dass für EZB-Präsident Mario Draghi und die zwei Dutzend geladenen Gäste keine Gefahr bestehen dürfte. Eine kurze Feier wird es wohl geben, aber das wird eine traurige Angelegenheit.

Die Kapitalismusgegner in Europa kämpften auch um Aufmerksamkeit und Erfolge, schreiben Sie in einem Artikel. Bekommen sie das in Frankfurt? Aus Mobilisierungssicht ist der Aufmarsch hier sicher ein Erfolg, das internationale Netzwerk scheint zu funktionieren. Der grosse Anteil ausländischer Demonstranten ist erstaunlich. Gerade lief ich an einem Schmuckgeschäft mit eingeschlagenen Scheiben vorbei, darüber stand gesprayt «Nique la France». In den Krisenländern ist die Wut auf die Troika weiterhin sehr gross, die EZB dient als Symbol dafür. Es hängt nun vieles davon ab, ob die Gewalt weiter eskaliert. Das könnte die Bewegung spalten.

Sie berichten auch von Frust bei den Frankfurtern: Viele sind wütend, weil sich das EZB-Quartier in den letzten Jahren stark veränderte, von Gentrifizierung ist die Rede. Geht es bei den Protesten auch darum? Zu einem kleinen Teil, ja. Die Wut darüber beeinflusst wohl die Protestbereitschaft von Quartieranwohnern und anderen Frankfurtern. Ihnen dient die EZB-Zentrale als Feindbild. Dem Grossteil der Demonstranten geht es aber um Kritik am Kapitalismus und an der Zentralbank als Institution.

DerBund.ch/Newsnet

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