Er trotzt dem Ernst der Lage

Der Air-Berlin-Übervater Joachim Hunold kämpft für seine Airline.

Stieg als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf ins Flugbusiness ein: Joachim Hunold.

Stieg als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf ins Flugbusiness ein: Joachim Hunold.

(Bild: Reuters Tobias Schwarz)

Edgar Schuler@Edgar_Schuler

Die Aktionärsversammlung, die Joachim Hunold wieder an die Spitze von Air Berlin hievte, fühlte sich an wie die Zusammenkunft eines Fanclubs. Eigens am Mittwoch nach London geflogen war ein Gabelstaplerfahrer aus Stuttgart, Aktionär der ersten Stunde, der Hunold bei der Begrüssung umarmte. Dabei war auch ein Orthopäde aus Sachsen, der seinen Patienten stets Air-Berlin-Herzchen verteilt. Das Grüppchen deutscher Kleinaktionäre wurde mit Durchhalteparolen und optimistischen Prognosen für ihr Unternehmen geduscht. Nach 45 Minuten war der Spuk vorbei. Man verabschiedete sich gut gelaunt.

Dabei hat die deutsche Wirtschaftsministerin die Lage von Air Berlin erst vor ein paar Tagen als «prekär» bezeichnet. Die Airline, die täglich bis zu 40 Mal Zürich anfliegt, machte letztes Jahr 2 Millionen Euro Verlust – jeden Tag. Die 1,2 Milliarden Euro Schulden übersteigen das Eigenkapital. Aber der Hauptaktionär, Etihad Airways aus Abu Dhabi, will Air Berlin weiter stützen. Das Management ist komplett ausgewechselt worden. Es verspricht schwarze Zahlen innerhalb eines Jahres. Trotz Problemen mit Personal und Pünktlichkeit seien die Flüge zu 80 Prozent ausgebucht.

Air Berlin wollte alles sein, alles anbieten: Charter, Shuttle, Interkontinentalflüge.

Hunold, der nun an die Spitze der Airline zurückkehrt, ist das Gegenteil des zugeknöpft-korrekten deutschen Managertyps. Nach 20 Semestern brach er sein Rechtsstudium ohne Diplom ab. Er arbeitete als Roadie für den Deutschrocker Marius Müller-Westernhagen. Als Gepäckverlader am Flughafen seiner Heimatstadt Düsseldorf stieg er ins Flugbusiness ein. Nach der Wende übernahm er Air Berlin von ihren amerikanischen Gründern. Und Hunold machte sein Baby gross: Die Gesellschaft flog Scharen ferienhungriger Berliner im «Mallorca Shuttle» an die Sonne. Weitere Destinationen rund ums Mittelmeer kamen rasend schnell dazu. 2006 ging er an die Börse. Mit dem neuen Geld kam die Hybris. Air Berlin wollte alles sein, alles anbieten: Charter, Shuttle, Interkontinentalflüge.

Und alles schien zu gelingen – sogar die Wahl zum Ritter des «Ordens wider den tierischen Ernst» des Aachener Karnevalsvereins. Dass Hunold die Karnevalssitzung dann zu einem Werbespot für sich und seine Airline umfunktionierte, passte: Das Komitee hatte ihm den Ritterschlag dafür gewährt, «dass es auch heute noch Männer gibt, die den Mut haben, ein Typ zu sein». Aber Überheblichkeit, Kaufrausch und schliesslich die Finanzkrise machten Hunolds Karriere ein Ende. 2011 legte er alle Ämter nieder.

Jetzt, mit 67 Jahren, ist er Verwaltungsratspräsident des Unternehmens, das er vor 15 Jahren vorübergehend zur zweitgrössten Fluggesellschaft Deutschlands gemacht hatte. «Wir prüfen nun alle Optionen», sagte er seinen Aktionären noch, bevor sie beseelt nach Deutschland zurückflogen – oder noch etwas Sightseeing anhängten.

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