Ein mutiger Befreiungsschlag

Die Credit Suisse trennt sich von ihrem langjährigen Konzernchef Brady Dougan, und die Börse bricht in lauten Jubel aus. Das gründet aber auch in den hohen Erwartungen in den Nachfolger.

Robert Mayer@tagesanzeiger

Was die Credit Suisse heute Morgen verkündet hat, ist nicht nur ein – überfälliger – Wechsel an der Konzernspitze. Mit der Ablösung des US-Investmentbankers Brady Dougan und der völlig überraschenden Berufung von Tidjane Thiam, Chef des britischen Versicherers Prudential und Doppelbürger der Elfenbeinküste und Frankreichs, soll die Zürcher Grossbank einen fundamentalen strategischen und kulturellen Wandel, ja mehr noch eine Kehrtwende vollziehen. Nichts Geringeres werden die CS-Grossaktionäre von dem Schwarzafrikaner erwarten, der auf eine erfolgreiche sechsjährige Regentschaft bei Prudential zurückblickt. Wie hoch die Erwartungen in den neuen Nichtbanker sind, offenbart der rund 8-prozentige Kurssprung der CS-Aktien zum heutigen Handelsbeginn.

Urs Rohners Coup

Mit dem Chefwechsel ist Verwaltungsratspräsident Urs Rohner zweifellos ein Coup gelungen. Natürlich muss er sich vorwerfen lassen, zu lange an Dougan festgehalten zu haben. Spätestens nach dem letztjährigen Schuldeingeständnis der Credit Suisse im Steuerstreit mit den USA wäre es an der Zeit gewesen, den Amerikaner abzulösen. Im Rückblick kann sich Rohner nun zugutehalten, die Zeit für eine umfassende, sorgfältige Evaluierung eines neuen Konzernchefs und schliesslich für die Ernennung eines aussenstehenden Hoffnungsträgers mit respektablem Fähigkeitsausweis sinnvoll genutzt zu haben. Auch der CS-Präsident war im Zuge der unseligen US-Steueraffäre angeschlagen – mit dem jetzigen Befreiungsschlag an der Konzernspitze hat er sich erst einmal aus der Schusslinie genommen.

Man kann darauf wetten, dass nach dem Ausscheiden Dougans per Ende Juni nicht nur dessen achtjährige Zeit als CS-Chef zu Ende geht. Weitere führende Köpfe insbesondere im Investmentbanking werden wohl ebenfalls neue Herausforderungen andernorts suchen. Denn die Musik in der neuen Credit Suisse unter Thiam wird nicht mehr im Kapitalmarktgeschäft spielen. Vielmehr dürfte er insbesondere die kapitalintensiven Bereiche der Investmentbank, namentlich die Fixed-Income-Aktivitäten, mit jener Entschlossenheit und Rigorosität zurückbinden respektive abstossen, die der Ex-Händler Dougan nicht durchsetzen konnte oder wollte. Unter dem Strich bleibt als gewichtigster Malus für den obersten CS-Banker, dass er die günstige Ausgangslage der Grossbank nach dem Ende der Finanzkrise – sie benötigte im Unterschied zu vielen Mitbewerbern keine Staatshilfe – nicht nützen konnte, um für die Aktionäre einen nachhaltigen Mehrwert zu schaffen.

Temposteigerung in den Schwellenmärkten

Ähnlich wie zuvor bereits die UBS wird nun auch die Credit Suisse dem Vermögensverwaltungsgeschäft, vor allem mit Blick auf die reiche und sehr reiche Kundschaft, höchste Priorität einräumen. Die Credit Suisse kann hier durchaus Erfolge vorweisen, nicht zuletzt in Asien, dem Private-Banking-Markt mit dem höchsten Wachstumspotenzial. Worauf es jetzt ankommt, ist die Temposteigerung mittels Einsatz zusätzlicher Ressourcen, um die fernöstlichen – aber auch die lateinamerikanischen – Zielmärkte noch stärker zu durchdringen. Thiam bringt dafür gute Voraussetzungen mit: Er gilt als Kenner vieler, vornehmlich asiatischer Schwellenmärkte, und als Versicherungsspezialist hat er ein Auge für langfristige Fundamentalentwicklungen.

Die Credit Suisse beweist Mut, das Konzernsteuer in die Hände von Tidjane Thiam zu legen. Immerhin soll ein Mann ohne Bankerfahrung den zweitgrössten Schweizer Bankkonzern zu neuen Ufern führen. Umgewöhnen in vielerlei Hinsicht müssen sich aber nicht nur die knapp 46 000 CS-Mitarbeitenden. Das gilt ebenso für die Öffentlichkeit, gelangt doch erstmals ein Manager schwarzer Hautfarbe an die Spitze eines führenden Schweizer Unternehmens. Willkommen Monsieur Thiam.

DerBund.ch/Newsnet

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