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Russische IT-Cracks sind im Silicon Valley gesuchte Leute

Seit den Hackerangriffen aus Russland lastet ein Schatten auf russischen Informatikern im Silicon Valley. Ein Besuch im «Hackertempel».

Die Kirche im Zentrum von San Francisco, die heute von russischen IT-Ingenieuren genutzt wird. Foto: Jason Henry (New York Times, Redux, Laif)
Die Kirche im Zentrum von San Francisco, die heute von russischen IT-Ingenieuren genutzt wird. Foto: Jason Henry (New York Times, Redux, Laif)

Als Pavel Cherkashin vor vier Jahren ­Ferien in San Francisco machte, dachte er nicht im Traum daran, hier eine Kirche zu erwerben. Auch dass russische Hacker die US-Wahlen unterwandern könnten, schien unvorstellbar. Und doch: Cherkashin kaufte inzwischen eine Kirche und baute sie zu einem ­«Hackertempel» um. Den Namen meint er ironisch. Er ist vor dem Hintergrund der wohl vom Kreml gesteuerten Attacken auf die US-Wahlen inzwischen ­unerwartet doppeldeutig geworden.

Die Hackerangriffe auf die Wahlen 2016 und der Haftbefehl gegen 13 mutmassliche Angreifer haben russische ­IT-Cracks im Silicon Valley in eine heikle Lage gebracht. Sie haben zwar einen ­guten Ruf als Softwareentwickler und sind gesucht. Aber das hat nicht nur mit ihrer guten Ausbildung zu tun, sondern auch mit den Unterwanderungsversuchen, die der frühere FBI-Chef Robert Mueller inzwischen untersucht. «Der damit einhergehende Generalverdacht ist belastend und unfair, aber ironischerweise nicht nur ein Nachteil», erklärt der vor drei Jahren zugezogene Nikolay ­Davidov. «US-Firmen nehmen deswegen an, dass wir die besten Hacker sind. Deswegen ist es einfacher geworden, unsere Produkte zu verkaufen», sagt Davidov. Er gehört zur «New Wave» junger russischer IT-Ingenieure und -Investoren im Silicon Valley. Er ist einer der Investoren der Internet-Sicherheitsfirma Wallarm. Diese weist ein zweistelliges Wachstum auf. Davidov führt dies auf den besonderen Ruf der Russen im Nachgang der ­Attacken auf die US-Wahlen zurück.

Doch wenn es um Geld geht, so ist der Erklärungsbedarf besonders hoch, führt Cherkashin aus. Beispiel: Wenn er mit seinem Start-up-Fonds von 120 Millionen Dollar in junge Unternehmen investieren will, so stösst er oft auf skeptische Ansprechpartner. «Wenn sie meinen russischen Akzent hören, sehe ich diese besondere, skeptische Reaktion: Ist Euer Geld sauber?» Die Frage rege ihn weniger auf als auch schon, aber er müsse immer wieder klarstellen: «Wir nehmen kein Geld von Oligarchen, ­Regierungen und grossen Firmen. Die Leute verstehen nicht, warum wir gezielt in junge Unternehmer investieren, die auch bereit sind, der Gesellschaft ­etwas zurückzugeben.»

Kirche als neuer Zufluchtsort

Sein Fonds ist in den USA eingetragen und wird von den US-Behörden kontrolliert. Die Investoren sind international gestreut. Neben russischen gibt es auch deutsche und niederländische Geld­geber. «Wir bringen sie oft hierher, damit sie sich mit eigenen Augen von der Sauberkeit unserer Geschäfte überzeugen können und einen entscheidenden Unterschied begreifen. Es gibt schwarze Hacker, und es gibt weisse Hacker. Die schwarzen beuten die Schwachstellen eines IT-Systems böswillig aus, wir helfen, die Lücken zu stopfen.»

Eine Investition, die sich aus einer günstigen Gelegenheit ergab, war der Kauf der katholischen Kirche Nuestra Señora de Guadalupe. Das Gotteshaus war einst Treffpunkt der Latinos in San Francisco, stand aber seit 30 Jahren leer, als die Stadt sie zum Verkauf ausschrieb. «Sie war in einem jämmerlichen Zustand, aber sie war genau das, wonach ich suchte. Ich wollte einen Treffpunkt für Jungunternehmer, Softwareschreiber und Investoren schaffen. Dafür bot die Kirche den Platz und ihre eigene ­Atmosphäre», sagt Pavel Cherkashin.

Er steckte 11,5 Millionen Dollar in den Kauf und die Renovation. Und er war ­darauf bedacht, die Glasfenster und die Wand- sowie Deckenmalereien zu bewahren. «Das kulturelle Erbe ist wichtig, auch in den USA, es darf nicht zerstört werden», sagt Cherkashin. Freiwillige reparierten die Orgel, mit 130 Jahren die älteste an der US-Westküste.

Durch die moderne Apokalypse

An einer Wand im Kirchenschiff, das heute als Party- und Vortragssaal dient, hängt ein Gemälde des ukrainischen Künstlers Evgeniy Lapchenko. Er hat den «Garten der Lüste» von Hieronymus Bosch ins Silicon Valley des 21. Jahrhunderts übertragen. Zwischen die bizarren, verrenkten Körper des Originals hat er Bill Gates, Mark Zuckerberg und Apple-Mitbegründer Steve Jobs eingefügt, der die Szene mit einem Selfie festhält. Auch Sergey Brin ist zu sehen. Der bekannteste Russe im Silicon Valley rollt in einem Selbstfahrauto von Google durch die moderne Apokalypse.

Das Gemälde ist ironisch gemeint, so wie es der Name «Hackertempel» für die Kirche ist. Aber der Name entstand, bevor die russische Einmischung in die US-Wahlen zum grossen Thema wurde. «Unsere Investoren rieten dazu, den ­Namen zu ändern», erklärt Cherkashin, «Sie fanden, es gehe nicht, dass eine Gruppe Russen einen Hackertempel mitten in San Francisco aufmacht, wenn gleichzeitig russische Hacker sich in die US-Wahlen einschalten». Er hielt am Namen fest, gerade weil er genug hat von politischen Querelen. «In Russland war ich politisch sehr aktiv und habe zum Beispiel vor acht Jahren die Wahlen als unabhängiger Beobachter begleitet, um einen fairen Ausgang zu ermöglichen. Doch nun habe ich aufgehört, Fernsehnachrichten zu sehen. Auf das aktuelle Niveau der Küchentischpolitik werde ich mich nicht begeben.»

«Das grosse Problem für russische Ingenieure ist, sich in die westliche Unternehmenswelt zu integrieren.»

Nikolay Davidov

Seine Zeit verwendet er lieber für sein Projekt eines Hackertreffpunkts in der Kirche. Er hat die Sakristei als ­erschwingliche Unterkunft für junge IT-Unternehmer aus aller Welt eröffnet und will damit der Wohnungsnot in der Stadt begegnen. Zwölf Zimmer stehen seit kurzem bereit, und alle sind bereits aus­gebucht. Die Nachfrage ist gerade von russischen Softwareentwicklern gross.

«Das grosse Problem für russische Ingenieure ist, sich in die westliche Unternehmenswelt zu integrieren», sagt Davidov. «Sie sprechen oft nicht gut Englisch und gelten nicht als sehr teamfähig, weil sie es gewohnt sind, Fragen schematisch wie in einem Examen zu beantworten.» Dieser Mangel könne nur mit exzellenten IT-Kenntnissen kompensiert werden. «Die Russen müssen in dieser Hinsicht mindestens doppelt so gut sein wie Amerikaner, Kanadier oder Israelis.»

Starke Zuwanderung

Mehr als 200'000 Russen sind im Grossraum San Francisco wohnhaft. Die Zuwanderung hat wegen der Wirren in Russland seit zehn Jahren zugenommen und sich beschleunigt. Mehr als 150 seiner Kollegen und Freunde aus Moskau seien in letzten vier Jahren in die USA ­gekommen, sagt Cherkashin.

Viele US-Firmen wollten zwar russische Spezialisten einstellen, sagt Leonard Grayver, ein auf Start-ups spezialisierter Anwalt: «Gleichzeitig aber erhöhen sie die Sicherheitsvorkehrungen und schotten Quellcodes ab, um ihnen den Zugriff zu verwehren.» Dabei bildet das politische Hacking nicht das grosse Risiko, meint Cherkashin. «Echt bedrohlich sind Angriffe auf das elektrische Netz, auf das Finanzsystem oder auf selbstfahrende Autos. Statt die Russen allgemein und zu Unrecht zu verdächtigen, wäre es gescheiter, sich diesen Risiken zuzuwenden.» Auch die Regierung sei gefordert. Cherkashins Idee: «Die USA sollten eine Gruppe von unbescholtenen russischen Hackern rekrutieren.»

Dass Google, Facebook oder Twitter die Probleme lösen können, ist aus Sicht der russischen IT-Ingenieure unwahrscheinlich. «Sie sind überfordert und wollen keine Risiken mehr eingehen. Es ist hart für sie, innovativ zu bleiben», meint Cherkashin. Die Lösung werde von Start-ups kommen. «Die erfolg­reichen Unternehmen der Zukunft sind jene, die wissen, wie bestehende IT-­Systeme wirklich sicher gemacht werden können.»

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