Ein Berner im Temporausch

Andreas Bergmann soll als Chef des TGV Lyria das französisch-schweizerische Bahnkonsortium wieder rentabel machen. Dabei nützen ihm seine Erfahrungen in der Airline-Branche.

Gleicher Service im Zug wie auf Langstreckenflügen: Andreas Bergmann, Chef von TGV Lyria. Foto: Nicolas Righetti (Lundi13.ch)

Gleicher Service im Zug wie auf Langstreckenflügen: Andreas Bergmann, Chef von TGV Lyria. Foto: Nicolas Righetti (Lundi13.ch)

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Die Zeit drängt. In fünf Minuten soll der TGV den Genfer Bahnhof Cornavin verlassen und in Richtung Paris rasen. Stress lässt Andreas Bergmann aber keinen aufkommen. Der Direktor des Zugunternehmens TGV Lyria will vom Lokführer wissen, ob alles gut laufe. Plötzlich ruft jemand vom gegenüberliegenden Gleis Bergmann zu. Die Stimme ­gehört einem Lokführer einer französischen Regionalbahn. Der Mann zwängt seinen Kopf durch ein enges Fenster im Bauch seiner Lok und rudert Bergmann mit der Hand zu sich. «Hey, ich kenne Sie», ruft Bergmann zurück und eilt kurz entschlossen zu dem Mann. Der Manager zückt sein Handy und macht von sich und dem Lokführer ein Selfie. Nach kurzem Small Talk kehrt der Lyria-Chef zu seinem wartenden Zug zurück und lässt sich im Inneren in einen der Sessel fallen. Der TGV nimmt Fahrt auf.

Kampf gegen Low-Cost-Flieger

Wer den Berner so beobachtet, denkt sich: «Ein Bähnler alter Schule.» Ein Irrtum. Bergmann ist erst seit Juli 2015 Chef des Bahnunternehmens TGV Lyria, das zu drei Vierteln der französischen Bahngesellschaft SNCF (Société nationale des chemins de fer français) und zu einem Viertel der SBB gehört. Und das Joint Venture, dessen Hochgeschwindigkeitszüge von Zürich, Bern, Basel, Genf, Lausanne nach Paris, Dijon, Marseille, Lyon, Avignon und Aix-en-Provence ­fahren, befindet sich in einer delikaten Situation.

Denn die Konkurrenz zu Low-Cost-Airlines wie Easyjet hat sich verschärft, insbesondere in der Romandie. Bahn und Airlines bedienen teilweise dasselbe Streckennetz, zielen auf dieselbe Kundschaft ab und befinden sich in ständigem Preiskampf. Dabei konnten die ­Airlines in den vergangenen Jahren vom Fall des Kerosinpreises profitierten. Und ihre Preise weiter senken.

Das sorgte für Bremsspuren in der ­Bilanz von TGV Lyria, der jährlich rund 5,2 Millionen Menschen transportiert: Das Unternehmen verlor Marktanteile und musste Umsatzeinbrüche hinnehmen. Die Kosten konnte das internationale Bahnunternehmen aber nicht so schnell drücken, wie die Einnahmen wegbrachen. Und rutschte so in die ­roten Zahlen.

«Der Kunde zahlt für die Arbeiter und nicht für den Manager. Der Kunde ist der Richter.»Andreas Bergmann

Wie kann sich TGV Lyria in dieser Konkurrenzsituation behaupten? Andreas Bergmann, der in Jegenstorf in der Nähe von Bern aufwuchs und heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Paris lebt, scheint für Antworten auf diese Fragen die richtige Person zu sein. Denn er kennt das Airline-Geschäft aus eigener Erfahrung.

Nach seiner Ausbildung an der Hotelfachschule in Lausanne war er als Manager der Swissair-Tochter Gate Gourmet jahrelang in halb Europa unterwegs. Für Gate Gourmet warf er sich 2001 nach dem Swissair-Grounding in einen erbitterten Überlebenskampf. Die Mission gelang. Schliesslich wechselte er zu ­Servair, der Airline-Catering-Tochter der Gruppe Air France/KLM, von wo er 2015 zu TGV Lyria stiess.

Konkurrenz aus halb Europa

«Preise runter, Service rauf, ran an die Kunden», rief Bergmann bei TGV Lyria als erste Doktrin aus. Und er verfeinerte das Angebot, was auch Airlines in den vergangenen Jahren taten. Für den ­solventen Passagier schuf er nebst der 1. Klasse eine Businessklasse, die dieselben Annehmlichkeiten wie Airlines auf Langstreckenflügen wie das Servieren von Gourmet-Menüs bietet.

Der Geschäftsgang habe sich bereits verbessert, 2017 werde man schwarze Zahlen vorweisen, prophezeit der 48-Jährige. Doch sein Blick schweift bereits in die entferntere Zukunft. Er rechnet damit, dass die EU die Nutzung des europäischen Bahnnetzes radikal öffnen wird. Die EU-Kommission hat bereits ein entsprechendes Gesetzespaket verabschiedet und damit den Weg freigemacht, dass ab 2020 mehrere Bahnunternehmen gleichzeitig dieselben Strecken bedienen können. Die Aussicht, sich auf dem «eigenen» Schienennetz gegen Bahnkonkurrenten aus halb Europa behaupten zu müssen, verstärkt den Druck auf Bergmann.

Bei alledem merkt man dem Berner an: Das Bahngeschäft gefällt ihm. Als Chef lebt er Bodenständigkeit vor. Der Kontakt zu seinen Mitarbeitern sei ihm wichtig, betont der 48-Jährige und wirft den Begriff der «umgekehrten Hierarchie» ein. «Meine Mitarbeiter, nicht ich, stehen in Kontakt mit den Passagieren, sie verkörpern die Dienstleistungen des Unternehmens, sie erleben die geschäftliche Realität, also muss ich alles tun, damit sie sich bestmöglich entfalten können», führt er aus und schiebt gleich noch ein paar Glaubensbekenntnisse nach: «Der Kunde zahlt für die Arbeiter und nicht für den Manager. Der Kunde ist der Richter.»

Mit Ansichten wie diesen ist dem Berner in einem französisch und damit hierarchisch geprägten Bahnunternehmen wie TGV Lyria Aufsehen garantiert. Doch Bergmann will keine Diskussion über Kulturkämpfe im Unternehmen führen. Natürlich sei er von der protestantischen Kultur geprägt, die auf Pragmatismus baue, der Leistung des Kollektivs vertraue und dem individuellen Prestige wenig Gewicht gebe, sagt der Berner. Er sieht aber auch in der hierarchischen französischen Kultur das Gute, weil Entscheidungsabläufe fein abgestimmt seien. Und er betont: In Frankreich hafte «le président», der VR-Präsident, mit seinem persönlichen Vermögen für falsche unternehmerische Entscheide.

Bergmann will bei TGV Lyria noch ­einige Dinge ändern. Er denkt laut über den Kauf von neuem Rollmaterial nach, um sich den Bedürfnissen der Passagiere noch mehr anzupassen. Doch neue Züge kosten Millionen. Ein solider ­Geschäftsgang über längere Zeit ist unabdingbar. Bergmann weiss: Zu rasch kann er seine Projekte nicht vorantreiben, auch wenn das Unternehmen sich hohe Tempi gewohnt ist und der TGV ­gerade mit 320 Stundenkilometern in Richtung Gare de Lyon nach Paris braust.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 22:10 Uhr

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