Dufte Schweizer

Abseits vom Mainstream gibt es im Parfümmarkt innovative Schweizer, die mit Erfolg eigene Düfte kreieren.

Die «Duftwand» in der Zürcher Parfümerie Osswald. In der Mitte das nach wie vor meistverkaufte, klassische Produkt. Foto: Sophie Stieger

Die «Duftwand» in der Zürcher Parfümerie Osswald. In der Mitte das nach wie vor meistverkaufte, klassische Produkt. Foto: Sophie Stieger

Andrea Fischer@tagesanzeiger

Ihre Reisen führten sie nach Madagaskar, Kolumbien, Südfrankreich und Kalabrien. Auch in der Schweiz wurden die Parfümeure des jungen Schweizer Labels Richard Lüscher Britos fündig: Die Arvennadeln aus dem Val d’Anniviers bilden die Basis für ein aromatisches, winterlich-frisches Parfüm in ihrer ersten Kollektion.

Im Schatten der internationalen Kosmetikkonzerne mit ihrem Massenparfümgeschäft hat sich in den letzten Jahren ein Angebot von alternativen Düften entwickelt. Sie kommen aus kleinen, unabhängigen Manufakturen, die sich mit ihren Parfümen nicht an bestimmten Zielgruppen orientieren und keinen Trends folgen. Mit originellen Kreationen, die auf Gewürzen, Blüten- oder Pflanzenessenzen basieren, mischen diese kleinen Parfümhäuser den Duftmarkt auf.

Das junge Schweizer Label Richard Lüscher Britos ist einer dieser Nischenhersteller, deren Produkte in Spezialabteilungen einzelner Warenhäuser oder in ausgewählten Parfümerien angeboten werden. Hinter Richard Lüscher Britos stehen die drei Jungparfümeure Malvin Richard, Lukas Lüscher und Serena Britos, die sich seit ihrer Jugend kennen und seit jeher «eine gemeinsame Leidenschaft und Faszination für die Natur und ätherische Öle teilen». Vor wenigen Monaten hat das Trio seine erste Duftkollektion auf den Markt gebracht, finanziert mit den eigenen Ersparnissen, ohne fremdes Kapital.

Recherche vor Ort

«Nischenparfümeure wollen mit ihren Kreationen Visionen verwirklichen», sagt Mirjam Berger von der traditionsreichen Zürcher Parfümerie Osswald. So war es auch bei Richard Lüscher Britos: «Am Anfang stand die Idee, natürliche Parfüme zu kreieren, die so dufteten wie die Terroirs, aus denen die Rohstoffe stammen», erzählt Malvin Richard. Für die Umsetzung ihrer Terroir-Idee reisten die drei selber an die Ursprungsorte der wichtigsten Rohstoffe, die sie für ihre Düfte ausgewählt hatten.

«Vor Ort haben wir uns bei den Bauern über die Grundlagen und die Geschichte des Rohstoffanbaus erkundigt und dabei auch erfahren, was sonst noch in der Gegend wächst und den typischen Duft der Terroirs ausmacht.»

Mit den Essenzen, den Informationen und Eindrücken von ihren Reisen machten sich Lüscher und Richard anschliessend auf die Suche nach geeigneten Parfümeuren – einen für jeden Duft. Die fertige Formel für die Parfüme kauften sie den Parfümeuren ab und stellten damit die Endprodukte selber her. Ihre Terroir-Idee zogen sie bis ins Letzte durch: Die Parfüme tragen keine Namen, sondern sind mit den geografischen Koordinaten der Rohstoffgegenden bezeichnet. Der Duft aus dem Val d’Anniviers heisst etwa 46° N 08° E.

Bevor Richard Lüscher Britos ihre Kreationen in den Verkauf brachten, testeten sie diese in einem Pop-up Store in Zürich. Mit Erfolg. Und auch der im letzten Sommer gestartete Verkauf entwickle sich gut. So gut, dass sie mit den Einnahmen bereits die Stelle von Lukas Lüscher als Marketingverantwortlicher finanzieren können.

Dabei sind Nischendüfte nicht gerade günstig. Weil sie aus hochwertigen, meist konzentrierten Ingredienzen bestehen, kosten sie zwischen 100 und 200 Franken pro Flacon und liegen damit preislich im Rahmen von Luxusparfümen bekannter Marken. Doch sie entsprächen dem wachsenden Bedürfnis der Kundinnen nach Individualität und Qualität, sagt Mirjam Berger von der Parfümerie Osswald. Nischendüfte fänden immer mehr Anklang, bestätigt Barbara Kallenberg, Sprecherin von Jelmoli. Auch Globus macht mit seinem auf Alternativparfümen ausgeweiteten Sortiment gute Erfahrungen: Das Weihnachtsgeschäft im vergangenen Jahr schloss bei den Düften mit einem klaren Umsatzplus ab.

Erfolg im Ausland

Die Schweiz sei für Nischenparfüme aber ein eher schwieriger Markt, sagt Andy Tauer. Der 50-jährige Zürcher ist seit über zehn Jahren im alternativen Duftgeschäft tätig und gehört mittlerweile zu den erfahrensten und bekanntesten Schweizer Parfümeuren.

Den grössten Teil der 6000 bis 7000 Flacons, die Tauer jährlich verkauft, setzt er im Ausland ab; in den USA, Italien und Russland, wo er seine Düfte übers Internet, über Distributoren vertreibt oder direkt an Einzelhändler liefert. Vor kurzem hat Tauer einen Vertrag mit einem Händler aus Saudiarabien abgeschlossen. In der Schweiz verfügt er jedoch nur über einen einzigen Verkaufsstandort. Wer ein Tauer-Parfüm wählt, kann also sicher sein, etwas Exklusives zu tragen.

Am Anfang war es bloss ein Hobby, bis ihn ein enger Freund bat, einen Duft zu kreieren, der zu seinem Laden passte. So entstand «Le Maroc pour elle», Tauers erstes Parfüm. Doch es verkaufte sich nicht – er habe nie verstanden, warum. Freunde und Bekannte ermunterten ihn, es weiter zu versuchen. Sein zweiter Duft, «L’Air du désert Marocain» – der im ersten Moment besticht durch intensive Gewürznoten, sich dann aber zu einem warmen, langanhaltenden orientalischen Parfüm entwickelt –, kam 2005 auf den Markt. Er wurde zu einem grossen Erfolg, dank einer exzellenten Kritik des international bekannten Parfümkritikers Luca Turin, dem Tauer eine Probe geschickt hatte. «Ich hätte es bei diesem Erfolgsduft belassen und mich darauf konzentrieren können, ihn effizient zu vermarkten», sagt Tauer. Doch war ihm klar: Wenn er als Parfümeur ernst genommen werden wollte, musste er weitermachen. Mittlerweile hat Tauer mehr als 20 Parfüme kreiert.

Hat er eine Idee für einen Duft, entwirft der ehemalige Molekularbiologe selber die Formel dafür, probiert sie aus und passt sie gegebenenfalls an, bis das Resultat der Idee entspricht. Dabei verwendet Tauer sowohl natürliche wie synthetische Inhaltsstoffe. «Alle arbeiten mit den bestehenden Essenzen – der Rest ist Handwerk», sagt Tauer, der nicht über eine Parfümeurausbildung verfügt. Steht die Formel, hinterlegt er sie bei einer Produktionsfirma, denn die Herstellung seiner Düfte hat er vor ein paar Jahren ausgelagert. Nur das Verpacken und Verschicken besorgt er noch immer selber. Seit rund vier Jahren kann Andy Tauer von seiner Tätigkeit als Parfümeur leben, und langsam fange es sogar an, auch finanziell Spass zu machen.

An der Spitze steht eines der ältesten Parfüme

Die grossen Parfümhersteller können ihre Stellung nur mit grossem Marketingaufwand behaupten und werden zunehmend von kleinen Konkurrenten bedrängt.

Das Massenparfümgeschäft ist hart umkämpft. Jährlich erscheinen Hunderte von neuen Düften auf dem Markt, mit denen die Hersteller um die Gunst der Kundinnen und Kunden kämpfen und um den beschränkten Platz in den Geschäften, sagt Niklaus Müller, Beautychef bei der Zeitschrift «Annabelle», die im gleichen Verlag erscheint wie der «Tages-Anzeiger».

Der Markt sei geradezu von Neuheiten getrieben, bestätigt Sonja Grampp, zuständig für den Einkauf Prestige Kosmetik bei Globus. Wer als Parfümhersteller nicht an Kompetenz verlieren wolle, der komme ohne Neuheiten nicht aus.

Selbst die grossen französischen Parfümhäuser wie Chanel, Dior oder Yves Saint Laurent können sich diesem Druck nicht entziehen. «Ihre Neuheiten sind jedoch oft nur Variationen von beliebten Düften der gleichen Marke», stellt ­Niklaus Müller fest. Die neu lancierten Produkte würden einfach mit Zusatz­bezeichnungen versehen wie etwa Eau Fraîche, Eau Légère oder Parfüm intense oder Ähnliches, dabei aber unter demselben Hauptnamen verkauft.

Rund die Hälfte aller Duftneuheiten verschwindet nach kurzer Zeit wieder vom Markt. Und von den übrigen schaffen es nur wenige, sich zu etablieren.

Rückläufige Umsätze

Trotz des permanenten Booms an neuen Düften: Die Umsätze stagnieren und ­waren im Jahr 2013 bei den Mainstreamdüften und den Männerparfümen gar rückläufig. Nur Edelparfüme für Frauen, die allein fast 60 Prozent des gesamten Parfümumsatzes ausmachen, konnten sich noch leicht steigern, schrieb das internationale Marktforschungsunternehmen Euromonitor letzten Sommer in einem Bericht zum Parfümmarkt Schweiz. Ursache für den Umsatzrückgang sei in erster Linie der Preiswettbewerb, der von den Parfümketten angetrieben werde. Dies habe zu tieferen Durchschnittspreisen geführt.

Mit ihren Rabatten und Aktionen ­machen die Ketten auch den etablierten Händlern zusehends zu schaffen. Das ist mit ein Grund, warum Warenhäuser wie Globus und Jelmoli sowie einzelne Parfümerien bereits vor einiger Zeit ihre Strategien überdacht und ihr Parfümsortiment um exklusive Nischendüfte ergänzt haben.

Die unbestrittene Nummer 1

Das Nischenangebot sei in den letzten Jahren unglaublich stark gewachsen. Auch in Zukunft sei mit einer markanten Zunahme von Nischendüften zu rechnen, welche die Marktmacht der grössten Player schwächen würden, prognostiziert der Marktforscher Eurotrend. Letztere könnten ihre Stellung ohnehin nur noch mit einem enormen Aufwand an Marketing behaupten.

Vorläufig aber haben die grossen Parfümhäuser noch Oberhand. Allen voran die Marke Chanel, dahinter folgen Christian Dior, Calvin Klein und Yves Saint Laurent. Der Chanel-Duft N° 5, eines der ältesten Parfüme auf dem Markt, ist die unbestrittene Nummer eins in der Schweiz. Vom Gesamtumsatz der Parfümbranche von rund 430 Millionen Franken im Jahr 2013 gingen nach Angaben von Euromonitor allein 14 Millionen aufs Konto des Chanel-Klassikers. Daran dürfte sich auch im vergangenen Jahr kaum etwas geändert haben. (Andrea Fischer)

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