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Die Schweiz ist ein Lohn-Sonderfall

In der Schweiz sind die Löhne laut einer Studie fairer verteilt als in den meisten anderen OECD-Ländern. Diese Sonderstellung ist allerdings in Gefahr.

In der Schweiz ist der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen in den letzten 30 Jahren konstant geblieben. In anderen entwickelten Ländern dagegen sank die sogenannte Lohnquote, wie eine neue ETH-Studie aufzeigt. Die Schweiz dürfte ihre Sonderstellung jedoch bis 2020 einbüssen.

Der Grund für die Stabilität der schweizerischen Lohnquote sei unter anderem das hohe Bildungsniveau, schrieb der Schweizerische Nationalfonds (SNF), der die Studie finanziert hat, am Dienstag in einer Mitteilung. Die Lohnquote ist der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen der Bevölkerung.

Stabile Lohnquote seit 1980

Die Einnahmen, die eine Firma erwirtschaftet, werden zwischen Arbeitnehmenden (Löhne) und Kapitaleignern (Gewinne) aufgeteilt. Da Lohneinkommen in der Gesellschaft gleichmässiger verteilt sind als Kapitaleinkommen, die sich auf wenige Personen konzentrieren, deutet die Lohnquote darauf hin, wie gleich oder ungleich die Einkommen in einem Land verteilt sind.

Das Team um Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH Zürich hat nun untersucht, wie sich dieser Indikator in den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.

In der Schweiz blieb die Lohnquote von 1980 bis 2012 stabil bei 65 bis 70 Prozent, schreiben die Forscher in einem Arbeitspapier. In den allermeisten anderen OECD-Staaten ist sie dagegen gesunken – in Ländern wie Frankreich, Italien, Japan, USA oder Schweden von 65 bis 70 Prozent auf 55 bis 60 Prozent.

Computer statt Mensch

Als Ursachen identifizierten die Forscher zum einen die Schwächung der Gewerkschaften, zum anderen den vermehrten Einsatz von Computern und des Internets. Dadurch würden insbesondere schlechter qualifizierte Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht, was den Lohnanteil am Gesamteinkommen vermindere.

Anders als etwa Schweden oder die USA habe die Schweiz die digitale Revolution von 1980 bis zur Mitte der 1990er-Jahre verschlafen, so Siegenthaler in der Mitteilung. Nachher habe der hohe Bildungsstand der Schweiz den Effekt abgefedert: Relativ viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte führen am Computer komplexe Tätigkeiten aus.

Die Branchenzusammensetzung habe sich zudem in der Schweiz in den letzten 30 Jahren weniger stark zu Branchen mit tiefen Lohnquoten verschoben als in anderen Ländern. «Die Schweiz hat sich auf wissensintensive Branchen in der Industrie und den Dienstleistungen spezialisiert, die überdurchschnittlich hohe Lohnquoten aufweisen», sagt Siegenthaler. Das habe der Abnahme der Lohnquote entgegengewirkt.

Sinkende Lohnquote bis 2020

Die Sonderstellung der Schweiz könnte aber bald ein Ende finden. Die Forscher gehen davon aus, dass die Computerisierung der Arbeitswelt weiter fortschreitet und die Macht der Gewerkschaften noch mehr abnimmt. Daher dürfte die Lohnquote auch in der Schweiz bis ins Jahr 2020 sinken.

Eine Verringerung der Lohnquote führe tendenziell zu einer grösseren Verteilungsungleichheit in einer Volkswirtschaft, hält der SNF fest. Dies könnte den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft schwächen.

SDA/fko

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