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«Die Produktion der Industrie wird massiv sinken»

Für Dennis Meadows, Mitautor von «Grenzen des Wachstums», ist die Finanzkrise ein gutes Beispiel dafür, dass ein System kollabiert, wenn die Grenzen missachtet werden.

«Sechs Milliarden Menschen können nicht den Lebensstandard der Schweiz leben»: Dennis Meadows.
«Sechs Milliarden Menschen können nicht den Lebensstandard der Schweiz leben»: Dennis Meadows.
Beat Marti

Für die Presse war es 1972 die grosse Schlagzeile: «Wissenschaftler warnen vor einer Welt-Katastrophe». Ein Forscherteam am renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, Dennis Meadows, seine Frau Donella und Jorgen Randers hatte in ihrem Bericht «Grenzen des Wachstums» davor gewarnt. Eine Zunahme der Weltbevölkerung, der industriellen Produktion, der Umweltverschmutzung und der Nahrungsmittelproduktion würde in hundert Jahren unweigerlich zu einem Kollaps führen. Die Studie machten die Forscher für den Club of Rome, eine internationale Vereinigung von Geschäftsleuten, Politikern und Wissenschaftlern. Etwa vier Milliarden Menschen lebten damals, vor rund 35 Jahren auf der Erde. Heute sind es bereits über 6,5 Milliarden. Wer eine Gesellschaft anstreben möchte, so die Botschaft, die sozial ausgeglichen und ökologisch nachhaltig sein soll, der muss vom ständigen Wachstumsgedanken abkommen.

Diese Sichtweise hat sich bis heute beim amerikanischen Systemanalytiker Dennis Meadows nicht geändert. Was schlägt er vor? Für den 66-jährigen Wissenschaftler gibt es kein «magisches Konzept». Er wolle aufzeigen, wie unterschiedlich sich das System Erde verhalten könne, je nachdem wie sich der Mensch künftig verhalte, sagte er am Donnerstag an einem Vortrag des Forums für Nachhaltigkeit an der Universität Zürich. Meadows will dabei nicht als Alarmist gelten. Aber eines ist für ihn sicher: Angewohnheiten, die schaden, müssen verändert werden. «Und das ist keine besonders angenehme Lösung», sagt er. Ein Szenario des Computermodels World3 in einer aktualisierten Auflage von «Grenzen des Wachstums» beschreibt den Kollaps bereits in wenigen Jahrzehnten, wenn Politik und Wirtschaft nicht achtsamer mit den natürlichen Ressourcen umgehen: Die weltweite Produktion wird massiv sinken, die Bevölkerung wird etwa bei 8 Milliarden das Maximum erreicht haben. Denn die Sterberate steigt, weil es zu wenig Lebensmittel gibt und Krankheiten sich ausbreiten.

Herr Meadows, Sie haben den richtigen Zeitpunkt für Ihren Auftritt an der Universität Zürich gewählt. Die Welt stemmt sich gegen die Finanzkrise und Sie diskutieren über die Grenzen des Wachstums......in der Tat ist die Finanzkrise ein gutes Beispiel. Es gibt Grenzen in der Wirtschaft, sie wurden ignoriert, überschritten, und das System ist kollabiert. Hätte man in den 90er-Jahren die Anzeichen der Krise ernst genommen, die Korrekturen wären billiger gewesen und hätten weniger soziale Probleme verursacht. Nun verlieren möglicherweise Millionen Menschen ihren Job und ihr Zuhause.

Der ökologische Fussabdruck des Schweizer Umweltökonomen Mathis Wackernagel zeigt, dass wir jetzt schon deutlich mehr Ressourcen verbrauchen, als der Planet langfristig liefern kann. Stehen wir bereits vor dem Kollaps der Erde?Wo die exakten Grenzen des Wachstums sind, wissen wir nicht. Sicher ist, dass es nicht möglich sein wird, dass die heute mehr als sechs Milliarden Menschen den Lebensstandard eines Schweizers leben können. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es zu spät. Die Welt erträgt vielleicht im besten Falle zwei Milliarden Menschen, die Energie und Lebensmittel auf diesem Niveau konsumieren.

Es gibt Stimmen, die eine nachhaltige Welt mit dem westlichen Lebensstandard durchaus für möglich halten.Das ist lächerlich. Ein weiteres Wirtschaftswachstum verbraucht noch mehr materielle Ressourcen und Energie. Das wäre fatal in den nächsten Jahrzehnten.

Das Thema Nullwachstum scheint vom Tisch. Niemand spricht darüber, Sie sind ein einsamer Rufer in der Wüste.Das stimmt so nicht. Im Gegensatz zu 1972, als wir das Buch «Grenzen des Wachstums» veröffentlichten, hat die Öffentlichkeit heute ein anderes Bewusstsein. Die Medien berichten über Überfischung, über die knapper werdenden Wasserressourcen, über den Klimawandel. Das Bewusstsein hat sich stark verändert. Das löst allerdings nicht unsere Probleme. Nur eine Verhaltensänderung tut es, und da hapert es. In jedem reichen Land steigen nach wie vor die Treibhausgas-Emissionen an.

Warnungen von den Wissenschaftlern gibt es genügend, trotzdem setzen Politiker und Ökonomen Massnahmen nur zögerlich um. Ignorieren sie die Wissenschaft?Das glaube ich nicht. Die meisten Ökonomen nehmen die Wissenschaft ernst. Verschiedenene ökonomische Studien zeigen auch, dass wir Opfer bringen müssen. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama weiss genau, dass es mit der Energieverschwendung in den Staaten so nicht weitergehen kann, aber er kommuniziert es nicht. Er weiss, die Chancen auf einen Wahlerfolg würden sonst drastisch sinken.

Für manche Experten kann der Kampf gegen Hunger nur mit einem Wirtschaftswachstum gewonnen werden.Das ist doch Unsinn. Zwischen 1980 und 2005 war das Wirtschaftswachstum so hoch wie noch nie. Haben wir damit die Armut in der Welt gelindert? Es gibt einfachere Lösungen, damit sich das Hungerproblem nicht verschärft. Zum Beispiel die Produktion des Treibstoffes Ethanol aus Nahrungsmitteln stoppen.

Viele Mitglieder des Club of Rome glauben nicht an die Chancen eines Nullwachstums. War das der Grund, dass Sie aus der Institution austraten?Nein, ich bin nun pensioniert und möchte mich auf anderes konzentrieren. Ich war 37 Jahre Mitglied, der Club ist in Europa und ich lebe in den Staaten.

Ärgern Sie sich tatsächlich nicht, wenn Mitglieder des Clubs behaupten, auch ein Wirtschaftswachstum von mehreren Prozent sei umwelt- und sozialverträglich?Der Club ist eine grosse Organisation, es gab schon 1972 Mitglieder, die unsere Arbeit nicht akzeptierten. Es gibt viele Politiker, die nicht meiner Meinung sind. Im Übrigen sage ich nicht, wir müssen den Gürtel enger schnallen. Ich sage, wir werden weniger konsumieren. Unsere Forschung zeigt, dass die Weltproduktion von Industriegütern etwa ab 2040 über eine längere Zeit massiv sinken wird.

Wird für eine nachhaltige Welt eine staatliche Kontrolle durch Regeln, Gesetze, Grenzwerte und Verträge notwendig, und müssen wir uns von der freien Marktwirtschaft verabschieden?Wir haben heute überhaupt keine freie Marktwirtschaft. Die meisten Unternehmen, die vordergründig den freien Markt stützen, suchen in Wahrheit Abkommen und Verträge, um den freien Markt einzugrenzen und den Preis zu stabilisieren. Wir werden wieder mehr in Richtung Protektionismus gehen, der globale freie Markt ist zu Ende.

Die ETH Zürich verfolgt die Strategie der «1-Tonnen-CO2-Gesellschaft» und setzt den Akzent weniger auf den Konsum, sondern vielmehr auf technologische Entwicklung. Reicht das aus?Wir brauchen neue und effizientere Technologie, bessere Umweltschutzprogramme und erneuerbare Energie. Doch das reicht nicht aus. Es braucht auch eine Verhaltensänderung und eine Werthaltung, die zu weniger Konsum führen muss.

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