«Die Poststellen werden gezielt unrentabel gemacht»

David Roth von Syndicom ist der Meinung, die Post überschreite ihre Kompetenzen.

Bis zu 600 der heute 1400 Poststellen sollen in den kommenden vier Jahren verschwinden.

Bis zu 600 der heute 1400 Poststellen sollen in den kommenden vier Jahren verschwinden.

(Bild: Keystone)

Yvonne Debrunner@yvonnedebrunner

Was halten Sie von den Plänen, Poststellen durch Postagenturen, etwa in Volg-Läden, zu ersetzen?
Damit spart die Post bei den Löhnen. Das ist auch ihr Ziel. Es geht ihr nicht in erster Linie darum, näher am Kundenbedürfnis zu sein, wie sie vorgibt. Eine Volg-Mitarbeiterin mit einem Lohn von 3000 Franken ist eine direkte Konkurrentin einer Poststellen-Mitarbeiterin. Indem die Post auf Agenturen setzt, untergräbt sie den Gesamtarbeitsvertrag. Denn dieser gilt nur für Postangestellte.

Post-Chefin Susanne Ruoff sagte, die Gewerkschaften seien über die Pläne informiert worden.
Das stimmt nicht. Wir haben erst kurz vor der Medienkonferenz erfahren, dass die Post 500 bis 600 Poststellen schliessen will. So gehen wir eigentlich nicht miteinander um.

Werden Sie reagieren?
Die Politik muss sich dringend einschalten. Aus unserer Sicht überschreitet die Post ihre Kompetenzen. Es geht in eine Richtung, die von der Schweizer Bevölkerung überhaupt nicht goutiert wird. Innert 20 Jahren reduziert sich die Zahl der Poststellen von 3600 auf 800 bis 900. Das will niemand. Die Post will ja jetzt mit der Bevölkerung darüber sprechen, mit den Kantonen und Gemeinden. Das kann sie sich sparen. Man weiss, was die Leute von Poststellenschliessungen halten, und die Post wird ohnehin nicht von ihren Plänen abweichen wollen.

Die Politik hat ja bereits definiert, was die Post anbieten muss. Susanne Ruoff sagt, man übertreffe diese Ansprüche auch nach dem Abbau.
Das stimmt nicht. Die Ansprüche der Politik an die Post sind andere. Per Grundversorgung müssen 90 Prozent der Bevölkerung innert 20 Minuten eine Poststelle erreichen. Klar, wenn man jeden Dorfladen zu einer Poststelle erklärt, kann man schon sagen, dass dies erfüllt sei.

Die Postagenturen in Läden haben längere Öffnungszeiten als die Poststellen. Ist das kein Argument?
Doch, sicher. Die Post kann nicht nur dann offen haben, wenn alle arbeiten. Wir wollen auch, dass die Post den Kundenbedürfnissen besser entspricht. Aber wir sehen nicht ein, weshalb man das nicht mit den Postangestellten machen kann. Weshalb man stattdessen in den Niedriglohnbereich ausweicht. Die Schalterangestellten wären bereit, sich anzupassen. Sie möchten auch, dass ihre Filiale rentiert. Viele von ihnen finden es beispielsweise gut, dass in den Poststellen allerlei andere Sachen verkauft werden, weil das den Umsatz steigert. Die Post ist aber gar nicht bereit, die Poststellen weiterzuentwickeln. Stattdessen entwickelt sie Angebote, die die Poststellen konkurrenzieren, und macht diese gezielt unrentabel.

Inwiefern?
Ein Beispiel: Früher wurden die Briefe auf der Poststelle sortiert. Diese Wertschöpfung fand also in der Poststelle statt. Dafür war auch ein Teil der Fläche vorgesehen. Heute findet die ganze Sortierung zentral statt. Die Fläche in den Poststellen, die man vorher zum Sortieren brauchte, rechnet man nun dem Posten Poststellen und Verkauf zu. Damit hat die Post die Mietkosten buchhalterisch künstlich erhöht, um nachher sagen zu können, die Poststellen seien nicht mehr rentabel.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt